Marianne Killenberg und Axel Eggers helfen ehrenamtlich Flüchtlingen

„Die Männer können und wollen doch arbeiten“

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Marianne Killenberg und Axel Eggers (rechts) mit Flüchtlingen aus Syrien beim Deutschunterricht. Die Tafel wurde gespendet.

Achim - Von Inka Sommerfeld. Ihr Fazit ist durchweg positiv. „Es lohnt sich immer. Eine interessante Arbeit, die Freude bereitet. Es lebt aus der Nachbarschaft heraus, persönliche Kontakte entstehen. Wir lernen viel über Syrien und die Palästinensergebiete, beschäftigen uns mit den dortigen Kulturen“, zählen Marianne Killenberg und Axel Eggers die Vorteile auf.

Seit November organisieren sie Hilfe für 16 Flüchtlinge aus Syrien, packen aber auch selbst mit an - ehrenamtlich. Jetzt nähert sich deren Aufenthalt im Haus an der Asmusstraße seinem Ende - Zeit für einen Rückblick.

„Im November kamen die Flüchtlinge, Kurden und Männer aus der Gegend um Damaskus“, erinnert sich Killenberg. „In der Tür des Hauses stand Mehmet Ates vom Bürgerzentrum und stellte mir meine neuen Nachbarn vor.“ Ihr erster Gedanke: „Die brauchen Hilfe.“ Doch wie kommt man mit ihnen in Kontakt? Die Sozialpädagogin wusste: „Mit Arbeit.“

Killenbergs erste Aktion: Sie drückte den Männern Besen in die Hände und stellte eine Schubkarre auf den Bürgersteig.

Mit Händen und Füßen machte sie klar, dass der Bürgersteig gefegt werden sollte. Die Schwierigkeit: Deutsch sprach niemand, Englisch nur wenige, und die Achimerin war des Arabischen nicht mächtig. Doch es klappte. Nachbarn sahen, wie fleißig dort gearbeitet wurde. Einer von ihnen: Axel Eggers. „Das ist ein gutes Zeichen“, dachte er.

Killenbergs zweite Aktion: In einfacher Sprache erklärte sie, wie Haus und Garten in Schuss gehalten werden. Doch allein konnte und wollte sie die Betreuung nicht leisten. „Ich bin eine Nachbarin, die schnelle Hilfe leistet“, hatte sie sich vorgenommen. So hatte Samir Huran, Sozialarbeiter beim Verein Sozialpädagogische Familien- und Lebenshilfe (Sofa), zum Treffen ins Café „Wir in Achim“ (Cawia) geladen, und außer den Flüchtlingen kamen fast alle Anwohner der umliegenden Straßen. „Was braucht ihr am dringendsten?“, lautete die Frage an die Flüchtlinge, und die antworteten: „Deutschkurse, Internet, Fernsehen.“

Die Technik ließ sich installieren, Eggers und weitere Nachbarn halfen. Das Problem war das Sprachenlernen. „Bei der KVHS waren alle Deutschkurs belegt“, sagt Killenberg. Also nahm sie die Sache selbst in die Hand und fragte Nachbarn, ob sie Flüchtlinge unterrichten wollten. Eggers sammelte ausgediente Computer und modifizierte ein Sprachlernprogramm. „Die Resonanz war riesig. „Wir bekamen mehr Computer als wir gebrauchen konnten“, freut er sich. Und: „Den Menschen war es ein großes Bedürfnis zu helfen.“ Willkommenskultur in Reinform.

Zwei Nachbarn erteilten Deutschunterricht, Killenberg gab Nachhilfe und half mit weiteren Nachbarn in Haus und Garten. Als Dank wollen die Flüchtlinge bei den Achimern kleine Arbeiten erledigen. „Die Männer können und wollen doch arbeiten. Die Stadt sollte einfache und sinnvolle Arbeit für die Flüchtlinge organisieren“, merkt Eggers an.

Man traf sich regelmäßig im Sozialcafé im Gemeindezentrum Nord. So ist ein Netzwerk entstanden. Die Struktur war vorhanden, weil im Magdeburger Viertel schon Flüchtlinge wohnten.

Viele Nachbarn besuchten die Flüchtlinge beim Tag der offenen Tür, und gemeinsam wurden Kaffee und Kuchen genossen, Spiele gespielt, und es wurde in den Wohnzimmern ausgiebig geplaudert. „Die Gruppe hielt eng zusammen“, berichtet Eggers.

Das änderte sich im Frühjahr, als die „Dublin-Bescheide“ ins Haus flatterten. Die Flüchtlinge erhielten Nachricht, dass sie wohl abgeschoben würden.

Dublin-Bescheide

demotivieren

Einige wollten nicht mehr weiterlernen, waren demotiviert, sahen keine Zukunft in Deutschland. Eggers schrieb Briefe ans Bundesamt für Migration und Flüchtlinge sowie an den Landkreis.

Samir Huran war ein wichtiger Gesprächspartner. „Die Flüchtlinge kamen zu ihm ins Cawia, damit er die Schreiben übersetzte. Er war unverzichtbar, auch wenn es die Stadt nicht gern sah - er war dort für Jugendliche zuständig“, sagte Eggers. Die Alternative: ein regelmäßiges Treffen im Jugendtreff. „Die Hilfe zur Selbsthilfe funktioniert super“, findet der Achimer.

Nach und nach trudelten die Bescheide des Bundesamts ein - einige Männer dürfen bleiben, andere sollen abgeschoben werden. Wer in Deutschland bleibt, setzt alles daran, seine Familie nachzuholen, sucht Wohnung und Praktikumsplatz, kurz gesagt, baut sich eine Existenz auf. Die anderen versuchen, die Abschiebung in ein Bleiberecht umzuwandeln. Das hat ein Flüchtling mit Eggers' Hilfe geschafft.

„Der Zusammenhalt der Gruppe bröckelt, die Männer orientieren sich nach außen“, hat Eggers beobachtet. Die Flüchtlinge besuchen Freunde und Verwandte, von denen sie auf der Flucht getrennt worden sind. „Die Wohngemeinschaft wird sich nach und nach auflösen“, sieht der Achimer voraus. Doch es kommt eine neue Gruppe: Der Landkreis will in dem Haus weitere Flüchtlinge unterbringen.

Axel Eggers und Marianne Killenberg appellieren an die Achimer, Wohnungen an Flüchtlinge zu vermieten. „Es sind nicht nur Familien, sondern auch Einzelpersonen und Paare“, sagt Killenberg. Außerdem sucht sie ehrenamtliche Helfer, die Deutsch unterrichten wollen, und eine Grundschullehrerin, die den Flüchtlingen und deren Kindern beim Alphabetisieren hilft. Interessierte melden sich bei Timo von den Berg von der Achimer Freiwilligenagentur unter Tel.: 04202/ 9160550.

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