Blog über Umgang mit Brustkrebs und Chemotherapie

Lieber Mut machen als Mitleid ernten

Bloggerin und Hobby-Künstlerin: Die Bilder hat Katarina Gottlieb selbst gemalt. Ehemann Jens gibt ihr Kraft in dieser schweren Zeit.
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Bloggerin und Hobby-Künstlerin: Die Bilder hat Katarina Gottlieb selbst gemalt. Ehemann Jens gibt ihr Kraft in dieser schweren Zeit.

Baden – Als Katarina Gottlieb im März die Diagnose Brustkrebs erhält, stockt ihr wortwörtlich der Atem. Doch Schwermut ist offenbar nicht ihr Ding. Um aufzuklären, anderen in ihrer Situation Mut zu machen und auch, um sich die traumatischen Erlebnisse im Krankenhaus von der Seele zu schreiben, publiziert die Badenerin laufend einen Blog im Internet über ihre Krebserkrankung und die Chemotherapie.

Ein offener Umgang mit der Krankheit sei ihr von Anfang an wichtig gewesen. „In meinem Blog schreibe ich das, was die anderen nicht wissen“, sagt Gottlieb, die bis zu ihrer Krankschreibung als Physiotherapeutin in der Reha-Klinik am Sendesaal in Bremen gearbeitet hat. „Viele hören ,Krebs’ und gehen vom Schlimmsten aus. Dieses Mitleidige gab mir manchmal das Gefühl, dass ich sogar noch die anderen trösten müsste“, schildert sie. Oft habe sie sich „wie in einem Paralleluniversum“ gefühlt: Hier der Alltag mit Haushalt und Familie, dort die stundenlangen Krankenhaustermine, die Spritzen, die Kranken auf der Krebsstation und die Schwächeanfälle durch die „Chemo“.

Kurz vor ihrem 50. Geburtstag hatte Gottlieb eine Einladung zur Mammografie (Röntgenuntersuchung der Brust) erhalten. Ab 50 ist diese Vorsorgeuntersuchung für jede Frau in Deutschland kostenlos. Zwei Tage nach dem Termin erhielt sie einen Brief, in dem von „Auffälligkeiten“ die Rede war. Für Katarina Gottlieb zunächst kein Grund zur Sorge, denn mit 47 Jahren war schon einmal ein Fibroadenom (gutartige Geschwulst) bei ihr entfernt worden. Dann kam der Termin bei der Frauenärztin – und die Diagnose: bösartig. „Ich war so geschockt, dass mir die Luft wegblieb“, berichtet Gottlieb. An Ort und Stelle erfolgte die Biopsie oder „Stanze“, bei der Brustgewebe zur weiteren Untersuchung entnommen wird. Es folgten Tage der quälenden Ungewissheit.

Nach der einseitigen Brustamputation, für die sich Katarina Gottlieb entschieden hatte, kam die freudige Nachricht: Der Krebs hatte nicht gestreut. Um wirklich alle Krebszellen abzutöten, wird dennoch eine intravenöse Chemotherapie verabreicht. Um den regelmäßig notwendigen Piks zu erleichtern, legte der Arzt einen Port – für Katarina Gottlieb eine traumatische Erfahrung, weil es Komplikationen gab. Viermal im Monat muss sie sich der Chemotherapie aussetzen. Insgesamt muss sie zwölf Dosen der Medikamente erhalten, die die Vermehrung der Krebszellen hemmen sollen. Die Therapie hat leider erhebliche Nebenwirkungen. Nach der zweiten „Chemo“ ging es Katarina Gottlieb so schlecht, dass sie für einige Tage ins Krankenhaus musste. Nach fünfjähriger Einnahme weiterer Anti-Krebsmedikamente gelten Betroffene übrigens als geheilt.

