Angebot für Flüchtlinge

Rüstzeug für den Arbeitsplatz in Deutschland

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Ein Blick in einen Integrationskurs des LUZ mit Lehrkraft Susanne Schoeneich. KVHS-Leiterin Sabine Wahba und ALV-Chefin Kerstin Wendt (v.l.) schauen über die Schulter.

Achim - Von Lisa Duncan. Auch mit Abebben der Flüchtlingswelle von 2015/16 bleibt die Nachfrage nach Sprach- und Integrationskursen im Landkreis Verden hoch, weiß Dr. Sabine Wahba, Leiterin der Kreisvolkshochschule (KVHS) Verden. Gemeinsam mit der Arbeit im Landkreis Verden (ALV) betreibt die Bildungseinrichtung seit April ein Schulungszentrum an der Steubenallee 7 in Achim, der einstigen Stadtwaldschule, um Zugewanderte beim Einstieg in den Arbeitsmarkt zu unterstützen. „Lernen und Zukunft“ (LUZ) heißt das Projekt, das die Integration fördern will – zielgerichtet und aus einer Hand.

Insgesamt 240 Personen mit Migrationshintergrund nutzen die Einstiegs- und Integrationskurse sowie die Kurse für berufsbezogene Sprachförderung in Achim. Etwa 120 Teilnehmer drücken die Schulbank an der Steubenallee, währenddessen laufen auch die Sprachkurse im Haus der KVHS an der Bergstraße 26 weiter. „Wir bieten ein Vollzeit-Bildungsangebot mit 25 Stunden Unterricht pro Woche, dazu kommt Vor- und Nachbereitung“, erläutert Wahba.

Einige Kursteilnehmer sind „ohne Not“ zugewandert, etwa nach der Heirat mit einem deutschen Partner, aber das Gros seien Flüchtlinge, die 2015/16 hergekommen sind. Nachdem die meisten die Notunterkünfte zugunsten von privatem Wohnraum verlassen konnten, können und wollen sich viele beruflich orientieren. „Eine Kursballung wie jetzt gab es so noch nicht“, sagt Wahba.

Derzeit leben etwa 1000 Erwerbsfähige (ab 15 Jahren) mit Migrationshintergrund im Landkreis Verden. Weitere knapp 1000 Personen erhalten Leistungen nach dem Asylbewerbergesetz, also mit ungesichertem Aufenthaltsstatus. Von den 1000 Zuwanderern, deren Asyl schon anerkannt ist, nehmen pro Monat 30 bis 35 einen Job auf – Arbeitsplatzwechsler mit eingeschlossen. Doch selbst diese haben vielfach noch Bildungslücken: „Etwa 60 Prozent hat keinen Schulabschluss, der in Deutschland anerkannt ist“, weiß Kerstin Wendt, Vorständin des Jobcenters ALV.

„Versuchen auszugleichen, was schief läuft“

Bis auf einen Frauenkurs sind die Kursgruppen gemischt, wobei die meisten Teilnehmer männlich und zwischen 15 und 35 Jahre alt sind. Herkunftsländer sind überwiegend Syrien, Afghanistan, Eritrea, Somalia, Irak und Iran. Ivorer sind ebenfalls vertreten, doch erhalten diese meist kein Bleiberecht.

Seit der Einführung der Integrationskurse im Jahr 2005 werde die Integration durch eine gesetzliche Grundlage wenigstens etwas gesteuert, findet Sabine Wahba. In dieselbe Kerbe schlägt das LUZ: „Wir versuchen auszugleichen, was strukturell bei der Integration schief läuft“, sagt Wendt. Das betrifft unter anderem die Finanzierung, die sich aus unterschiedlichen Bundes- und Landesmitteln zusammensetzt. Für „Lücken“ wiederum gibt es einen kommunalen Topf. Die gemischten Zuständigkeiten hätten manchmal zur Folge, dass Leute doppelt in Kurse und/oder Praktika vermittelt werden. Erschwert werde die Zuordnung durch die unterschiedlichen Schreibweisen der oft aus dem Arabischen übertragenen Namen.

Im Schnitt fünf Jahre für berufliche Integration

„Im LUZ machen wir eine ortsnahe Beschulung und wir wollen die Zusammenarbeit mit der KVHS intensivieren“, meint Wendt. Die kurzen Wege helfen den Einrichtungen, sich gegenseitig in die Hände zu spielen. Ziel der ALV als Jobcenter ist es, auch diejenigen zu erreichen, die sich nicht von selbst um eine Vermittlung in Arbeit bemühen. „Sonst ist der Sprachkurs zu Ende und die Förderung reißt ab“, schildert die ALV-Chefin. Ein Arbeitsvermittler des Jobcenters hat an der Steubenallee ein Büro, zudem steht das LUZ in Kontakt mit Betrieben und Handelskammern. So lasse sich etwa abstimmen, ob Sprachkenntnisse auch während einer Ausbildung noch nachgeholt werden müssten.

„Eine Ausbildung ist generell erst ab Sprachniveau B1 sinnvoll“, betont Wendt. „Allein aus Gründen der Arbeitssicherheit.“ Hinzu komme das „Päckchen mit negativen Erfahrungen“ durch Krieg oder Vertreibung.

Manche benötigten auch eine Grundbildung vor der Ausbildung. „Was nützt es, wenn einer supertoll mauern kann, aber kein Einmaleins beherrscht?“ Daher gibt es im LUZ auch Mathematikkurse, in denen beispielsweise die Grundrechenarten vermittelt werden. Ein Test, um das Niveau der Allgemeinbildung einzuschätzen, geht dem voran.

Natürlich gibt es auch immer wieder Positiv-Beispiele. „Wir hatten gerade zwei junge Männer mit Ingenieursausbildung, die bereits nach einem halben Jahr den Kurs C1 besucht haben. Die haben ihre Ehefrauen gleich mit angemeldet“, berichtet Wahba. Um die Hürden für Frauen abzubauen, bietet das LUZ auch Kurse mit Kinderbetreuung, jeweils vor- und nachmittags für bis zu fünf Kinder.

Dem Merkel-Slogan „Wir schaffen das“ setzt Kerstin Wendt den Realismus der Arbeitsvermittler entgegen: Der Durchschnitt werde fünf Jahre brauchen von der Ankunft in Deutschland bis zum ersten Arbeitsplatz. „Man muss die Leute auch fordern und darf es nicht einfach so laufen lassen.“ Und Sabine Wahba pflichtet ihr bei: „Integration geht nicht von heute auf morgen, sondern braucht ihre Zeit.“

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