Die „Leitgans“ will nicht mehr

Kreisverdener MS-Gruppe nach 41 Jahren aufgelöst

Brigitte Bode mit ihren beiden Männern, wie sie sagt: Günter Bode und Dieter Eggert (r.)
+
Brigitte Bode mit ihren beiden Männern, wie sie sagt: Günter Bode und Dieter Eggert (r.).

Achim-Baden / Landkreis – Die letzte Abrechnung ist geschrieben und mit dem Landesverband alles besprochen und geregelt: Brigitte Bode hat die Multiple-Sklerose-Gruppe im Landkreis Verden abgewickelt. Nach 41 Jahren, darunter 21 Jahre mit ihr als Vorsitzender, ist Schluss.

„Ich habe lange mit mir gerungen und das Für und Wider abgewogen“, sagt die Badenerin und gibt zu, hin- und hergerissen gewesen zu sein, ob sie noch weitermacht. Aber: „Ich wollte nicht mehr die Leitgans sein.“ Und weil es niemanden gab, der in ihre Fußstapfen treten wollte, ist es nun vorbei.

Anneliese Laborius hatte die Gruppe Anfang der 1980er-Jahre gegründet; vor rund 25 Jahren stieß Brigitte Bode dazu, weil sie sich mit anderen Betroffenen austauschen wollte. Bei ihr hatte es damals mit verschiedenen Symptomen angefangen: „Ich konnte nicht richtig gehen, oder ich hatte das Gefühl, mir krabbeln Ameisen über den Rücken.“ Eingehende Untersuchungen brachten die Gewissheit. Als bei ihr die Diagnose gestellt wurde, habe sie gar nicht gewusst, wie man Multiple Sklerose (MS) schreibt.

Die 68-Jährige hat in all den Jahren gelernt, mit der Krankheit einigermaßen zu leben, und anders als etliche Mitglieder des soeben aufgelösten Kreisverbands ist sie nicht auf Rollstuhl oder Rollator angewiesen.

Anfang des Jahrtausends wollte sich also Anneliese Laborius von der Leitung zurückziehen und wählte Brigitte Bode aus. „Doch in den Schuhen der Vorgänger kann man nicht gut gehen“, merkte die Badenerin schnell.

In ihrem Mann Günter Bode holte sie sich Unterstützung. Fortan bis zu seinem Tod 2017 leitete das Paar die Gruppe gemeinsam, obwohl er selbst nicht an MS erkrankt war. „Ohne ihn hätte ich es nicht gekonnt.“

Für die rund 70 passiven und aktiven Mitglieder organisierten die Bodes Tagesausflüge und Vorträge, aber auch Wochenendfahrten nach Papenburg und Cuxhaven sowie regelmäßige Kurzurlaube auf Rügen – verbunden mit einem hohen Maß an Planungsaufwand. Denn bei den Tagesfahrten musste immer an barrierefrei Zugänge und behindertegerechte Toiletten gedacht sein. Und wenn es dann plötzlich in einem Restaurant anders als abgesprochen hieß: „Die MS-Gruppe in den ersten Stock“ oder sich die Toilette doch nicht als behindertengerecht herausstellte, aber man könne ja die im Rathaus nutzen, trieb das der Vorsitzenden schon mal Schweißperlen und Zornesröte auf die Stirn. Doch meistens seien ihre Leute zufrieden gewesen. Unvergessen ein Parkplatzbüfett, das Brigitte Bode spontan bei einer Buspanne auf Rügen auf einen Campingtisch zauberte.

Zuletzt bekam Brigitte Bode Hilfe vom Gruppen-Mitglied Dieter Eggert aus Verden, der ihr bei der Trauerarbeit half und sogar mit ihr zusammenzog. Doch auch er starb sehr früh mit nur 61 Jahren im Mai 2019. Selbst Dieter Eggerts Kater Benny, wie sein Herrchen Diabetiker, musste sie mit 17 Jahren zuletzt einschläfern lassen.

So wuchs in der 68-Jährigen der Entschluss, den Vorsitz abzugeben – und die Gruppe mangels Nachfolge aufzulösen. Seit Corona ruhten die Vereinsaktivitäten ohnehin.

„Man macht sich ja im Leben so seinen Plan, doch durch MS bin ich einen anderen Weg gegangen.“ Für sich selbst kann sie bilanzieren, dass sie trotz der Krankheit oder gerade wegen der Krankheit „im Negativen auch viel Positives“ erfahren hat.

Was bleibt, ist ein großes Dankeschön – an die Gruppenmitglieder und „an meine beiden Männer“, sagt Brigitte Bode.

Und niemand kann den ehemaligen Mitgliedern der Kreisverdener MS-Gruppe verbieten, sich privat auch weiterhin zu treffen, nach Ende der Pandemie-Vorgaben natürlich. Für den traditionellen Spielenachmittag der Gruppe in Dauelsen hat sie sich vorsichtshalber den Veranstaltungsort reserviert. Ganz endgültig Schluss ist dann doch noch nicht.

Bei Multipler Sklerose (MS) oder Encephalomyelitis disseminata (ED) handelt es sich um eine chronische Erkrankung des Nervensystems. Weil die Symptome vielschichtig sind, wird auch von der „Krankheit mit 1000 Gesichtern“ gesprochen. Die genauen Ursachen von MS sind noch nicht geklärt.

Symptome sind verschiedene Arten von Sehstörungen mit Minderung der Sehschärfe bis zur Blindheit und Störungen der Augenbewegungen. Daneben treten Spasmen auf, und die Betroffenen sind in ihrer Mobilität eingeschränkt. MS führt nicht zwangsläufig zu schweren Behinderungen. Auch viele Jahre nach Beginn der Erkrankung bleibt die Mehrzahl der Patienten noch gehfähig, wie in Brigitte Bodes Fall. Weitere Informationen im Internet unter www.dmsg-niedersachsen.de/multiple-sklerose/.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

Tipps für Erdbeeren auf dem Balkon und im Beet

Tipps für Erdbeeren auf dem Balkon und im Beet

Meistgelesene Artikel

„Messen Behörden in Achim mit zweierlei Maß?“

„Messen Behörden in Achim mit zweierlei Maß?“

„Messen Behörden in Achim mit zweierlei Maß?“
Inzidenz um die 70 nicht auf die Schnelle erreichbar

Inzidenz um die 70 nicht auf die Schnelle erreichbar

Inzidenz um die 70 nicht auf die Schnelle erreichbar
Verkehr auf L 156 und zur A 27 in Achim-Ost kann rollen

Verkehr auf L 156 und zur A 27 in Achim-Ost kann rollen

Verkehr auf L 156 und zur A 27 in Achim-Ost kann rollen

Kommentare