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Gasunie: Kein Abriss und keine Entlassungen

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Von: Manfred Brodt

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Das Gasunie-Werk: Blick auf Achims europäische Gas-Drehscheibe.
Das Gasunie-Werk: Blick auf Achims europäische Gas-Drehscheibe. © -

Achim – Während Millionen Menschen auf anderen Kontinenten wegen fehlender Weizenlieferungen aus der Ukraine den Hungertod fürchten müssen, zittern wir um russisches Gas, kalte Wohnungen, stillstehende Wiirtschaftsbereiche und Massenarbeitslosigkeit. Noch bleibt die Hoffnung, dass das Panikmache ist. Eine Schlüsselrolle spielt in diesem Zusammenhang auch die niederländische Gasunie mit ihrer deutschen Tochter, die in Achim-Embsen nach zweistelligem Millionenaufwand seit 2014 eine Gasverdichterstation betreibt.

Quer durch den ganzen Kreis wurden damals Gräben aufgerissen und Gasrohre verlegt, die der Bevölkerung billige und sichere Energie verhießen.

Das ist mit Putins Angriffskrieg und der mit Reparaturen begründeten Kappung der Nord-Stream-1-Leitung zumindest zunächst vorbei.

Dr. Philipp von Bergmann-Korn, Pressesprecher der Gasunie Deutschland, bestätigt uns, dass zurzeit überhaupt kein russisches und auch kein ukrainisches Gas fließt. „Wir müssen deshalb aber die Station nicht abreißen, und es wird auch niemand entlassen oder auf Kurzarbeit gesetzt“, beruhigt er. Die Beschäftigtenzahl war in Embsen mit rund zehn Leuten, jetzt neun, und zusätzlichen saisonalen Kräften ohnehin nie sehr hoch. Technisch überwacht wird die Achimer Anlage aus Schneiderburg bei Cloppenburg. Der Pressesprecher zur Situation im Achimer Werk: „Beide Turbinen laufen, alles dient dazu, in dieser angespannten Situation den Transport des Gases aufrecht zu erhalten, das aktuell aus westlicher Richtung – Niederlande und Norwegen – kommt.“

Die Achimer Anlage war und ist eine Drehscheibe der europäischen Energieversorgung. Gas aus Russland, Norwegen, Dänemark, den Niederlanden und auch Deutschland soll vom Norden über Rheden im Landkreis Diepholz nach Süddeutschland, West- und Südeuropa geleitet werden. Gasunie betreibt zehn solche Verdichterstationen in einem rund 4 600 Kilometer langen Netz in Deutschland. Sie sollen das Gas auf den langen Strecken nach Druckabfall wieder auf erhöhten Druck bringen. Zwischen der Einspeisung von Nord Stream 1 in Greifswald und dem europäisch bedeutenden Erdgasspeicher in Rheden ist Achim die einzige Verdichterstation.

Ministerpräsident Stephan Weil war vor fünf Jahren auf der Anlage zu Besuch.
Ministerpräsident Stephan Weil war vor fünf Jahren auf der Anlage zu Besuch. © -

Der Verkauf des Gasspeichers in Rheden durch BASF und Wintershall an Gazprom, um im Gegenzug Schürfrechte in Sibirien zu bekommen und um damals, wie der frühere Wirtschafts- und Außenminister Sigmar Gabriel jetzt berichtete, die Verhandlungen zum Minsker Abkommen nicht zu gefährden, ist jetzt zwar schadlos geworden, nachdem die Bundesnetzagentur die Anlage beschlagnahmt hat. Das russische Gas aber, das 40 bis 50 Prozent der transportierten Energie ausmachte, fehlt jetzt fast völlig. Höhere Liefermengen westlicher Partner können das nicht annährend kompensieren.

Der Pressesprecher der Gasunie kann natürlich auch nicht voraussagen, was Putins nächste brutale Schachzüge sein werden. Auch er kann nur hoffen.

Philipp von Bergmann-Korn verweist auf den Versorgungsauftrag seines Unternehmens und schöpft Hoffnung aus der Lieferung von LNG-Gas und den geplanten schwimmenden Terminals in Brunsbüttel, Wilhelmshaven und Stade, bei denen Gasunie als Transporteur operativ eingebunden ist. Das flüssige und gekühlte LNG kann als flüchtiges Gas durchaus in den vorhandenen Leitungen transportiert werden. Der Haken nur: Vor Jahresende wird das nichts werden mit dem neuen, teuren Gas.

Symbolisch für das europäische Projekt: Auf dem Werksgelände wehen die europäische, niederländische und deutsche Flagge (mit Niedersachsen-Ross) neben der von Gasunie.
Symbolisch für das europäische Projekt: Auf dem Werksgelände wehen die europäische, niederländische und deutsche Flagge (mit Niedersachsen-Ross) neben der von Gasunie. © Brodt

Unabhängig von der jetzigen Energiekrise durch Russlands Angriffskrieg hatte sich die Gasunie, die sich bei der Exxon-Shell-Tochter BEB eingekauft hatte und schon längst ein niederländisches Staatsunternehmen ist, schon lange auf das Ende des fossilen Zeitalters eingestellt und in neue Energiegewinnung zum Beispiel von Wasserstoff investiert.

Das war schon vor fünf Jahren Thema, als Ministerpräsident Stephan Weil in Embsen mit den niederländischen und deutschen Chefs von Gasunie über Power-to-gas-Anlagen fachsimpelte, die mit Wind- und Sonnenstrom zusammen mit Wasser in der Elektrolyse Wasserstoff und Methangas gewinnen und nebenbei mit der Abwärme der Prozesse noch Industriebetriebe beheizen können. Das Achimer Kreisblatt titelte damals: „Revolutionäre Ideen für das Zeitalter nach dem Erdgas“.

Gasunie ist damit in den Niederlanden schon Vorreiter und auch in Deutschalnd auf dem Weg. Das Unternehmen versteht sich nicht mehr nur als Transportunternehmen, sondern als ganzheitliches Unternehmen der Energieinfrastruktur. „Gerade im Raum Bremen-Achim mit stahlverarbeitender und anderer energieintensiver Industrie ist das sehr interessant“, sagt der Gasunie-Pressesprecher.

Nur ist das hochinteressante Zukunftsmusik mit einer noch nicht völlig ausgereiften, vielversprechenden alternativen Energie, hilft aber leider über die momentane Notsituation noch nicht hinweg.

Die Gasflaute dürfte die Achimer noch ganz besonders treffen, denn Gasunie hält sich zu seinen Steuerzahlungen zwar sehr bedeckt, es gilt aber als relativ gesichert, dass das Unternehmen mit riesigem Umsatz und großen Gewinnen der größte Gewerbesteuerzahler der Stadt Achim war. Ein großes Loch in der Achimer Stadtkasse ist deshalb zu befürchten.

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