Mehr als bloße Worte

Achim: Suhad Alkhalil ist ehrenamtliche Dolmetscherin für Geflüchtete

Suhad Alkhalil übersetzt ehrenamtlich für Geflüchtete.
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Suhad Alkhalil übersetzt ehrenamtlich für Geflüchtete.

Achim – Wer in Achim eine Übersetzungsleistung zwischen Deutsch und Arabisch benötigt, wendet sich an sie. Suhad Alkhalil aus Syrien ist kundig in beiden Sprachen. Sie begleitet Geflüchtete ehrenamtlich zu Ärzten oder Ämtern und hilft ihnen so, die Sprachbarriere in einer konkreten Situation zu überwinden.

An ihre Aufträge kommt die 41-Jährige mal auf Anfrage des Achimer Integrationsmanagers Carlos Morgado, mal über Mund-zu-Mund-Propaganda. Alkhalil, die in Syrien Arabischlehrerin war, befindet sich hier im zweiten Jahr ihrer Erzieher-Ausbildung und strebt danach ein Studium an. Ihr Berufswunsch: Dolmetscherin.

Die Menschen waren sehr freundlich, sie wollten helfen. Aber sie haben kein Wort verstanden. 

Suhad Alkhalil über ihre Ankunft in Deutschland

Als Suhad Alkhalil im Dezember 2015 nach Deutschland kam, erfuhr sie, wie hilflos die Sprachbarriere machen kann. Alkhalil konnte noch kein Deutsch, sprach aber bereits drei Sprachen: Arabisch, Englisch und Kurdisch. Sie erinnert sich an ihre Ankunft in Celle: „Ich hatte starke Kopfschmerzen. Die Menschen waren sehr freundlich, sie wollten helfen. Aber sie haben kein Wort verstanden. Sie konnten auch kaum englisch.“ Dabei wollte sie verstehen, was diese Menschen sagen, und auch erzählen, was sie selbst erlebt hatte.

2013 musste die junge Frau Syrien verlassen. Grund war der Giftgasangriff auf die Stadt Al Ghuta, östlich von Damaskus, durch den etwa 1400 Menschen ums Leben kamen. Zunächst gelangte sie ein kurdisches Siedlungsgebiet: „Dort waren wir in einer schlechten Situation, beispielsweise durften wir das Camp nicht verlassen.“ Einmal wurden einige Zelte, in denen die Geflüchteten lebten, verbrannt. Für ihre Arbeit als Lehrerin für die Kinder im Camp erhielt sie ein Jahr lang kein Geld. Als das Gehalt nachträglich ausgezahlt wurde, flüchtete sie in die Türkei und dann mit dem Boot nach Griechenland. Von Athen ging es weiter nach Kroatien, über Mazedonien nach Serbien sowie nach Wien und schließlich nach Deutschland.

Auf einen Deutschkurs musste Suhad Alkhalil lange warten. Sie behalf sich mit Youtube-Tutorials eines ägyptischen Professors. „’Ich’ war mein erstes Wort auf Deutsch.“ Die arabische Grammatik ähnele der deutschen, beispielsweise gebe es in beiden Sprachen grammatikalische Fälle. „Aber die Artikel zu lernen, war schwierig.“ Weitere Unterstützung bekam sie von Ehrenamtlichen: Heidrun Jakob und Karin Zimmermann aus Thedinghausen halfen in der Flüchtlingsunterkunft Morsum beim Deutschlernen. Als Suhad Alkhalil eine Wohnung gefunden hatte, ging sie zur Initiative „Ankommen in Thedinghausen“ im Haus auf der Wurth, wo Anna Konamir zweimal wöchentlich Deutschstunden gab, bis zum Niveau B1. Dankbar für die Hilfe, engagiert sich die Achimerin weiter für das Haus auf der Wurth, indem sie etwa bei Veranstaltungen kocht. „Die besten Freunde sind in Thedinghausen“, sagt sie. Bedingt durch Corona besteht der Kontakt aber derzeit nur über WhatsApp.

Als ehrenamtliche Dolmetscherin unterstützt Suhad Alkhalil bei Elterngesprächen in der Schule, geht mit Frauen zu Behörden oder zum Arzt. „Einmal habe ich eine schwangere Frau, ihren Mann und ihre kleine Tochter ins Krankenhaus Verden begleitet“, erzählt sie. Es gab Komplikationen, ein Kaiserschnitt war erforderlich. Weil der Mann sich nicht traute, bei der OP dabei zu sein, blieb sie im Kreißsaal und war nach der Mutter die erste, die das Baby im Arm hielt. Die Frau, deren Tochter nun zweieinhalb Jahre alt ist, sei ihr für den Beistand immer noch dankbar.

Das Dolmetschen nütze auch ihr selbst, sagt Suhad Alkhalil: „Ich erweitere meine Deutschkenntnisse und lerne jeden Tag ein neues Wort – in ganz verschiedenen Bereichen.“ Zum Beispiel medizinische Fachbegriffe. Was sie nicht gleich versteht, lässt sie sich von den Ärzten umschreiben.

Zwei- bis dreimal pro Woche widmet sie sich der freiwilligen Aufgabe, manchmal sogar täglich: „Besonders oft werde ich gefragt, wenn die Frauen schwanger sind“, erzählt sie. „Manchmal brauchen sie gar keine Übersetzerin. Ich gehe trotzdem mit. Sie müssen vielleicht nur zum Blutabnehmen, haben aber Angst.“ Da gehe es weniger um Worte und mehr um den menschlichen Beistand.

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