Zeugen verstricken sich in Widersprüche

„Kleinerer schlug zu – nein, Größerer“

+
Symbolbild

Achim - Am Ende plädierte sogar Oberstaatsanwalt Schmidt auf Freispruch für die beiden Brüder, die der gemeinschaftlichen Körperverletzung in drei Fällen angeklagt waren. Ihm blieb auch kaum etwas anderes übrig.

Denn die Kontrahenten und Opfer der Brüder sagten am Mittwoch als Zeugen in der Strafverhandlung vor dem Achimer Amtsgericht beim wesentlichen Punkt meist genau das Gegenteil von dem aus, was sie bei der Polizei angegeben hatten. Und die Angeklagten beteuerten bis zum Schluss ihre Unschuld.

„Wir haben uns leider provozieren lassen“

Was ist passiert? Die beiden Männer, 40 und 34 Jahre alt, gerieten am 29. Mai 2016 an der Bushaltestelle am Schmiedeberg in Achim mit einer Gruppe Jugendlicher aneinander. Der Jüngere wohnt dort in der Nähe und hatte seinen Bruder zu Besuch. Ein gemütlicher Abend mit „drei, vier Bierchen“ mündete nachts um 2 Uhr in eine handfeste Auseinandersetzung.

Angesichts an der Haltestelle laut feiernder junger Leute, die auch an Hauswände und zwischen geparkten Autos gepinkelt hätten, sei an Schlaf nicht zu denken gewesen, berichtete der 40-Jährige vor Gericht. „Mein Fehler war es, dass ich beschlossen habe, nach draußen zu gehen, um die Jugendlichen zur Rede zu stellen.“ Diese hätten sogleich aggressiv reagiert. „Wir haben uns leider provozieren lassen“, bekannte der ältere, kleinere Angeklagte.

Angeklagter: Jugendliche haben uns gejagt

Er selbst habe einen Schlag aufs rechte Auge bekommen. „Als ich mich wegdrehte, traf ich ein hinter mir stehendes Mädchen unabsichtlich irgendwie mit einem ausgestreckten Arm, woraufhin sie zu Boden ging.“ Jugendliche aus der zum Teil im nahen „Dröönläänd“ feiernden Gruppe hätten daraufhin regelrecht Jagd auf ihn gemacht. „Wir sind kreuz und quer über die Straße gelaufen, bis die Polizei kam.“

„Die Situation ist eskaliert“, sagte sein jüngerer, klar größer gewachsener Bruder. Aber anders als von der Anklage angeführt, habe er „nicht ein, zwei Personen geohrfeigt“. Er habe lediglich versucht, die ihn bedrängenden Jugendlichen „auf Komfortabstand“ zu halten.

Gegenüber der Polizei wurden abweichende Beobachtungen genannt

Ganz anders stellten die Zeugen das Geschehen dar. Die Brüder hätten sie in lautem, barschen Ton aufgefordert, leiser zu sein und die an der Haltestelle aufgetürmten Flaschen wegzuräumen. Als er gerade welche habe aufheben wollen, sei er vom kleineren der beiden Männer geschubst worden, während der Größere einem Kumpel von ihm eine kräftige Ohrfeige verpasst habe, sagte ein 19-Jähriger aus Blender aus. Und dann sei eine Freundin, die versucht habe, schlichtend einzugreifen, dran gewesen.

„Der Größere der Angeklagten schlug mich ins Gesicht, ich ging zu Boden und wurde ohnmächtig“, gab die 20-jährige Worpswederin unter Tränen zu Protokoll. Ein Gleichaltriger Verdener, der betonte, in der Nacht vollkommen nüchtern gewesen zu sein, bestätigte diese Aussage.

„Gegenüber der Polizei haben Sie noch behauptet, dass der deutlich kleinere der Brüder zugeschlagen hat“, hielt ihm Richter Matthias Hahn daraufhin vor. „Da bin ich damals wohl durcheinander gekommen“, redete sich der Verdener raus. Drei weitere junge Leute aus der Gruppe verwickelten sich ebenfalls in Widersprüche.

Freispruch nach „unbefriedigender“ Beweisaufnahme

Oberstaatsanwalt Schmidt bezeichnete die sich über mehr als vier Stunden hinziehende Beweisaufnahme als „unbefriedigend“ und beantragte Freispruch für die beiden Angeklagten. Die Zeugen hätten leider nichts zur Erhellung des Tatablaufs beigetragen. Die junge Frau sei sicherlich geschlagen worden, aber von wem, bleibe offen.

„Ich glaube, dass sie die Verletzungen infolge eines Gerangels erlitten hat“, sagte der Verteidiger des älteren Beschuldigten und fügte an: „Die Zeugenaussagen lassen darauf schließen, dass sich alle in der Gruppe abgesprochen haben.“

Der Rechtsbeistand des jüngeren Angeklagten bemängelte die Arbeit von Polizei und Staatsanwaltschaft in diesem Fall. „Ich hätte mir gewünscht, wenn sauberer ermittelt worden wäre.“

Das Urteil von Richter Hahn lautete schließlich folgerichtig auf Freispruch; die Kosten des Verfahrens muss die Landeskasse tragen. Auch für den Vorsitzenden „ein unbefriedigendes Ergebnis“.

mm

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema:

Liverpool kegelt Hoffenheim aus der Champions League - Bilder

Liverpool kegelt Hoffenheim aus der Champions League - Bilder

Blutspuren von toter Journalistin in U-Boot entdeckt

Blutspuren von toter Journalistin in U-Boot entdeckt

Eiskalt oder scharf: Rezepte mit Pflaumen und Zwetschgen

Eiskalt oder scharf: Rezepte mit Pflaumen und Zwetschgen

Kaktusfeigen richtig öffnen

Kaktusfeigen richtig öffnen

Meistgelesene Artikel

Oldie-Treffen in Vethem: Ein Mekka der Trecker-Fans 

Oldie-Treffen in Vethem: Ein Mekka der Trecker-Fans 

Nasse Schwämme, volle Hosen, allerbeste Stimmung

Nasse Schwämme, volle Hosen, allerbeste Stimmung

Trump, Schottenröcke und zum Glück auch Musik

Trump, Schottenröcke und zum Glück auch Musik

Erst Finanzen für Liekenplan klären

Erst Finanzen für Liekenplan klären

Kommentare