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Komitee verlangte Volksabstimmung

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Von: Michael Mix

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Gudrun und Erhard Wiedwald haben sich jahrzehntelang in Baden und für die ganze Stadt ehrenamtlich engagiert.
Gudrun und Erhard Wiedwald haben sich jahrzehntelang in Baden und für die ganze Stadt ehrenamtlich engagiert. © Mix

Achim – Als die Badenerinnen und Badener am 1. Juli 1972 aufwachten, waren sie über Nacht zur Achimerin, zum Achimer geworden. Die vom Land Niedersachsen eingeführte Gebietsreform raubte dem stolzen Weserdorf die Eigenständigkeit, es gehörte fortan zur Stadt Achim. Was der Badener Bevölkerung schwer zu schaffen machte, aber auch umgekehrt und zwischen noch weiteren Gemeinden und ihren Bewohnern herrschte Argwohn.

„Mit den Animositäten zwischen Achim, Uesen und Baden war es schwierig“, erinnert sich Gudrun Wiedwald. Die gebürtige Achimerin führt dafür ein eindrucksvolles Beispiel an. Als junge Frau lernte die begeisterte Handballerin beim Sport einen jungen Mann namens Erhard aus einem Nachbarort kennen, schon bald läuteten die Hochzeitsglocken. Was eine Achimer Geschäftsfrau fassungslos gemacht habe. „Wie kannst du nur einen Badener heiraten und dazu noch einen Flüchtling!?“

Erhard Wiedwald, der aus dem ostpreußischen Mohrungen stammt, wohnte mit seinen Eltern in einem neugebauten Haus an der Tannenbergstraße in Baden, wo die junge Ehefrau nach der Hochzeit 1963 dann einzog. Ihr Mann engagierte sich schon bald politisch. „Ich bin seit 1968 Mitglied der CDU und wurde im selben Jahr in den Gemeinderat gewählt.“ Es dauerte nicht lange, und das Thema Gebietsreform stand auf der Tagesordnung. „Die CDU-Mehrheit in Baden wollte einen Zusammenschluss mit Etelsen-Cluvenhagen, weil die Kinder von dort zur Badener Schule gingen, sowie mit der Gemeinde Posthausen, weil die wegen Dodenhof viel Geld hatte“, schildert Erhard Wiedwald die damalige Situation.

Mit Achim und Uesen, den zwei ungeliebten Nachbarn, unter eine Decke schlüpfen zu müssen, sei für viele geradezu eine Horrorvorstellung gewesen. „In Baden hat sich deshalb sogar eine Bürgerinitiative gebildet“, das „Komitee Gebietsreform“ habe eine Art Volksabstimmung veranstalten wollen. In vielen Haushalten im Dorf seien Zettel verteilt worden, weiß Wiedwald. An ein Ergebnis der Aktion, die ohnehin wohl kaum einen der Reform-Entscheider in Hannover beeindruckt hätte, kann sich der heute 86-Jährige nicht erinnern. „Das hatte nur moralischen Wert“, sagt er.

Schweren Herzens unterzeichnete Bürgermeister Helmut Wrede den Gebietsänderungsvertrag.
Schweren Herzens unterzeichnete Bürgermeister Helmut Wrede den Gebietsänderungsvertrag. © -

Der Badener Rat habe dann bei den unvermeidlichen Verhandlungen mit Achim und den anderen Gemeinden ringsum die Bildung von Ortsräten verlangt, um Anliegen besser vorbringen und durchsetzen zu können. „Wir wollten wenigstens ein Mitspracherecht haben.“ Die Badener Verhandlungsdelegation unter Leitung von Bürgermeister Helmut Wrede und Gemeindedirektor Peter Kuhlmann habe außerdem inhaltliche Forderungen gestellt. „Das Wichtigste war, das am Lahof ein Sportzentrum entsteht.“

Doch gut Ding im „großen Achim“ wollte Weile haben. „Die Halle wurde erst 1983 eingeweiht, elf Jahre nach der Eingemeindung“, blickt Wiedwald zurück. Denn die Stadt habe vorher noch ein Gymnasium samt großer Sporthalle bekommen. „Wir haben deshalb in Baden lange Feldhandball gespielt.“

