Till Bräkling über Herausforderungen der Mediennutzung

Eltern-Medien-Trainer: „Im Moment hören wir auf Lobbyisten“

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Tipps vom Eltern-Medien-Trainer können sich Eltern und andere Interessierte am 25. April bei einer Info-Veranstaltung in der Stadtbibliothek holen.

Achim – Zum Eltern-Medien-Trainer hat sich vor kurzem Till Bräkling ausbilden lassen. Er ist bei der Stadt Achim im Fachbereich Kultur, Gesellschaft und Soziales für den Bereich Kinder und Jugend zuständig.

Mit der Fortbildung hat sich die Landesstelle Jugendschutz in Hannover zum Ziel gesetzt, Multiplikatoren auszubilden, die Familien bei der Nutzung digitaler Medien beraten. In fünf Blöcken, über ein Jahr verteilt, verschaffte sich Bräkling das notwendige Hintergrundwissen. Redakteurin Lisa Duncan sprach mit ihm über Chancen und Risiken des digitalen Wandels.

Internet, Smartphone und Co. sind ja kein „Neuland“, wie es einst Angela Merkel rausrutschte. Was haben Sie gelernt, was Sie noch nicht wussten?

Ich habe ganz viel über Risiken bei der Nutzung digitaler Medien und Schutzmechanismen gelernt sowie Untersuchungsgremien. All diese Sicherungssysteme können aber die elterliche Verantwortung nicht ersetzen. Eltern brauchen aber auch Informationen, um ihrem Erziehungsauftrag gerecht zu werden. Wissen und die eigene Haltung sind daher letztlich das Wichtigste, um die Nutzung mit dem Kind auf Grundlage von Informationen besprechen zu können. Da wollen wir ansetzen. Das ist auch ein Anspruch, den ich mir selbst als Vater stelle.

Sie haben selbst zwei Kinder im Alter von neun und zwölf Jahren. Wie hat sich in ihrer Familie der Umgang mit neuen Medien durch die Fortbildung geändert?

Seit einigen Monaten überlegen wir mehr: Was stört uns in der eigenen Mediennutzung? Und das gilt nicht nur für unsere Kinder. In unserer Familie nehmen wir uns bewusster medienfreie Zeiten, zum Beispiel, wenn wir essen, gehen wir nur ans Telefon, wenn ein Familienmitglied nicht da ist, weil es sich dann um einen Notfall handeln könnte. Früher gab es eine feste Stelle im Haus für das (kabellose) Festnetztelefon. Sowas haben wir nun auch für unsere mobilen Endgeräte. Das verhindert, dass ständige Unterbrechungen entstehen, weil man eben doch draufguckt, wenn es leuchtet. Diese Fixierung auf eingehende Nachrichten führt zu einem fragmentierten Alltag. Dadurch können wiederum kreative Prozesse nicht zu Ende geführt werden. Auch auf dem Nachttisch liegen bei uns keine Geräte, auch wenn das verlockend erscheint. Bei vielen gehört der Blick aufs Handy schon mit zum Alltag morgens. Das muss aber jeder selbst für sich feststellen.

Welche praktischen Tipps können Sie Eltern für den Familienalltag geben? Sind Verbote sinnvoll?

Verbote sind deshalb nicht passend, weil man das schon aus anderen Bereichen kennt: Es gibt ein Parkverbot, ein Rauchverbot. Mir geht es nicht um Verbote, sondern darum, deutlich zu machen, dass es eher um ein Stück Lebenseinstellung geht. Es gibt nicht „die zehn Tipps“, die für alle Familien und Situationen passen. Es kommt eher darauf an, dass Regeln von den Eltern auch so vorgelebt werden. Die Freizeit lässt sich durch das Smartphone mit Filmkonsum und anderen Dingen massiv einfach gestalten. Das sollten auch Erwachsene bei sich hinterfragen. Dass das nicht immer einfach ist, sieht man schon an folgender Frage: Wie viele Stunden Bildschirmzeit sind okay? Aber was heißt eigentlich Bildschirmzeit? Bildschirme gibt es überall in unserem Alltag, ob im Einkaufszentrum oder in der Straßenbahn. Mir erscheint der Begriff „Daddelzeit“ treffender, also reines Spielen und nicht etwa Vokabeln auf dem Smartphone üben. Diese „Daddelzeit“ sollte immer in Relation zu anderen Freizeitbeschäftigungen gesehen werden. Wenn man diese Zeit klar definiert, kann man dann auch wirklich Spaß am Spiel haben. Der andere Extremfall wäre ein Kind, das nach Hause kommt und spielt bis es ins Bett geht – da besteht Handlungsbedarf.

Geht es denn immer um Spielsucht oder was wären andere Gefahren?

