Sozialarbeiterinnen an Schulen infolge Corona stark gefordert

„Kinder sind dünnhäutig durch Belastungen“

Angebote zur Entspannung und für gemeinschaftliche Erlebnisse sind in Corona-Zeiten besonders wichtig. Hier besuchen Achtklässler den Waveclub im Realschulgebäude.
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Angebote zur Entspannung und für gemeinschaftliche Erlebnisse sind in Corona-Zeiten besonders wichtig. Hier besuchen Achtklässler den Waveclub im Realschulgebäude.

Achim – „Die durch Corona verstärkte soziale Spaltung, fehlende Alltagsstrukturen, übermäßiger Medienkonsum und flexible Arbeitszeiten der Eltern“ machten Kindern und Jugendlichen zunehmend zu schaffen, beobachten Erika Wutz-Reeßing und Katrin Wiechmann. Als Sozialarbeiterinnen an der IGS und bis zu deren Ende im Sommer auch an der Haupt- und der Realschule sind sie hautnah mit den wachsenden Problemen der Schülerinnen und Schüler konfrontiert und nochmal weitaus stärker als früher gefordert.

„Wir erleben die Kinder verunsichert, verängstigt, mit einer geringen Frustationstoleranz, hohem Aggressionspotenzial, mangelnder Teamfähigkeit und fehlender sozialer Empathie“, stellen Wutz-Reeßing und Wiechmann in einem Schreiben an die Stadt fest. „Uns erreichen Hilferufe von Eltern, die überfordert sind, und wir treffen auf Erziehungsberechtigte, die die komplette Erziehung ihrer Kinder in die Hände der Schule legen möchten.“

Ihre jeweils 30 Wochenstunden „für die Beratungstätigkeiten, für die Intervention, für die Prävention“ und für weitere Anforderungen, etwa „umfangreiche Notbetreuungen“ in Zeiten von Schulschließungen, reichten längst nicht aus, sagen die beiden vom Land Niedersachsen bezahlen Sozialarbeiterinnen. Möglichst schon zum kommenden Schuljahr, wenn die IGS komplett die Jahrgänge fünf bis zehn umfassen wird, müsse eine dritte sozialpädagogische Fachkraft her. Denn an der Gesamtschule gebe es viele Kinder mit Förderbedarf beim Lernen und / oder im sozial-emotionalen Bereich, der Anteil der nicht muttersprachlichen Schülerinnen und Schüler liege bei über 40 Prozent.

„Durch Corona haben wir noch mehr Arbeit“, informiert Erika Wutz-Reeßing auf Nachfrage. „Die Kinder sind so dünnhäutig durch die Belastungen.“ Viele hätten die Weihnachtsferien in Quarantäne verbringen müssen und nicht wenige treíbe die Sorge um, wegen eines neuerlichen Lockdowns an den Schulen wieder in die Notbetreuung gehen zu müssen. Etliche wünschten sich ein Wechselmodell aus Präsenz- und Onlineunterricht.

„Wir haben ganz viele Kinder, die therapeutische Hilfe brauchen“, berichtet Wutz-Reeßing. „Viele sagen, dass sie aufgrund mangelnder Kontakte vereinsamen.“ Zwei Schülerinnen hätten schon vorher depressive Phasen gehabt, „durch Corona hat sich das noch verschlimmert“. Ein anderes Mädchen habe Angst davor, dass die Mutter ihre Arbeitsstelle in der Gastronomie verliert.

Und erst eben, direkt vor dem Gesprächstermin mit der Zeitung, hätten zwei Fünftklässlerinnen, die sich durch Jungs in der Klasse gemobbt fühlten, lange bei ihr im Büro gesessen. „Beide haben geweint, eine hatte einen richtigen Nervenzusammenbruch.“ Sie habe eine Stunde gebraucht, um die Mädchen zu beruhigen.

„Wir müssen ganz viel Druck aus dem Kessel nehmen“, unterstreicht Katrin Wiechmann. Es koste eine Menge Zeit und Energie, aggressive oder depressive Schützlinge wieder einigermaßen in die Spur zu bringen.

„Infolge Corona werden Probleme, die schon vorher da waren, noch sichtbarer“, sind sich Wiechmann und Wutz-Reeßing einig. Viele Kinder bekämen zu Hause nicht die Unterstützung und Aufmerksamkeit, die sie benötigten. Die wollten sie sich dann in der Schule holen.

Leisten an der IGS und bis zum Sommer auch noch an der Haupt- und der Realschule vielfältige Sozialarbeit: Erika Wutz-Reeßing (links) und Katrin Wiechmann.

Andere wiederum blieben der Lernstätte stunden-, tage- oder sogar wochenweise fern. „Wir haben eine enge Kooperation mit der Koordinierungsstelle Schulverweigerung beim Landkreis“, lässt Wiechmann wissen. Überhaupt arbeiten die Sozialpädagoginnen mit zig Behörden und Institutionen zusammen, gleich ob Jugendamt, Polizei, Fachstelle für Sucht oder sozialpsychiatrischem Dienst. „Und natürlich machen wir auch Hausbesuche.“ Wegen der hohen Migrantenquote und der Sprachbarriere sei allerdings schon die Verständigung mit den Eltern oft schwierig.

„Wir unterstützen die Schüler auf ihrem Weg des Erwachsenwerdens und machen die Arbeit gerne, mit Herzblut“, betont Erika Wutz-Reeßing, die ihre Tätigkeit in Achim vor 21 Jahren an der Hauptschule begonnen hat. „Aber wenn wir nicht kurzfristig Verstärkung kriegen, können wir hier nur noch Feuerwehr spielen und den Schülern nicht mehr gerecht werden.“

Katrin Wiechmann, die 2020 von der aufgelösten Verdener Hauptschule an die IGS und die Realschule in Achim wechselte, sieht die Stadt ebenso in der Pflicht, zu handeln und die Mittel für eine dritte Kraft aufzubringen. „Die Gemeinde Oyten finanziert ja auch Stellen für die Sozialarbeit an der dortigen IGS.“

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