Holocaust-Erfahrungen wirken in der „Zweiten Generation“ weiter nach

Leben zwischen Zweifel und Zuversicht

Als Nachkomme von Holocaust-Überlebenden mahnt der pensionierte Internist Dr. Lothar Goldblüth angesichts bundesweit aufkommender antisemitischer Gewalttaten zu Wachsamkeit und Courage.
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Als Nachkomme von Holocaust-Überlebenden mahnt der pensionierte Internist Dr. Lothar Goldblüth angesichts bundesweit aufkommender antisemitischer Gewalttaten zu Wachsamkeit und Courage.

Achim – Ende Januar gedachte Deutschland der Befreiung des Konzentrationslagers in Auschwitz-Birkenau vor 75 Jahren durch sowjetische Soldaten. Unter den rund 7500 Überlebenden waren auch die Eltern des pensionierten Achimer Internisten Dr. Lothar Goldblüth. „Die Traumata und Verluste der Familie wirken bei den Nachkommen bis heute“, berichtet der 71-Jährige aus eigener Erfahrung. Im Ruhestand blickt er auf ein Leben zwischen Zweifel und Zuversicht und mahnt angesichts bundesweit aufkommender antisemitischer Gewalttaten zu Wachsamkeit und Courage.

„Wir haben praktisch immer auf gepackten Koffern gelebt“, erinnert sich Lothar Goldblüth an seine Kindheit. Beide Eltern waren nach dem Krieg in Hannover geblieben, wollten aber eigentlich das Land verlassen. Zur Umsetzung kam es jedoch nicht. Die bedrohlichen Erlebnisse seiner Eltern seien immer präsent gewesen und hätten seine Kindheit tief geprägt. „Wann immer Vertreter dieser Generation zusammenkamen, wurde über das Geschehene gesprochen“, blickt Goldblüth zurück. „Sobald meine Schwester und ich hinzugekommen sind, herrschte sofort beklemmendes Schweigen.“

Die Eltern hätten ihre Kinder vor den schrecklichen Erinnerungen bewahren wollen, funktioniert habe das nicht. Er selbst habe sich immer als Deutscher fühlen wollen, er sei schließlich hier geboren. Aber früh habe sich eine Distanz aufgebaut. „Ein neunjähriger Mitschüler hatte einmal geprahlt, dass die deutschen Soldaten die besten seien“, erinnert sich der Vater zweier erwachsener Kinder. „Aber ihr habt doch den Krieg verloren“, habe er darauf geantwortet. Die Trennung zwischen „ihr“ und „wir“ ziehe sich durch sein ganzes Leben, getragen durch unbedachte Bemerkungen und antisemitische Äußerungen über das Judentum, die ihm bis heute begegnen.

Die Ursache sieht Lothar Goldblüth in mangelnder Aufarbeitung: Lange habe eine tief gehende Auseinandersetzung unter den Holocaust-Überlebenden mit den Verbrechen nie wirklich stattgefunden, und gleiches attestiert der pensionierte Arzt der deutschen Nachkriegsgesellschaft: „Die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und die Geschehnisse um den Holocaust waren im Unterricht süß, aalglatt und verlogen“, blickt der Großvater auf seine Schulzeit. „Das ist auch kein Wunder, denn viele Ex-Nazis bekleideten wichtige Ämter und Positionen – ohne sie hätte ein Wiederaufbau gar nicht stattfinden können. Vieles ist dadurch aber unter den Teppich gekehrt worden.“ Er selbst habe sich in die Arbeit gestürzt und nie unter Depressionen gelitten. Vielen anderen seiner Generation sei das aber anders ergangen; sie litten bis heute unter dem traurigen Vermächtnis ihrer Eltern.

Obwohl er sich in Deutschland wirklich sehr wohl fühle, habe er sich immer wieder die eine Frage gestellt: Ist es richtig, in einem Land zu leben und zu arbeiten, in dem die Eltern durch die Nationalsozialisten verfolgt wurden? „Ich kann für mich sagen“, erklärt Goldblüth, „dass ich mich als Hannoveraner fühle, und dass ich in Achim ein Zuhause gefunden habe, aber als Deutscher fühle ich mich nicht und meine geistige Heimat liegt in Israel.“ Darin liege für ihn persönlich durchaus kein Widerspruch, aber die Zweifel sind geblieben und Ereignisse wie in Halle bereiten ihm Sorge.

„Es schockiert mich, dass wir 75 Jahre nach Ende des Zivilisationsbruches immer noch einen Antisemitismusbeauftragten benötigen, wo doch jedem Menschen klar sein sollte, dass sich die Geschichte nicht wiederholen darf“, sagt Lothar Goldblüth. Antisemitismus ziehe sich durch alle sozialen Schichten und sei keine Frage des Intellekts, deshalb müsse man wachsam bleiben und ihm offen entgegentreten. Gedenken und Aufklärung seien deshalb enorm wichtig.

Zuversicht bereiten ihm Erinnerungskultur und Bemühung um Aufklärung. Antisemitismus gab und gibt es überall, aber nicht in diesen schrecklichen Ausmaßen, wie sie in Deutschland stattgefunden haben. Diesem Land komme deshalb eine besondere Verantwortung zu, ist Goldblüth überzeugt.

Von Ingo Schmidt

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