Man muss gar nicht in die Suchtschiene gehen. Es reicht auch, eine Stunde zu spielen, um ordentlich Geld loszuwerden. Das kann richtig teuer sein, wenn man zum Beispiel seine Avatare (Spielfiguren) mit „Skins“ (virtuelle Kleidung und/oder Ausrüstung) ausstatten will. Ein „No Skin“, als jemand, der sich das nicht leisten kann, ist dementsprechend ein Schimpfwort. Es gibt auch Challenges, die in einer bestimmten Zeit abgeschlossen werden müssen. So ein Spiel hat im Prinzip kein Ende. Einige Spiele enthalten nachweislich Elemente des Glücksspiels. Da wird eine „Loot-Box“ zum Kauf angeboten, das ist quasi ein digitales Überraschungsei. Forschungen haben gezeigt, dass diese Elemente Glücks-Botenstoffe im Gehirn auslösen. Auch körperliche Auswirkungen hat man schon festgestellt: Der permanente Blick auf das Smartphone führt zu Kurzsichtigkeit. Ein anderer Aspekt ist das „Datengold“, das man durch das Nachrichtenschreiben auf Whatsapp und Co. produziert und das Unternehmen für ihre Zwecke abbauen. Diese ständige Verfügbarkeit der Mediennutzung ist ein Megatrend: Interessant ist, dass es sich durch alle Generationen und alle Schichten zieht.

Sie planen eine Eltern-LAN-Party. Warum sollten Eltern da „mitspielen“?

Den Namen haben wir so gewählt, um die heutige Elterngeneration zu erreichen. In deren Jugend hat man sich bei LAN-Partys mit anderen per Kabel verbunden, um interaktive PC-Spiele zu spielen. Bei der Veranstaltung in der Stadtbibliothek erhalten Eltern die Möglichkeit, die Spiele selber zu testen und mehr über die Hintergründe zu erfahren. Denn die Eltern wissen oft gar nicht, was ihre Kinder da machen. Viele Eltern kaufen die Spiele einfach. Die klassische Elternrolle, nämlich, dass Eltern wissen, was Kinder nicht wissen, verhält sich in diesem Fall umgekehrt. Kinder brauchen aber „Rahmungskompetenz“. Man kann nur etwas richtig einsortieren, wenn man Wissen darüber hat.

Welche Chancen und Risiken sehen Sie im Digitalpakt Schule?

Erstmal ist das sowieso zu wenig Geld um eine Digitalisierung des Unterrichts umzusetzen. Und dann habe ich diverse Fragezeichen dazu. Wenn ich das entscheiden könnte, würde ich digitale Medien in der Bildung erst mal stärker erforschen. Im Moment hören wir auf Lobbyisten. Die Digitalisierung ist zwar ein Megatrend, aber es bringt nichts, sie unreflektiert in alle Lebensbereiche reinzudrücken. Zuerst sollten die Leute, die mit Kindern arbeiten (vom Lehrer bis zum Sozialpädagogen), Bescheid wissen. Ein weiteres Fragezeichen ist die unreflektierte Nutzung. Über die Nutzung von Tablets im Unterricht gibt es bereits Studien – aus anderen Ländern –, die sagen, dass es nicht hilft und das Lernpotenzial nicht besser macht. Im Gegenteil: Durch die Fragmentierung, die ein ständig vibrierendes Gerät mit sich bringt, können die Schüler nicht in den Flow kommen, damit sie etwas lernen und verstehen. Ein Handyverbot gibt es ja mittlerweile an vielen Schulen, aber das ist im Schulalltag natürlich nicht immer zu realisieren.

Veranstaltung: Eltern-LAN-Party

Bei einer Eltern-LAN-Party, die die Stadt Achim in Kooperation mit der Stadtbibliothek am Donnerstag, 25. April, von 19 bis 21 Uhr in den Bibliotheksräumen anbietet, steht Till Bräkling auch für Fragen zur Verfügung. „Erfahren Sie mehr über Hintergründe, Risiken und die Faszination, die Kinder und Jugendliche immer wieder vor den Bildschirm zieht“, heißt es in der Ankündigung. Bräkling und der Bibliotheksmitarbeiter Sasa Kovacevic geben Hintergrundinfos, etwa zu aktuellen Nutzungstrends, Spielewelten für Mädchen und Jungen, Regelungen zur Altersbeschränkung, Werbung und scheinbar kostenlosen Spielen. „Die ganz großen Spiele basieren oft darauf, dass die Software-Firmen über In-App-Käufe Geld damit verdienen. Das können beispielsweise pro Outfit für eine Spielfigur locker 20 Euro sein – ein Milliardengeschäft“, sagt Sasa Kovacevic. Zum Spielen stehen Computer, Nintendo Switch, Playstation inklusive virtueller Realität-Brille und Spiele verschiedener Altersfreigaben und Genres zur Verfügung. Auch Spieleexperten stehen den Besuchern beratend zur Seite. Die kostenlose Veranstaltung richtet sich an Eltern, Lehrer und pädagogische Fachkräfte.

Anmeldung: t.braekling@stadt.achim.de oder 04202/9160 431

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