Landkreisweites Projekt „Familienwerkstatt“ greift Eltern unter die Arme

„Bindung ist das A und O“

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Hannsjörg Bachmann und Familienhebamme Valentina Gross von der „Familienwerkstatt“ mit ersten erfolgreichen Seminarteilnehmern Larissa, Lasse Matteo und Lars Hellwinkel (v.l.).

Achim - „Dein Sohn hat dich aber ganz schön im Griff“, „Hol‘ das Biest nicht ins Bett“ oder „Du musst es auch mal schreien lassen“ – solche Faustregeln sind offenbar noch immer weit verbreitet, wenn es um das Thema Kindererziehung geht. Familie Hellwinkel aus Achim wollte es anders machen – und nutzte das Seminar-Angebot der „Familienwerkstatt“, einem landkreisweiten, in Norddeutschland einmaligen Projekt für Eltern und deren Nachwuchs in den ersten drei Lebensjahren.

Denn wenn aus einem Paar eine Familie wird, ändere sich vieles, sagt Valentina Gross, eine der Seminarleiterinnen. „Schon in die Paarbeziehung bringt jeder einen Rucksack mit“, weiß die Familienhebamme. Was für das Leben zu zweit hilfreich sei, gelte später auch in der Elternschaft: „Bindung ist das A und O und Feinfühligkeit. Es gibt kein richtig und kein falsch.“ Die Erfahrungen aus 20-jähriger Berufspraxis möchte Gross an junge Paare weitergeben, damit diese das Elterndasein nicht unter großer Belastung, sondern mit Freude und Überzeugung ausüben. Denn die Statistik zeige, dass Trennungen gerade in den ersten drei Lebensjahren ihres Kindes oft vorkommen – nämlich bei etwa 40 Prozent der Paare, weiß Initiator Hannsjörg Bachmann.

„Es geht nicht um Erziehung, sondern wie man miteinander lebt“, umschreibt er das Ziel der Familienwerkstatt. Die Idee dazu kam unter anderem durch seine berufliche Tätigkeit als ehemaliger Kinderarzt im Klinikum Links der Weser. Dort gab es pro Jahr rund 2000 Geburten. „Kinder sind eigenständige Persönlichkeiten – und haben von Anfang an Rechte auf eigene Wünsche“, erläutert Bachmann. Darum setzt das Projekt schon vor der Geburt an, um eine Basis zu bieten, die sich variabel mit aufeinander folgenden Seminar-Blöcken weiterführen lässt.

Am ersten Seminar, das zwei Wochenenden dauerte, nahmen auch Lars und Larissa Hellwinkel teil, noch bevor der jetzt vier Wochen alte Sohn Lasse Matteo geboren wurde. Was sie zur Teilnahme bewogen hat? „Die Familie“, sagt Larissa Hellwinkel und erklärt, dass sie wohlmeinende Ratschläge, die aus dieser Richtung auf sie einprasselten, zwar ablehnte. Aber die Vielzahl der Meinungen hätten die 23-Jährige auch verunsichert. Das Seminar habe sie in dem bestärkt, was sie intuitiv bereits wusste: „Liebe ist kein Verwöhnen, sondern die Basis“ und „Ich bin die Mutter, ich mache das schon richtig“.

Dass die Meinungen über den Umgang mit Kleinkindern so stark auseinander gingen, erkläre sich durch einen schwelenden Generationenkonflikt. „Früher vertrat man teilweise Ideen über Kindererziehung, die im Grunde völlig verrückt sind“, so Hannsjörg Bachmann. So habe man Kindern oft zugeschrieben, dass sie ihre Eltern manipulierten. Jedoch gehe es nicht darum, es „genau anders herum zu machen“, sondern eine eigene Position zu finden. Statt etwa einen festen Rhythmus für das Füttern vorzugeben, könnten Eltern herausfinden, wie häufig das Kind tatsächlich essen möchte. „Jeder ist von Beginn an ein richtiger Mensch“, stellt Bachmann klar.

Insofern der Kurs bereits bei werdenden Eltern ansetzt, kann auch der Vater besser mit einbezogen werden. Eine wichtige Voraussetzung für eine stabile Familie, denn Vater und Mutter ergänzen sich in ihren jeweiligen Rollen, weiß Larissa Hellwinkel. Wenn der Sohn Blähungen hatte, habe es schon öfter geholfen, dass der Vater mit ihm herumtanzte. „Wenn er dann wieder lacht, weiß ich: Papa hat wieder Quatsch gemacht.“ Und wo sie sich als Mutter stresse, bleibe der Mann oft gelassen. So wachse das Vertrauen: „Ich konnte erst nicht schlafen, wenn Lasse Matteo nicht im Raum war, aber jetzt sag ich, wenn mein Mann von der Arbeit kommt: Hier ist das Baby – ich leg mich schlafen.“

Wichtig sei auch, die eigenen Grenzen zu kennen und darüber zu sprechen, nicht etwa, dem Kind gegenüber künstliche Grenzen aufzubauen. Dazu gehöre, eigene Pläne nicht aus dem Blick zu verlieren. Für die Hellwinkels ist das, vielleicht mal ein Haus zusammen zu haben. Und die junge Mutter möchte nach der Babypause ihre Ausbildung zur Bürokauffrau beenden.

„So können Eltern ihren Kindern das Gefühl geben, dass sie ein sicherer Hafen, ein Leuchtturm sind“, sagt Valentina Gross. Das alles laufe im Seminar nicht als Frontalunterricht ab, sondern wird von den Eltern im Dialog selber erarbeitet.

Am 27. Juni und 4. Juli beginnen die nächsten Seminare für werdende Eltern. Zugleich starten im Juli die ersten Bausteine nach der Geburt. Die Teilnahme ist kostenlos, und auch ein „Babysitter-Bonus“ in Höhe von 20 Euro ist möglich.

Näheres zur Anmeldung bei der Trägerorganisation „Fokus“ ist unter Telefon 04231/982497 oder info@fokus-verden.de zu erfahren.

ldu

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