Nach 40 Jahren im Ruhestand

Diakon Wolfgang Rekendt: „Kirche ist bunt, offen und vielfältig“

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Persönliches Paradies: Im Ruhestand hat Wolfgang Rekendt mehr Zeit für Haus, Hof und Garten.

Achim - Wenn er am Sonntag nach 40 Dienstjahren als Diakon in den Ruhestand verabschiedet wird, freut sich Wolfgang Rekendt vor allem auf eines: alte Bekannte wiederzusehen. Ein großer Teil davon sind ehemalige Konfirmanden, von denen Rekendt ganze Generationen prägte: „30 Konfis pro Jahr in 30 Jahren Konfirmandenunterricht – das sind ungefähr 900 Leute“, schätzt der 63-Jährige. Damit möglichst viele kommen, schrieb er selbst Einladungen. Verziert mit Farbklecksen, prangt darin der Spruch „Unsere Kirche ist bunt, offen und vielfältig!“.

Rekendt wurde 1956 in Stade geboren, ging dort selbst als Jugendlicher aber eher widerwillig zum Konfirmandenunterricht. „Wir sind hin, weil wir es mussten, darüber gab es keine Diskussion“, erinnert er sich. Den Unterricht, der sich im Auswendiglernen und Singen erschöpfte, und dessen „innerkirchliches Vokabular“, empfand der Heranwachsende als weltfremd. Dementsprechend kam ein Theologie-Studium nicht infrage: „Ich wollte bewusst nicht Pfarrer werden.“

Über Umwege fand Rekendt seine Berufung doch bei der Kirche. Ehrenamtlich engagierte er sich schon mit 15 Jahren in der Freizeitarbeit mit Jugendlichen. Durch den Zivildienst bei einem evangelischen Jugendzentrum in Stade kam er in Kontakt mit Offener Jugendarbeit und fing an, sich für den Beruf des Diakons zu interessieren. Um ein Haar wäre Rekendt dann doch Volkswirt geworden – einen Studienplatz in Braunschweig hatte er sicher. Doch ein Studium der Religionspädagogik an der Evangelischen Fachhochschule in Hannover lag ihm irgendwie näher. Das schloss er mit einem Anerkennungsjahr in Einbeck ab.

Im Oktober 1981 nahm Rekendt die Stelle des Jugenddiakons in Achim auf. „Mit langen Haaren und wuschelig kam ich zum Vorstellungsgespräch“ – und ohne sich große Chancen auszurechnen, stellt er amüsiert fest. Die damals rund 15.000 Mitglieder umfassende St. Laurentius-Kirchengemeinde galt als die größte im Kirchenkreis Verden. Zu seinen Aufgaben gehörte immer freitags die Offene Jugendarbeit im Jugendkeller und nicht zuletzt, die Organisation der monatlichen Gemeindefeten. „Da kamen durchschnittlich 300 Besucher. Ganz Achim war im Gemeindehaus.“ Nicht immer lief das vollkommen konfliktfrei ab: „Damals war das Gemeindehaus noch am Deich. Da musste der Hausmeister am nächsten Morgen schon mal die Bierdosen aus den Wacholderbüschen holen.“ Der Zuspruch flaute erst ab, als das Kulturhaus Alter Schützenhof (Kasch) auch Jugendfeten anbot. Doch die 90er-Jahre brachten weitere Projekte: Als bei einer Umfrage herauskam, dass sich Jugendliche ein „gläsernes Café“ in der Innenstadt wünschten, bauten Ehrenamtliche, darunter auch Wolfgang Rekendt, das Café „Wir in Achim“ (Cawia) auf, das später im Auftrag der Stadt von der Sozialpädagogischen Familien- und Lebenshilfe (Sofa) übernommen wurde.

Nach einigen Jahren in Achim leitete Rekendt dann doch, erst vertretungsweise, später mit zunehmender Freude, den Konfirmandenunterricht. Das Auswendiglernen sparte er nicht aus, jedoch gestaltete er die Lektionen abwechslungsreich, etwa in Quizform, und statt mit drohendem Zeigefinger, mit Lob und Wertschätzung. Einen Schwerpunkt legte er auf die Zehn Gebote. „Die sind immer noch hochaktuell.“ Den Einstieg in das Thema bildete meist eine imaginäre Reise, bei der die Konfirmanden auf Tischen stehend, auf eine einsame Insel fuhren und sich dort Regeln fürs Zusammenleben ausdachten. „Da geht es zum Beispiel um die Frage, wer ist unser Gott? Wollen wir eine Demokratie oder wünschen wir uns einen Hitler?“ Das Gebot „Du sollst nicht falsch Zeugnis reden“ sei nah an der Fake-News-Debatte. „Ich glaube, Trump könnte von meinem Konfirmandenunterricht profitieren“, sagt Rekendt und lacht.

Einen Nachfolger wird es für Diakon Wolfgang Rekendt übrigens nicht geben. Grund ist der Sparzwang der evangelischen Kirche. Früher hatte jede Gemeinde einen eigenen Diakon, nun gibt es nur noch sechs bis sieben Stellen im Kirchenkreis. Darum war Rekendt zuletzt auch für Baden, Etelsen und Daverden zuständig.

Dass er sich in Achim immer sehr wohl gefühlt hat, führt Rekendt auf die Menschen zurück: „Ich bin mit Leib und Seele Achimer. Obwohl ich jede niedersächsische Kleinstadt schöner finde.“

Als Rentner will sich Rekendt mehr seinen Hobbys widmen: „Ich will weiterhin viel am Computer machen. Außerdem liebe ich Haus, Hof und Garten.“ Sein Hobby Fotografie will er ebenfalls weiter intensivieren – etwa, indem er seinen Instagram-Account mit Material füttert. Vielleicht wird er sich auch zum Rentnerstudium an der Bremer Uni einschreiben. Gottesdienste will er weiterhin besuchen, zur Kirche im professionellen Sinne aber erst mal Abstand suchen: „Ich will keine graue Eminenz im Hintergrund sein. Ich möchte auch, dass die Kirchengemeinde sich neu und ohne mich organisiert.“

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