„Leitplanken“ für die Weserstadt

Rat verabschiedet Leitbild, das bis 2030 Achim den Weg weisen soll

Ist es das?

Achim - Von Manfred Brodt. Der nach mehreren Einwohnerforen und Interviews seit 2016 von der Kommunalen Gemeinschaftsstelle für Verwaltungsmanagement in Köln und einer stätischen Arbeitsgruppe entwickelte Entwurf eines Leitbildes der Stadt Achim ist nun vom Achimer Stadtrat bei zwei Gegenstimmen und zwei Enthaltungen verabschiedet worden. Das Leitbild soll Leitlinie für das städtische Handeln bis 2030 und Leitplanke der Stadt sein, wie es der Erste Stadtrat Bernd Kettenburg und Sprecher der Fraktionen sagten. Ist es das?

Die Leitsätze im Wortlaut und in Originalortografie: „Achim ist eine starke Lage. Als wertvolles Fundament - für Vielfalt und Lebenswert - in einer kompakten Stadt - von den Menschen bewusst erlebt - und geschützt.

Achim ist eine starke Lage zum Wirtschaften. Als Heimat erfolgreicher Traditionsunternehmen - als Nährboden für heutige Global Player - als Standort für zukunftsfähige Ansiedlungen - als Ort für die Perlen im Einzelhandel - in einem vorausschauenden Klima.

Achim ist eine starke Lage zum Wohnen. Als Kleinstadt - in Flussnähe - mit individuellen Wohnlagen - naturnah -am Rande einer Großstadt -mit guten Bildungschancen -und allem, was Menschen benötigen,

Achim ist eine starke Gemeinschaft - in dörflicher Struktur - engagiert und vernetzt - mit guten Ideen - bei Wohnen und Wirtschaften -gemeinsamen Aktivitäten - an einem attraktiven Mittelpunkt - für ein modernes Achim - über die Stadtgrenzen hinweg.“

Basierend auf diesen Leitsätzen werden die „strategischen Ziele“ genannt:

„Proaktive Sicherung und Stärkung des Wirtschaftsstandortes; moderates Wachstum und Qualitätssicherung des Wohnstandorts; gebündeltes Engagement für eine kompakte Stadt.“

„Nach außen soll das Leitbild das Profil der Stadt Achim prägen, Es soll die Stadt positionieren und klären, wofür sie zukünftig steht.“ Gerade in turbulenten und finanziell schwierigen Zeiten soll das gelten. Soweit der Anspruch.

Auf 64 Seiten wird dann nach den Foren, Interviews, Lektüre vorhandener Untersuchungen und Veröffentlichungen sowie gezielten Informationen der Stadtverwaltung Achim detailliert beschrieben.

Neben Selbstverständlichkeiten, dass Achim ein Mittelzentrum ist, das 1949 die Stadtrechte erhielt, an der Weser, am Rande von Bremen, an zwei Autobahnen, zwischen Dodenhof und Weserpark liegt, 12,6 Kilometer in West-Ost- und 7,7 Kilometer in Nord-Süd-Richtung liegt, erfährt man auch Interessantes, das aber eher Detailwissen als Leitlinie ist und nicht unbedingt brandneu ist.

Achims Einwohnerzahl wächst nicht mehr lange

9.942 Personen sind in Achim sozialversicherungspflichtig beschäftigt. 8.318 Auspendlern, zur Hälfte nach Bremen, stehen 7.183 Einpendler gegenüber. Jeder dritte davon kommt aus Bremen. Jeder vierte Beschäftigte in Achim arbeitet im Handel, jeder fünfte im verarbeitenden Gewerbe, jeder siebte im Dienstleistungssektor, jeder neunte im Sozial- und Gesundheitswesen und jeder zehnte in der Baubranche. 238 Hektar der Stadt sind Gewerbefläche. Die Kaufkraft in Achim ist überdurchschnittlich hoch. Sie wandert allerdings ebenfalls überdurchschnittlich stark ins Umland ab. Schulstandort ist Achim mit elf Schulen und mehr als 4.500 Pennälern.

Achims Einwohnerzahl wächst, aber nicht mehr lange. Es ist eine Stadt mit viel ehrenamtlichem Engagement, gilt aber auch als verschlafene Stadt mit fehlendem Abendangebot, zu wenig Attraktionen für Jugendliche und Senioren, fehlendem Zentrum, fehlender Identität und Wertschätzung. Der Ort habe zwar mit Blick auf Bremen ein Alleinstellungsmerkmal durch seine dörflichen Strukturen, dennoch fänden gemeinsame Feste zu wenig Anklang. Trotz eins Booms im Wohnungsbau, fehlten bezahlbare Wohnungen.

Klar, dass diese Mängel beseitigt werden sollen, das Stadtzentrum auch als Veranstaltungsort gestärkt werden soll, der Einzelhandel Nischen und die Digitalisierung nutzen soll, Kultur- und Sportangebote gefördert, der Schulstandort gestärkt, das Krankenhaus erhalten, alle Akteure vernetzt, das Image und das Selbstwertgefühl gestärkt werden sollen.

Die entscheidende Frage lautet: „Wie?“, und der Teufel steckt im Detail.

Zu den Kritikern dieses sogenannten Leitbildes gehört neben Ratsmitglied Larne Sprenger (CDU) auch Karl-Heinz Freitag, der Vorsitzende des Achimer Wirtschaftsbeirats, der sich und die Innenstadt angesichts der nicht neuen Empfehlung, die Geschäfte sollten Nischen besetzen und Perlen des Einzelhandels werden, veralbert fühlt und für die geschätzten dörflichen Strukturen die Formel fand: „Vorwärts in die Vergangenheit“.

Erster Stadtrat Bernd Kettenburg verteidigte dagegen im Stadtrat die Leitlinien, die nicht in Stein gemeißelt seien, und unterstrich: „Zeigen Sie mir eine Stadt, die in den letzten zehn Jahren ein Wachstum von zehn Prozent hat.“ Zumindest das ist ja schon einmal eine Aussage, die verdient, festgehalten zu werden.

Verwaltung und Rat der Stadt hoffen nun, dass das Opus zum Leitbild nicht in Schubladen oder Schränken verschwindet.

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