Weise Worte zur neuen Ausstellung

„Lacht kaputt, was Euch kaputt macht“

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In ihrem Vortrag erläutert Nicole Meisenzahl die Geschichte des politischen Kabaretts in Deutschland von 1967 bis 1982 begleitend zur aktuellen Ausstellung im Kasch.

Achim - „Wir werden diese alberne Welt umschmeißen.“ Mit diesen Worten von Otto Julius Bierbaum eröffnete Rednerin Nicole Meisenzahl vom Deutschen Kabarettarchiv ihren Vortrag und erläuterte die deutschsprachigen Versuche zur Umsetzung dieses „Auftrags“ in die Ära zwischen 1967 und 1982. Zahlreiche interessierte Zuhörer waren der Einladung gefolgt und lauschten am frühen Sonntagabend den begleitenden Worten zur aktuellen Ausstellung „Drum verändert das System“ im Kulturhaus Alter Schützenhof (Kasch).

Die aktuelle Präsentation des Mainzer Archivs zeigt den fünften von insgesamt sechs Teilen der Ausstellungsreihe „100 Jahre Kabarett“. Vortrag und Collage spiegeln den Wunsch damaliger Agitatoren wider, inspiriert durch die Außerparlamentarische Opposition (Apo) und links-intellektuelle Ideologien, nicht nur Symptome anzugreifen, sondern eine andere Republik, ein anderes politisches System zu fordern. Deutsches Kabarett war zu jener Zeit Teil einer polit-revolutionären Bewegung, so Nicole Meisenzahl. „Man wollte das Publikum nicht unterhalten, sondern umerziehen.“

Das Publikum genoss die Provokationen, aber schwieg weiterhin - es blieb die Erkenntnis, dass Kabarett über den Status der Unterhaltungskunst nicht hinaus kommen würde und sich in intellektueller Selbstbefriedigung erschöpfe, so die Rednerin. Die Folgenlosigkeit führte zu einer Krise des politischen Ensemble-Kabaretts und endete mit der Auflösung der Münchner „Lach- und Schießgesellschaft“ im Jahre 1972.

Im weiteren Verlauf zogen vielfach Politbarden und Liedermacher über die TV-Bühnen und eine „Blödelwelle“ zog durchs Land und nahm Formen der 90er-Jahre-Comedy vorweg.

Aber das Kabarett war nicht tot: paradigmatisch dafür stehe Hanns Dieter Hüsch mit seinem Programm „Enthauptungen“ von 1970 mit seiner Absage an jegliche Ideologie und dem Bekenntnis zur Phantasie, dargestellt durch einen Clown in wirklicher Verrücktheit. Eine Rückbesinnung klassischen Kabaretts mit Themen der Gegenwart habe sich als Weg aus der Stagnation erwiesen, mit der Wiederentdeckung des Varietés. Travestie, Clownerie und Poesie kehrten auf die Kleinkunstbühne zurück.

Die Frage nach der Wirksamkeit des politischen Kabaretts bleibt indes unbeantwortet.

Um 1980 greifen Sponti-Kabaretts die Idee vom Kabarett als Mittel zum politischen Kampf auf, ohne die Wirkungslosigkeit als Scheitern zu empfinden, im Gegenteil: „Von der Hoffnungslosigkeit über die Verzweiflung direkt in die Trostlosigkeit“ zu führen, sei die Aufgabe des Kleinkünstlers, zitiert Nicole Meisenzahl den Frankfurter Protagonisten Matthias Beltz. Inspiriert durch Wolfgang Neuss und getrieben von der Einsicht, dass kein Zynismus das Leben übertreffe, lautet das Motto des postmodernen Kabaretts: „Lacht kaputt, was euch kaputt macht.“ Wenn einer heillosen Welt mit Vernunft nicht beizukommen sei, dann solle der Spott auf diese Welt wenigstens Spaß machen. sch

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