Hünenburg-Clubabend 

Klares Plädoyer der scheidende Superintendentin Schölper: Pastoren müssen am Ort präsent sein

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Auch Kritik an manchmal langweiligen und nicht mehr zeitgemäßen Predigten hörte sich Elke Schöper (linkes Bild) ruhig an. Rund acht Stunden arbeiteten Pastoren im Schnitt an ihren Ausführungen und müssten sich auf ganz unterschiedliche Erwartungen der Gemeindeglieder einstellen, machte sie deutlich. Rechts: Blick ins Publikum an diesem Hünenburg-Clubabend. 

Baden - Da werden auf der einen Seite in Achim Besucher des Heiligabendgottesdienstes vom Pastor angegangen, weil sie sich sonst das ganze Jahr über nie in der Kirche blicken ließen. Auf der anderen Seite verlangen aus der Kirche Ausgetretene manchmal wie selbstverständlich, dass die Mutter ein kirchliches Begräbnis erhält, weil sie doch so gläubig war.

Diese seltsame Anspruchshaltung kritisierte Superintendentin Elke Schölper auf dem Clubabend des Haus Hünenburg in Baden ebenso wie Angriffe aufs Heiligabendpublikum.

Das Hünenburg-Publikum bestand wie üblich vor allem aus Vertretern des Achimer Wirtschaftslebens und der Politik.

Ihr Bruder sei Banker und die Kirche zwar zuallererst auf Gottes Wort und Auftrag gegründet, aber zugleich „in Raum und Zeit organisiert“, betonte die Superintendentin in ihrem Vortrag „Die evangelische Kirche heute – Auftrag und Notwendigkeit, Chancen und Grenzen“. Arbeitgeber sei die Kirche auch, dazu Bauherr, und sie müsse sinnvoll mit dem Geld umgehen, das ihr ganz überwiegend aus der vom Staat eingezogenen Kirchensteuer zufließe. Alles sehr irdische Dinge.

Es blieben aber als wichtigste Säulen der Arbeit die Verkündigung des Glaubens auf Grundlage der Bibel, der Gottesdienst, die Sakramente Taufe und Abendmahl, der Dienst am Nächsten und das Engagement für die Gemeinschaft einschließlich politischem Mitwirken.

Während allerdings vor 50 oder 60 Jahren Menschen schief angesehen wurden, die keiner Kirchengemeinde angehörten, müsse sich heute etwa ein Feuerwehrmann in Lunsen vor Kameraden rechtfertigen, weil er noch Kirchenmitglied sei, machte Elke Schölper gesellschaftliche Veränderungen deutlich.

Zehn Prozent ihrer Mitglieder habe die evangelische Landeskirche Hannover zwischen 2000 und 2010 verloren, und rund 1000 Mitglieder verliere der Kirchenkreis Verden jährlich – obwohl sich in jüngster Zeit dieser Trend deutlich abschwäche. „Es fehlt mir hier an nichts, und ich glaube auch an nichts“ – diese Lebenseinstellung sei weit verbreitet, so die Superintendentin.

Nur in Notfallsituationen erinnerten sich viele an den Glauben und Hilfe-Angebote der Kirche. „Wir haben eine Liturgie für solche Momente, in denen andere nichts zu sagen haben“, betonte sie. Fußend auf dem Gebot der Nächstenliebe, gebe es vielfältige Angebote der Kirche: Telefonseelsorge, Suchtberatung, eigene Kindergärten und Altenheime, ein Palliativnetz, die Tafeln für Bedürftige, Hospize, Besuchsdienste, Flüchtlingshilfe.

Das dritte Sakrament sei längst der Kaffee und die Kaffeetafel, hob die Geistliche außerdem unter allgemeinem Schmunzeln hervor. Dazu gehörten heute gelegentlich Prosecco und Wein. Dann kämen auch andere, neue Leute zu Veranstaltungen, die Frauenkreisen mit Früchtetee eher fern blieben. Auch die Kombination Arbeit, Bier, Schnaps und Bratwurst habe sich gemeinschaftsfördernd bewährt, als es ums Pflastern eines Kirchengrundstücks ging.

„Solange unser Pastor bleibt, bleiben wir dabei“

Angesichts der durch die vielen Austritte erzwungenen Sparmaßnahmen mit strenger Budgetierung der Kirchenkreise und -gemeinden hält Elke Schölper es für wichtig, dass Pastoren trotzdem flächendeckend präsent sind – und wenn es nur eine halbe oder viertel Pfarrstelle sei. Denn oft höre sie von Gemeindegliedern Sätze wie: „Solange unser Pastor bleibt, bleiben wir dabei. Sonst sind wir auch weg“.

Superintendentin Schölper selbst ist demnächst weg aus dem Kirchenkreis Verden. Die 58-Jährige wechselt im Februar zur neuen Arbeitsstelle bei der Landeskirche in Hannover und bezieht ihr neues Haus in Hildesheim. Damit schließe sich für sie ein Kreis, berichtete Elke Schölper, die für ihren sachlich geprägten Vortrag viel Beifall erhielt.

Auch ihre erste Pfarrstelle trat die aus dem Solling stammende Theologin in Hildesheim an. Aus den sechs Verdener Jahren nehme sie jedoch viel mit an menschlichen Begegnungen dort und im übrigen Kreis. Sie habe eine Menge fürs Leben dazugelernt und werde das nicht vergessen, versicherte die Superintendentin. 

 la

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