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Mit Lastenrad statt Auto in Achim unterwegs

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Von: Michael Mix

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Till Simon, Inhaber einer Musikschule, transportiert mit dem Lastenrad mitunter sogar Instrumente.
Till Simon, Inhaber einer Musikschule, transportiert mit dem Lastenrad mitunter sogar Instrumente. © Mix

Achim – Den Blick auf die hohen Spritpreise an den Tankstellen kann sich Till Simon sparen. Und wegen der wesentlich durch den Verbrauch fossiler Brennstoffe verursachten Klima- und Umweltkrise, die den Planeten Erde an den Rand des Abgrunds führt, oder etwaigem Bewegungsmangel muss er auch weniger ein schlechtes Gewissen haben als andere. Simon verzichtet auf ein Auto und hat sich ein Lastenrad zugelegt.

„Ich bin in meinem tiefsten Herzen ein Öko“, bekennt der Achimer Musiker. „Selbstverständlich verzichte ich auch auf Flugreisen.“ Bevor er auf zwei Räder mit großem Transportbehälter vor dem Lenker umstieg, probierte er allerdings noch ein anderes alternatives Mobilitätsmodell aus. Sein damaliger Mitbewohner habe in dieser Frage ähnlich wie er getickt. „Wir wollten uns ein Auto teilen.“ Und das sollte möglichst abgasfrei sein. „Eigentlich wollten wir 2017 Carsharing mit einem Elekroauto machen. Aber da war noch nichts Erschwingliches im Angebot.“ Zudem sei die Reichweite mit 150 Kilometern auch nicht gerade üppig gewesen.

„Deshalb haben wir uns vor fünf Jahren für einen Benziner entschieden“, erzählt Simon. Den gemeinsam erworbenen VW Polo hätten sie dann je nach Bedarf abwechselnd genutzt. „Wir haben die Zeiten vorher im Kalender eingetragen. Aber trotzdem gab es da natürlich manchmal Konflikte“, räumt Simon ein. Im Großen und Ganzen habe das Carsharing jedoch funktioniert.

Selbst nachdem sie 2019 mit ihren jeweiligen Freundinnen zusammengezogen seien, hätten sie sich noch einige Monate den Wagen geteilt, bevor sie ihn veräußerten. „Ich habe dann überlegt, was ich mit dem Verkaufserlös mache. Meine Freundin hatte ja ein Auto“, schildert Till Simon.

Er sei schon lange Radfahrer. Bewegung an frischer Luft finde er herrlich entspannend. „Ich kam dann auf die Idee, ein Lastenrad mit Elektroantrieb anzuschaffen.“ Ein Gefährt, was er bei einem Urlaub auf Norderney kennen- und schätzengelernt habe. Bei einem Fahrradhändler in der Achimer Innenstadt sei er fündig geworden. „Ich habe mir dort im Februar 2021 ein Hollandrad der Marke Babboe für rund 3 000 Euro zugelegt“, erzählt der 50-Jährige.

Klar, sei das zweieinhalb Meter lange und nicht gerade federleichte Vehikel anfangs gewöhnungsbedürftig gewesen. „Man muss erstmal in die Pedale treten, bevor sich der Elektroantrieb zuschaltet“, berichtet Simon. „Aber ich will mich ja auch körperlich betätigen.“

Das Lastenrad mit seinem metallenen Korb vorne ermögliche Transporte verschiedener Art. Sowohl Mensch als auch Tier seien darin gut aufgehoben. Kinder könnten auf diese Weise dank eines Sitzes und eines Gurts sicher und bequem von einem Ort zum anderen gebracht werden. „Meine beiden Hunde, ein Chow-Chow und ein Pudel, fahren darin ebenfalls total gerne mit“, erzählt Simon.

Natürlich erledige er mit dem Rad auch fast alle Einkäufe. „Man kann direkt bis vor die Tür des Geschäfts fahren und dann alles reinschmeißen“, preist Simon einen Vorteil gegenüber auf Parkplätze angewiesene Autofahrer oder Leuten mit herkömmlichen Fahrrädern an. „Ich habe damit auch schon mal fünf Getränkekisten transportiert“, denn der „Holländer“ mit dem robusten Behälter sei auf eine Last von bis zu 50 Kilogramm ausgelegt. Sogar vor Baumärkten mache er damit Halt, „wenn ich nicht gerade vorhabe, einen großen Schrank zu kaufen“. Und über eines freut sich der Betreiber einer Musikschule ganz besonders: „Viele Musikinstrumente, selbst ein Schlagzeug, passen da rein.“

Ein Lastenrad sei dennoch kein Monstrum, merkt er an. Wenn ihm Leute auf dem Radweg entgegen kämen, hätten sie oft Angst, dass der Platz nicht ausreiche. „Dabei ist das Lenkrad nur ein bisschen breiter als bei einem herkömmlichen Rad.“

Berührungsängste kennt der Pedalritter, der mit den Grünen sympathisiert, eher nicht. Till Simon spielt gerne den Trendsetter, wenn es darum geht, das vor allem in Großstädten immer mehr angesagte umweltfreundliche Verkehrs- und Transportmittel auch in Achim nach vorne zu bringen. Er selbst nutzt es nahezu täglich. „3 500 Kilometer habe ich damit in einem Jahr zurückgelegt“, berichtet Simon ein bisschen stolz. Mitunter radele er mit dem Lastenrad auch mal bis nach Bremen.

In Achim, seiner Heimatstadt, empfindet er Touren damit allerdings als zweifelhaftes Vergnügen. „Leider sind viele Radwege hier eine absolute Katastrophe“, kritisiert der gelernte Einzelhandelskaufmann. Besonders holprig sei die Strecke entlang der Obernstraße und der Verdener Straße. „Dort fährt man häufig in Löcher oder über Wurzelgeflecht.“ Auch müssten Radler oft die Straßenseite wechseln, was nicht nur nervig, sondern auch gefährlich sei.

Die autogerechte Stadt sollte endlich der Vergangenheit angehören, fordert Till Simon. Radfahrern müsste überall viel mehr Platz eingeräumt werden. Kopenhagen und andere Metropolen, in denen das Zentrum ganz oder weitgehend autofrei sei, machten vor, wie es geht. Achim müsse viel mehr tun, damit Menschen auch ohne PS-Kutsche gut in der Innenstadt einkaufen könnten.

Das Lastenrad, ist sich Till Simon sicher, könne einen wesentlichen Beitrag zur Verkehrswende leisten. Auch örtliche Politikerinnen und Politiker stünden in der Pflicht, das Thema nach vorne zu bringen. „Ich wünsche mir genug Platz für Fahrräder in Achim.“

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