1. Startseite
  2. Lokales
  3. Landkreis Verden
  4. Achim

Karin Emigholz aus Baden ist Long-Covid-Patientin

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Lisa Duncan

Kommentare

Karin Emigholz will ihre Zuversicht behalten, dass es ihr bald wieder besser geht: „Ich kämpfe für meine Familie, meine Enkelkinder.“
Karin Emigholz will ihre Zuversicht behalten, dass es ihr bald wieder besser geht: „Ich kämpfe für meine Familie, meine Enkelkinder.“ © Duncan

Baden – Als Karin Emigholz im November 2020 an Covid-19 erkrankt, gibt es noch keinen Impfstoff gegen das Coronavirus. Anfangs hat die Betreuerin im Altenheim starke Kopfschmerzen, bald stellen sich dazu auch Halsschmerzen, Schüttelfrost und Fieber ein. Ein routinemäßiger PCR-Test bei der Arbeit gibt ihr schon im frühen Krankheitsstadium Gewissheit, dass sie Corona hat.

Auch wenn die Diagnose zunächst ein Schock ist, ist Karin Emigholz erleichtert, dass sie das Virus nicht an Familienmitglieder übertragen hat. Die Erkrankung erlebt sie „heftiger als eine Grippe“. Rückblickend sagt die 62-jährige Badenerin aber: „Mein Verlauf war wohl eher schwach.“ Doch die Krankheit lässt sie seither nicht in Ruhe. Die offiziell Genesene kämpft unter anderem mit Kurzatmigkeit, Antriebslosigkeit und Gedächtnislücken. Inzwischen weiß Karin Emigholz, dass sie Long Covid hat und will andere warnen: „Mensch, lasst euch impfen! Ich hab’ dieses Covid gehabt. Wenn ich tauschen könnte, und es dafür nicht bekommen hätte, ich würd’s sofort tun.“

Nach Abklingen der Symptome und mehr als zwei Wochen Quarantäne fühlt sich Karin Emigholz immer noch „total schwach, ich konnte kaum geradeaus laufen“. Sie hält es zu Hause nicht mehr aus, und geht so bald wie möglich wieder arbeiten. „Ich konnte mich schlecht konzentrieren, war ständig k. o. Aber ich habe mich durchgebissen“, sagt sie.

Die Seniorenbetreuerin hat Vorerkrankungen: Skoliose (eine seitliche Verbiegung der Wirbelsäule) und Tremor. Sie geht daher normalerweise regelmäßig zur Ergo- und Physiotherapie. Auf beides muss sie während der Quarantäne verzichten, was ihren Zustand verschlimmert. Erst Mitte Januar hat sie wieder einen Osteopathietermin.

Als Emigholz im Februar 2021 wegen der geschilderten Symptome ihren Hausarzt zu Rate zieht, fragt dieser sie, ob sie depressiv ist. „Auch mein Mann hat gesagt: ‘Du hast dich verändert seit deiner Corona-Erkrankung.’“ Etwa zur gleichen Zeit schalten sie zufällig die NDR-TV-Sendung „Visite“ ein, wo vom Long-Covid-Syndrom mit Symptomen wie Atemnot, Herzrhythmusproblemen, Schlaf-, Wortfindungs- und Konzentrationsstörungen berichtet wird – „da habe ich mich überall drin wiedergefunden“, erinnert sie sich. Einer Empfehlung aus der Sendung folgend, kontaktiert Karin Emigholz die Berufsgenossenschaft, die wenig später anerkennt, dass sie berufsbedingt an Long Covid erkrankt ist. Trotz langer Wartelisten für einen Psychotherapieplatz bekommt sie dadurch im Mai 2021 endlich ihr Erstgespräch, um die Depression zu behandeln.

Bei der Arbeit dauert durch die Konzentrationsschwäche, die sich laut Emigholz „wie Nebel im Kopf“ anfühlt, alles länger, sie macht häufig Fehler, schafft ihre Aufgaben nicht mehr in der regulären Zeit, macht Überstunden. Sie hat immer wieder starke Kopfschmerzen und Schlafstörungen. „Ich war auch emotional fertig: Manchmal liefen ganz plötzlich die Tränen.“ Hinzu kommt die Angst, an Demenz zu erkranken, was laut Emigholz eine Folge von Long Covid sein kann. Um die Krankheit nicht länger zu verstecken, fasst sie den Mut, Kollegen und Chef bei einer Mitarbeiterversammlung zu informieren.

