Fachstelle Sucht: Zunahme bei Gaming und Social Media zieht sich durch alle Altersgruppen

Mehr Bildschirmzeit, weniger Kontrolle

Beratung bei Mediensucht bietet Julia Stief (rechts) von der Fachstelle Sucht und Suchtprävention an. Regina Haack bietet Präventionsprojekte an Schulen.
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Beratung bei Mediensucht bietet Julia Stief (rechts) von der Fachstelle Sucht und Suchtprävention an. Regina Haack bietet Präventionsprojekte an Schulen.

Achim – Der Lockdown befeuert die Mediensucht: In Zeiten, die durch digitale Kontakte und fehlende Freizeitangebote geprägt sind, gewinnen Computerspiele und Social-Media zunehmend die Oberhand – nicht nur bei Kindern und Jugendlichen, sondern auch bei Erwachsenen. Das belege eine Studie der Krankenkasse DAK im Rahmen der Präventivoffensive „Mediensucht 2020“, sagt Regina Haack von der Fachstelle für Sucht und Suchtprävention in Achim.

„Eine Tendenz, die es vor Corona schon gab, dass die Mediennutzung in einen ungesunden Bereich geht, verschärft sich durch den Lock-down“, beschreibt Haack das Dilemma vieler Familien. Haack bietet seit vielen Jahren landkreisweit Präventionsprogramme an Schulen an. Zielgruppe sind Grundschüler und deren Eltern. Ihr aktuelles Projekt „Total verspielt – groß werden in digitalen Zeiten“ ruht aber zurzeit wegen der Kontaktbeschränkungen.

„Man trifft sich nicht so viel, dafür digitalisiert sich alles mehr“, weiß auch Julia Stief. Schüler erhalten Tablets und Laptops für den digitalen Unterricht, nutzen zu Hause aber auch Streamingdienste und Spielkonsolen. Stief berät Betroffene und Angehörige zu internetbezogenen Störungen. Nach drei Jahren ist ein Projekt zur Medienabhängigkeit des Landes Niedersachsen zu Ende gegangen. Der Landkreis Verden hat diese Förderung nun mit zehn Stunden wöchentlich verlängert, sodass die Fachstelle Sucht in Achim wieder zusätzliche Beratungen anbieten kann.

Laut der DAK-Studie haben sich vor und unter dem Lockdown die Medien-Nutzungszeiten signifikant gesteigert: Bei Computerspielen erhöhte sich die tägliche Nutzung erheblich, nämlich von 39 Prozent auf aktuell 54 Prozent, bei Social Media gab es eine Steigerung von zuvor 66 Prozent auf jetzt 75 Prozent. Auch die tägliche Minutenzahl hat sich der Studie zufolge in beiden Bereichen erhöht: Waren es werktags zuvor 80 Minuten, die Kinder und Jugendliche mit Computerspielen zugebracht haben, sind es nun 140 Minuten. Ein ähnliches Bild ergibt sich bei sozialen Medien: statt bisher 115 Minuten täglich liegt die Nutzungszeit jetzt bei 190 Minuten.

Die deutliche Ausweitung des Medienkonsums führe aber nicht dazu, dass Eltern mehr regulieren als zuvor. So hätten zuvor 53 Prozent der Eltern auf die zeitliche Mediennutzung ihrer Kinder geachtet, unter Corona seien es nur noch 48 Prozent. Ein ähnlicher Rückgang erfolge bei der Kontrolle der inhaltlichen Nutzung: Sie lag bei 64 statt zuvor 67 Prozent.

Nutzungsmotive seien übrigens in allen Altersgruppen dieselben: Langeweile und ein Ausgleich für fehlende soziale Kontakte.

Denn auch die Eltern haben der DAK-Studie zufolge durch den Lockdown einen stärkeren Medienkonsum entwickelt: So stieg die tägliche Nutzung bei PC-Spielen um fast 30 Prozent, bei Social Media um fast 60 Prozent. „Das heißt, zwei bis vier Stunden verbringen Eltern täglich im Internet, bei Kindern und Jugendlichen sind es sechs bis sieben Stunden täglich“, fasst Haack zusammen.

Besonders problematisch sei diese Entwicklung für Kinder und Jugendliche. Es stelle sich ein „negativ nachhaltiger Effekt“ ein, sagt Julia Stief. „Sie entwickeln ein Suchtgedächtnis: Wenn Kinder Computer spielen, wird Dopamin ausgeschüttet“, ergänzt Haack. Dieses Glücksgefühl merke sich das Gerhirn. „Und diese Verankerungen lösen sich nach Corona nicht einfach wieder auf.“

Regina Haack empfiehlt, dass Drei- bis Sechsjährige täglich maximal eine halbe Stunde vor dem Computer sitzen sollten. Bei Grundschulkindern sei täglich eine Stunde unbedenklich. Bei Jugendlichen müsse man es differenzierter betrachten, erläutert Haack.

Vor kurzem ist Computerspielsucht in das Verzeichnis ICD-11 aufgenommen worden und damit als psychische Störung offiziell anerkannt. „Das bedeutet auch, dass sich die Hilfsmöglichkeiten professionalisieren“, erklärt Julia Stief. Auch die Fachstelle für Sucht bietet Therapien an oder vermittelt, wenn nötig, Klinikaufenthalte. So paradox es klingt: Damit es gar nicht erst so weit kommt, seien Smartphone-Apps hilfreich. Damit lasse sich etwa ein Nutzungstagebuch führen. „Das hilft nicht gegen eine manifeste Erkrankung, kann aber bei einer problematischen Mediennutzung hilfreich sein“, betont Haack.

Haack will Eltern, deren Kinder zu viel vor dem Bildschirm sitzen, nicht verurteilen. Es bestehe die Gefahr, an der Zielgruppe, die man erreichen möchte, vorbei zu agieren. „Für Eltern ist es wirklich schwer. Normalerweise fragen wir bei der Beratung, wie das Leben außerhalb der Medien aussieht. Das können wir gar nicht mehr fragen.“

Folgende Tipps gibt die Präventionsexpertin Eltern mit auf den Weg. „Man kann die Essenszeiten als medienfrei definieren und abends ab einer gewissen Uhrzeit das Handy einkassieren.“ Denn auch nachts würden manche Kinder ihre Handys nutzen. „Außerdem kann man sich selbst fragen: Was habe ich früher gern gemacht?“ Ob 1000-Teile-Puzzle, Modellbaukasten oder Cupcakes backen – wenn Eltern selbst Spaß an etwas haben und dahinter stehen, sei die Wahrscheinlichkeit größer, dass sie auch ihre Kinder dafür begeistern könnten. „Man sollte als Mama und Papa echt Lust darauf haben, sonst merken das die Kinder sofort.“

Von Lisa Duncan

Allein Gaming ist bei Kindern und Jugendlichen im Vergleich zur Zeit vor Corona um 36 Prozent angestiegen, besagt eine Studie der DAK-Gesundheit. Unser

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