„Was viele auch nicht wissen: Die Haare fallen nicht alle auf einmal aus, es sind mal mehr, mal weniger“, erzählt Gottlieb. Erst vor Kurzem hat sie sich von ihrem Ehemann Jens die Haare abrasieren lassen. „Jetzt haben wir die gleiche Frisur“, scherzt sie – fügt aber im selben Atemzug hinzu, dass sie den Verlust des Haupthaars als viel schlimmer empfindet als das Fehlen der Brust. „Nun sind alle weiblichen Attribute weg“, und das Haar sei eben für jeden sofort sichtbar. Eine blonde Perücke, etwas heller als die Originalfarbe, erleichtert die radikale Veränderung. „Ich finde es nicht schlimm, die Haare wachsen ja wieder“, sagt Jens Gottlieb und fügt hinzu: „Ich liebe meine Frau so, wie sie ist.“ Im nächsten Jahr folgt der Brustaufbau mit Eigenfettgewebe: Dabei wird die halbe Brustwarze der gesunden Brust verpflanzt und die andere Hälfte wie Permanent Make-up eintätowiert. „Danach habe ich einen flachen Bauch, eine neue Brust und eine Tätowierung“, sagt Katarina Gottlieb augenzwinkernd.

Statt ängstlich in die Zukunft zu blicken, versucht die Bloggerin auch positive Seiten an der Situation zu sehen: „Ich habe frei und kann mich ein Jahr lang nur mit mir, meiner Familie und meinen Freunden beschäftigen“, zählt sie auf. Ihr Mann erinnere sie oft daran, die Kräfte einzuteilen, sagt ihr, dass sie an schlechten Tagen auch mal im Bett bleiben soll. Die gebürtige Polin lobt zudem das deutsche Gesundheitssystem, das für die teure Krebsbehandlung und Hilfsmittel aufkommt. Mit Dankbarkeit erfüllen sie auch Geschenke von Freunden, wie etwa „Lieselotte“, ein gefilztes Stoff-Schwein im Feenkostüm, das für sie zum Glücksbringer geworden ist.

Der Vorschlag, ihr Brustkrebs-Tagebuch im Internet zu veröffentlichen, stammt ebenfalls von Ehemann Jens. Auch die Söhne Philipp (24 Jahre) und Sebastian (22) beschreibt sie als große Stütze und treibende Kraft. Von der Diagnose erzählte sie ihnen per Videochat. Nachdem sie Sebastian im April erste Texte geschickt hatte, entwickelten sie gemeinsam den Blog, den sie laufend fortschreibt. Seither hat Katarina Gottlieb schon viel von ihrer Krebserkrankung verarbeitet. „Ich mache das nicht ganz uneigennützig, ich therapiere mich auch selbst damit“, sagt sie. Zudem hat sie sich selbst verordnet, nichts über Krebs im Internet zu recherchieren. Davon hätten ihr auch die Ärzte abgeraten: „Sonst hat man sofort alles selber.“ Stattdessen setzt sie bei Bedarf auf Beratungs- und Hilfsangebote „ihrer“ Klinik Bremen-Mitte.

Jens und Katarina Gottlieb haben außerdem ziemlich zügig nach der Diagnose gemeinsam eine Patientenverfügung aufgesetzt. „Bei Krebs gibt es nämlich zwei Möglichkeiten: Man kann ihn überleben, aber man kann auch daran sterben“, bemerkt die 50-Jährige trocken. „Man sollte sich mit beiden Möglichkeiten auseinandersetzen, sonst ist die Angst noch größer“, erklärt sie.

Der Weblog habe Katarina Gottlieb und ihrem Umfeld zu einem besseren gegenseitigen Verständnis verholfen. „Manche Leute schreiben mich nun gezielt an und fragen mich zu bestimmten Themen.“ Ihre Hoffnung ist, dass der Blog noch bekannter wird und anderen Betroffenen zeigt, dass sie nicht alleine sind – und dass man nicht immer stark sein muss.

Hier kann man den Blog lesen:

https://katarinagottlieb.wordpress.com/

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