Karl-Heinz Hildebrandt berichtet auf Veranstaltung der Geschichtswerkstatt über Achim im Ersten Weltkrieg

Nach Hurra-Nationalismus Hungersnöte

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Karl-Heinz Hildebrandt über Achim im Krieg vor 100 Jahren.

Achim - Große Not, ja Hungernot - mit diesen wenigen Worten lässt sich die Situation Achims im Ersten Weltkrieg beschreiben. In einer Versammlung der Geschichtswerkstatt im Clüverhaus beleuchtete jetzt insbesondere Karl-Heinz Hildebrandt diese schweren Jahre.

Das Weltkriegsgeschehen spielte sich weit außerhalb an der Front ab, aber die norddeutsche Heimat war von wichtigen Lieferungen abgeschnitten insbesondere durch die Nordseeblockade der Briten. Dabei ging es den Menschen auf dem flachen Land mit Landwirtschaft noch besser als den Städtern, wie Helmut Köhler, zweiter Vorsitzender der Geschichtswerkstatt, bemerkte, aber der Mangel an Nahrung und Rohstoffen sollte bald auch den Achimer Raum erfassen, wie Hildebrandt eindrucksvoll aufzeigte.

Während jeder dritte Mann in Achim, der nicht zu jung, zu alt oder zu krank war, im Feld kämpfte, hatten die Frauen in der Heimat ihre Familien durchzubringen. Die deutschen Frauen arbeiteten „im Heimatheer“.

Sie standen insbesondere in den späteren Kriegsjahren in langen Schlangen mit traurigen Gesichtern stundenlang an für etwas Butter oder versuchten oft vergeblich, von einer neuen Koks- und Kohlelieferung etwas abzubekommen.

Die tägliche Brotration von 250 Gramm wurde später noch halbiert. 250 Gramm Fleisch für die Woche pro Person und ein Pfund Kartoffeln mussten reichen. Mit Steckrüben wurden die Kartoffeln „gestreckt“. Die öffentliche Unterstützung für die Restfamilien wurde gekürzt und reichte zum Leben kaum aus.

In der Chronik der Achimer Volksschule, neben dem Achimer Kreisblatt die wichtigste lokale historische Quelle, heißt es: „Viele Frauen, deren Männer einberufen worden sind, können mit den Unterstützungsgeldern nicht auskommen, denn die Familie ist groß, und die Preise der Lebensmittel steigen täglich.“

Die Not machte erfinderisch. Kartoffelmehl, Eicheln und Kastanien wurden fürs Brotbacken verwendet, Löwenzahn für Salate. Aus getrocknetem und geröstetem Getreide, Löwenzahn und anderen Pflanzen wurde Ersatzkaffee gewonnen, auch Muckefuck, genannt. In die Wurst mischte man Wasser, pflanzliche Rohstoffe und unverdauliche tierische Abfälle. Fleischbrühwürfel wurden aus gewürzigem Salzwasser, Eierersatz aus gefärbtem Mais- und Kartoffelmehl hergestellt. Die Kohlrübe ersetzte die Kartoffel, und auch die Butter wurde „gestreckt“..

Mit Seife war höchst sparsam umzugehen, da sie wichtiges Öl enthielt. Brennnesseln wurden für die Textilherstellung wichtig, und auch Frauenhaar war sehr gefragt. Aluminium, Kupfer, Messing, Nickel und Zinn wurden enteignet und waren abzuliefern.

Die Kinder der Volksschule waren voll eingespannt in die Sammlung wichtiger Güter wie Glas, verschiedener Metalle und Pflanzen. Sie verdienten sich dabei auch ein gutes Taschengeld, manchmal sogar mehr als das Jahresgehalt einer Beschäftigten in der „Kinderbewahranstalt“, wie Kindergärten damals hießen.

„Gold gab ich zur Wehr. Eisen nahm ich zur Ehr“, lautete ein Spruch, der animieren sollte, das Edelmetall dem Vaterland zu spenden. Die Kinder der Volksschule sammelten auch Geld für Kriegsanleihen, doch auch dieses Sammelergebnis ging in den Jahren sprunghaft zurück von 8463 auf 105 Reichsmark.

Das Vaterland lag am Boden, nicht nur militärisch, sondern auch bei der Ernährung und dem Durchhaltewillen der Zivilbevölkerung. Der Hurra-Nationalismus war depressiver Ernüchterung gewichen. 700 000 Hungerstote beklagte man in Deutschland neben 200 000 Grippeopfern. Die Chronik der Volksschule weist aus, dass deshalb 1918 drei von vier Schülern fehlten. Wer öffentlich Hungersnöte beklagte oder gar dagegen protestierte, wurde mit Waffengewalt unterdrückt oder auch schon einmal als Verrückter in die Psychiatrie eingesperrt, weil er die Wahrheit sagte, aber die öffentliche Moral im kriegerischen Kaiserreich untergrub.

Deutschland war so am Ende des Krieges auch wirtschaftlich am Ende wie auch einige seiner Gegner, bilanzierte Hildebrandt. Schon von den ersten Kriegstagen an hatte man in Achim 83 Flüchtlinge aufgenommen, verelendete Menschen aus Ostpreußen, die vor den Russen geflohen waren.

Mit gewaltigen Reparationen, Besetzungen und Entbehrungen sollte die deutsche Bevölkerung noch lange nach Kriegsende für die Weltenkatastrophe zahlen.

mb

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