Das Ehepaar, das drei Kinder hat, puschte den Sport im Ortsteil mit an vorderster Stelle in unzähligen Stunden ehrenamtlicher Arbeit. „Ich war 15 Jahre zweite Vorsitzende des TV Baden und habe mit dazu beigetragen, dass am Lahof auch eine Gymnastikhalle, ein Fitnessraum, eine Skateranlage und ein Beachvolleyballfeld entstanden sind“, erzählt Gudrun Wiedwald (79). Die Schiffsmaklerin gründete später noch den Tagesmütterverein im Landkreis Verden. Ihr Mann Erhard war über Jahrzehnte der Tausendsassa in der Handballabteilung, wo er unter anderem als Rechts-, Jugend- und Spielwart fungierte, aber auch Funktionen auf Bezirksebene ausübte. 20 Jahre nach der Gebietsreform machten dann die Handballer aus Achim und Baden gemeinsame Sache. „Für die Gründung der SG Achim/Baden 1992 gab es beim TV aber nur eine Mehrheit von einer Stimme“, verrät Erhard Wiedwald.

Der Bankkaufmann wirkte jedoch auch lange ehrenamtlich im Achimer Stadtrat mit. Von Beginn an, also ab 1972, bis 2006 hatte der Finanz- und Sportexperte dort Sitz und Stimme, in der CDU-Fraktion vertrat er Badener Belange, aber nicht nur. „Von einer Kur in Rheinland-Pfalz habe ich die Idee des Ferienspaßes für Kinder mitgebracht. Robby Fißmann von der SPD-Fraktion, mit dem ich mich gut verstanden habe, war davon auch gleich begeistert“, schildert Wiedwald. „1977 wurde der Ferienspaß in Achim eingeführt.“ In Badenermoor, wo die Familie von 1976 bis 2021 bis zur kürzlichen Rückkehr an die Tannenbergstraße wohnte, sei auf seine Initiative hin ein Spielplatz neben dem Sportgelände eingerichtet worden, fügt der ehemalige Kommunalpolitiker noch hinzu. Die Badener Fahne hält er jetzt im Alter nicht mehr ganz so hoch.

Für viele Dorfbewohner begann am 1. Juli 1972 geradezu eine Eiszeit: Seitdem gehört Baden zur Stadt Achim. Ein halbes Jahrhundert danach sollte auf den Ortsschildern nur noch „Achim“ stehen, sagt Gudrun Wiedwald.
Für viele Dorfbewohner begann am 1. Juli 1972 geradezu eine Eiszeit: Seitdem gehört Baden zur Stadt Achim. Ein halbes Jahrhundert danach sollte auf den Ortsschildern nur noch „Achim“ stehen, sagt Gudrun Wiedwald. © -

Seine Frau macht das ohnehin nicht. „Ich fühle mich in Achim zu Hause“, antwortet Gudrun Wiedwald auf die Frage nach ihrem Wohnort. Seit der Gebietsreform sei immerhin schon ein halbes Jahrhundert vergangen. „Jeder Ortsteil ist für sich einfach nicht mehr so wichtig.“ Sie kenne allerdings etliche im Dorf, die immer noch anders tickten. „Viele Badenerinnen und Badener sind leider immer noch dem alten Denken verhaftet.“

Gudrun Wiedwald kann darüber nur den Kopf schütteln. Die frühere Vize-Vorsitzende des TV Baden wollte „ihren“ Verein nicht nur mit den Fußballern vom SV Baden verschmelzen. „Meine Idee wäre gewesen, alle großen Sportvereine in Achim zusammenzuschließen“, verkündet sie geradezu Revolutionäres. „Dann müssten Kinder und Erwachsene, die verschiedene Sportarten in unterschiedlichen Vereinen betreiben, auch keine doppelten Beiträge mehr zahlen.“

Es sei jetzt endlich an der Zeit, das Ortsteil-Denken zu überwinden, und da sollten Politik und Verwaltung mit gutem Beispiel vorangehen, findet Gudrun Wiedwald. „Die Ortsschilder sollten geändert werden, da sollte nur noch ,Achim‘ draufstehen. Wir sind eine Stadt.“

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