Kreisweiter Verein koordiniert seit 2014 die Versorgung für Schwerstkranke

Würdiges Leben bis zum Ende

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Allgemein- und Palliativmedizinerin Dr. Anke Hornemann bei ihrem Vortrag im Kasch über das Palliativnetz im Landkreis Verden.

Achim - Der Tod ist nur vordergründig das Thema des Palliativnetzes im Landkreis Verden. Denn eigentlich steht das Leben im Vordergrund. „Es geht nicht darum, dem Leben mehr Tage zu geben, sondern den Tagen mehr Leben“, zitiert Dr. Anke Hornemann eine Begründerin der weltweiten Palliativ-Bewegung, Cicely Saunders. Auf Einladung des Achimer Vereins „Gemeinsam mit Senioren“ erklärte die Allgemein- und Palliativmedizinerin, die auch erste Vorsitzende des Netzwerks für Palliativversorgung ist, Wissenswertes und Aktuelles über den kreisweit agierenden Verein.

Schauplatz des Vortrags war der Seminarraum des Kulturhauses Alter Schützenhof (Kasch).

„Palliativ“ kommt aus dem Lateinischen und bedeutet soviel wie „Ummantelung“. Der Verein hat sich zum Ziel gesetzt, die Lebensqualität schwerstkranker Menschen zu erhalten, zu fördern, zu verbessern und ihnen ein menschenwürdiges Leben bis zum Tod zu ermöglichen. Das wollen darin kooperierende Ärzte, Psychotherapeuten, Pflegedienste, stationäre Pflegeeinrichtungen und Hospizdienste gewährleisten.

Vor rund zwei Jahren wurde das Palliativnetz im Landkreis Verden gegründet. Doch erst seit der Verein am 1. Januar 2014 die Zulassung der Krankenkasse erhielt, ist er offiziell tätig. 85 Personen hat das Netzwerk 2014 bereits unterstützt, 2015 waren es bis Mai bereits 50 Personen.

Über eigene Räume zur Palliativversorgung verfügt der Verein nicht. Vielmehr geht es darum, die verschiedenen Angebote sichtbar zu machen und eine zentrale Anlaufstelle für Betroffene zu bieten. Dr. Hornemann nannte etwa die drei Hospizdienste in Achim, Ottersberg und Verden, die Palliativstation im Klinikum „Links der Weser“ in Bremen und in der Aller-Weser-Klinik Achim. Auch Alten- und Pflegeheime verfügen über Palliativzimmer. Ein stationäres Hospiz, wie etwa die „Brücke“ in Bremen, gibt es im Landkreis Verden nicht.

Um eine Palliativversorgung zu bekommen, stellt zumeist der Hausarzt (im fortgeschrittenen Stadium, oft auch der Stationsarzt im Krankenhaus), eine Notwendigkeitsbescheinigung aus. Die Kostenübernahme muss die Krankenkasse genehmigen. Dabei könne die Art der Hilfe sehr unterschiedlich aussehen, erläutert die Ärztin: „Nur etwa zehn Prozent der Palliativpatienten brauchen eine umfassende Versorgung.“

Neben Beratung leiste das Palliativnetz vor allem Koordinationsarbeit, die den medizinisch-pflegerischen, den psycho-sozialen Bereich und Fragen der Abrechnung über die Krankenkasse umfasse.

Auch kirchliche Seelsorger hat die Organisation mit im Boot. Pastor Dietrich Hoffmann zählt zu den Vorstandsmitgliedern. Es sei wichtig, über diesen Bereich aufzuklären, denn oft hielten sich Patienten zurück, sich um diesen Aspekt zu kümmern – zu stark verankert sei das Bild von der „letzten Ölung“. In diesem Zusammenhang wies die Referentin darauf hin, dass das Palliativnetz neben Anhängern des katholischen Glaubens auch Muslime künftig mehr mit im Blick haben werde.

Palliativversorgung bereite im Idealfall die Trauerarbeit schon vor. Dabei trügen die Angehörigen sicherlich die Hauptlast. Das Palliativnetz könne aber unterstützend einwirken. Etwa mit Tipps bei Atemnot: „Es braucht nicht immer die Sauerstoffmaske, manchmal reicht ein Mini-Ventilator.“ Auch Genuss sei noch bis kurz vor dem Ende möglich: Bei Schluckbeschwerden zum Beispiel lasse sich in den Fächern einer Pralinenschachtel mundgerecht alles einfrieren, was schmeckt – vom Malzbier bis zum trockenen Rotwein.

Beim Hausarzt, der in den letzten Wochen eines Patienten das Palliativnetz hinzuzieht, müsse kein Konkurrenzdenken bestehen, betont Hornemann auf Nachfrage. „Es geht darum, dass durch eine andere Berechnung der Leistungen mehr Zeit für den Patienten da ist.“

Das Palliativnetz im Landkreis Verden mit Sitz in Achim ist unter Tel. 04202/910104 (Anneliese Gieschen und Sylvia Best) erreichbar.

ldu

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