Durch die Gespräche mit der Psychotherapeutin, lange Spaziergänge und viele Maßnahmen der Selbstfürsorge bessert sich ihr Zustand langsam. Beim Fußballgucken – Karin Emigholz ist Werder-Fan – kann sie die Krankheit zwischenzeitlich vergessen. Auch einen Italienurlaub mit dem Ehemann im September erlebt sie, abgesehen von immer wieder auftretenden Lücken im Kurzzeitgedächtnis, als weitgehend sorgenfrei.

Zurück aus dem Urlaub und nach drei Arbeitswochenenden nacheinander geht aber plötzlich gar nichts mehr: Mitte November 2021 hat sie einen heftigen grippalen Infekt mit Symptomen, die ihr allzu bekannt vorkommen. „Ich hatte solche Angst, wieder Corona zu haben“, erinnert sie sich. Der PCR-Test ist negativ, aber es geht Karin Emigholz ziemlich schlecht. Einen Monat lang ist sie wegen des Infekts bettlägerig. Ein Sturz in der Dusche zieht weitere Kopf- und Nackenschmerzen nach sich.

Am 10. Dezember 2021 bekommt sie ihre Zweitimpfung gegen Corona (die Erstimpfung war im Mai). Sie will wieder anfangen mit Nordic Walking, zunächst mehr schlecht als recht. Das Schwächegefühl bleibt, zudem klagt sie über blitzartige Schmerzen in den Gelenken. Eine ärztliche Untersuchung ergibt aber keine Anzeichen für eine Rheuma-Erkrankung.

Der Hausarzt schreibt sie weiter krank – nun offiziell wegen Long Covid – und empfiehlt ihr eine Reha-Maßnahme. „Das wäre für mich ein Ziel, um wieder auf die Beine zu kommen“, sagt Karin Emigholz.

Gerne würde sie wieder arbeiten, am liebsten morgen: „Der Kontakt mit den Menschen fehlt mir.“ Aber aufgrund der Atemnot, dem Mangel an Ausdauer und Konzentration sei sie dazu nicht in der Lage. Manchmal geht sie im Kopf die Bewohner durch, die sie betreut – sie überlegt, wie sie heißen, was sie gerne machen. Eine Kollegin, mit der sie Kontakt hat, hält sie auf dem Laufenden. Das gibt Karin Emigholz Hoffnung und hält ihr schwindendes Gedächtnis aufrecht – ähnlich wie die Sudoku-Rätsel, die sie regelmäßig löst. Neben dem Planer, in dem sie täglich kurz und knapp die Ereignisse festhält, führt sie ein „Dafür-bin-ich-dankbar“-Buch: Nordic Walking in der Sonne, ein gutes Gespräch. Die Beziehungen zum Ehemann Lutz, zu ihren Kindern und Enkelkindern geben ihr Halt.

Karin Emigholz kann nicht verstehen, dass sich Menschen nicht impfen lassen oder gar bewusst mit dem Coronavirus anstecken. „Solche Menschen wissen nicht, was sie tun. Diese Krankheit ist wesentlich schlimmer als eine Grippe“, betont sie.

Die Badenerin will andere auf das Problem Long Covid aufmerksam machen, das in den nächsten Jahren noch hohe Gesundheitskosten nach sich ziehen werde. Auf lange Sicht müsse es Long-Covid-Beratungsstellen geben, um Betroffenen Möglichkeiten aufzuzeigen. Auch Selbsthilfegruppen könnten ein erster Ansatz sein. „Per Skype vielleicht“, schlägt sie vor. Denn aufgrund der durch Long Covid ausgelösten Kurzatmigkeit falle es ihr schwer, über längere Zeit eine FFP2-Maske aufzubehalten.

Fakten und Zahlen zu Long Covid:

Zehn Prozent der nicht hospitalisierten SARS-CoV-2-Infizierten entwickeln anhaltende oder neu auftretende Beschwerden, die länger als drei Monate anhalten, schreibt Long Covid Deutschland, eine bundesweite Initiative für die Belange von Betroffenen auf ihrer Internetseite (www.longcoviddeutschland.org). Demnach seien 45 Prozent der Betroffenen nach über sechs Monaten nicht in der Lage Vollzeit zu arbeiten, 22 Prozent sind arbeitsunfähig. Zu den häufigsten Symptomen gehören krankhafte Erschöpfung und Symptomverschlechterung nach körperlicher und mentaler Belastung, neuro-kognitive Störungen und Atemnot. Aktuell gibt es mehr als 70 sogenannte Post-Covid-Ambulanzen. Wartezeiten für stationäre Post-Covid-Rehabilitationen liegen zum Teil bei weit über sechs Monaten. Für die offiziell anerkannte, eigenständige, postvirale Erkrankung gibt es bisher keine wirksame Therapie.

Auch interessant

Kommentare