Wahl der Bürgermeister-Kandidatin

Junge Parteilose zieht bei der CDU in Achim mehr als Altgedienter

Viel Beifall für Nadine Fischer, hier von Martin Puls.
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Viel Beifall für Nadine Fischer, hier von Martin Puls.

Achim – „Wir werden doch keine Parteilose aufstellen, wenn wir jemanden haben, der in der CDU ist.“ Denkste! Der Christdemokrat, der während der geheimen Abstimmung über den Kandidaten oder die Kandidatin der Achimer CDU für die Bürgermeisterwahl am 12. September auf der Herrentoilette seine Einschätzung zum Ausgang des Duells zwischen Dr. Nadine Fischer (33) und Jürgen Striedieck (50) abgegeben hatte, lag falsch, wie sich wenige Minuten später herausstellen sollte.

Martin Puls, Vorsitzender des CDU-Stadtverbands, rief auf der Mitgliederversammlung am Mittwochabend im Gasthof Zur Linde für manche überraschend die junge Frau zur Siegerin aus. Fischer triumphierte mit 24:19 Stimmen über Striedieck.

Mutig „als Erste“ der Bewerber hatte die Betriebswirtin, die in einem Steuerberatungsbüro arbeitet, sich auf Nachfrage von Puls dem coronabedingt auf Abstand sitzenden und maskierten Publikum auch gleich vorstellen wollen. Anfangs noch etwas nervös, skizzierte Fischer in der vorgegebenen Sprechzeit von höchstens zehn Minuten ihre Person und ihr Programm für den Chefposten im Rathaus. „Ich möchte die Lebensqualität der Bürgerinnen und Bürger in Achim fördern“, lautete ihr Grundsatz. Es gelte, die Wirtschaft mit dem Umweltschutz zu verzahnen, äußerte die Sprecherin der Uphusener Bürgerinitiative gegen das Projekt „Achim-West“. Die Innenstadt wolle sie mit mehr Wohnraum und einer Markthalle beleben. Um Verkehrsknotenpunkte zu entlasten, hält Fischer einen weiteren Weserübergang und den Radwegeausbau für notwendig. Auch den Erhalt des Achimer Krankenhauses und aller Ortsfeuerwehren hat sie sich auf ihre Fahnen geschrieben.

„Bin ich für den Posten zu jung?“ Die frischgebackene 33-Jährige erinnerte an Ehrenbürgermeister Christoph Rippich (SPD), der bei seinem Amtsantritt 1968 gerade mal 30 gewesen sei. „Und ich bin ehrgeizig und zielstrebig“, charakterisierte sich Fischer selbst. Aber ihr mangele es doch an Erfahrung, sprach sie einen weiteren möglichen Einwand gegen eine Bürgermeisterin Fischer an. „Im Gegensatz zu anderen im Rathaus habe ich Projekte erfolgreich abgeschlossen“, lautete ihre spitzzüngige Antwort. Zudem bringe sie Führungskompetenz mit. Sei ihre Parteilosigkeit ein Nachteil? Nein, sagte Fischer, die liege im Trend und verwies auf die Rippich-Nachfolger Kellner und Ditzfeld im Rathaus, denen es ohne Parteibuch gelungen sei, auf dem Chefsessel Platz zu nehmen. „Als junge, dynamische Frau habe ich Ausdauer und Kraft“, stellte Nadine Fischer zum Abschluss ihrer Rede fest.

Aber worin unterscheide sie sich denn inhaltlich von Amtsinhaber Rainer Ditzfeld?, hakte ein Zuhörer nach. „Der jetzige Bürgermeister kennt zwar viele Bürger, aber er hat Schwächen bei der Zusammenarbeit mit ihnen“, antwortete Fischer. „Er ist nicht zu kritischen Gesprächen bereit.“

Jürgen Striedieck, der als nächster an die Reihe kam, wendete viel Zeit dafür auf, seinen politischen und beruflichen Werdegang darzulegen. Schon zu Schulzeiten habe er sich in der Jungen Union engagiert und später dann in der CDU, lange auch in führender Position, betonte der stellvertretende Vorsitzende der CDU Achim, der auch dem Stadtrat angehört. „Politik sollte nicht Beruf, sondern Berufung sein“, lautete sein Credo, um wenig später zu verkünden: „Ich habe richtig Bock darauf, Bürgermeister zu werden.“ Die nötigen „Schlüsselqualifikationen“ bringe er dafür mit, versicherte Striedieck. Als früherer Inhaber und Geschäftsführer von Unternehmen in der Logistikbranche sowie aktuell als Niederlassungsleiter einer Firma weise er eine Menge Führungserfahrung auf. Er sei team- und empathiefähig, „und ich kann mich auf neue Situationen einstellen“.

Puls schaute nervös auf die Uhr und machte seinen langjährigen politischen Weggefährten darauf aufmerksam, dass seine Zeit gleich abgelaufen sei. Striedieck sprach noch schnell einen inhaltlichen Aspekt an. „Wenn wir junge Menschen erreichen wollen, müssen wir das Thema Klimaschutz bespielen. Aber nicht mit Verboten wie die Grünen und auch nicht mit staatlichen Vorgaben wie die Roten“, fügte er hinzu, ohne konkreter zu werden. Abschließend hielt Jürgen Striedieck eine Botschaft an die Parteifreunde im Saal parat: „Ich möchte meine Energie, die ich bisher in den Beruf gesteckt habe, in das Bürgermeisteramt einbringen.“

Verlor: Jürgen Striedieck.

Der dritte Bewerber, der bei der CDU seinen Hut in den Ring geworfen hatte, legte in seiner Rede gleich fulminant los. „Je mehr ich mich mit der Achimer Politik und dem Bürgermeister befasse, desto ärgerlicher und wütender werde ich“, bekannte Alexey Rogovoy. Der Amtsinhaber müsse raus aus dem Rathaus. Doch dann erklärte der 28-jährige Geschäftsführer einer Spedition plötzlich, „dass ich noch nicht bereit bin, die von mir mit aufgebaute Firma zu verlassen“. Er ziehe seine Kandidatur zurück, sagte Rogovoy und fügte hinzu, dass sein Unternehmen ein Grundstück am Bakenberg in Uphusen für einen Kita-Bau zur Verfügung stellen wolle.

Verzicht: Alexey Rogovoy.

Auch Martin Puls hatte eingangs der Versammlung, bei der CDU-Kreisgeschäftsführer Jens Richter zu Gast war, gegen das Stadtoberhaupt vom Leder gezogen. „Ich traue jedem Kandidaten hier zu, einen besseren Job abzuliefern als der amtierende Bürgermeister“, sagte der Vorsitzende und merkte an, dass das nichts mit Nachtreten gegen das frühere CDU-Mitglied Ditzfeld zu tun habe. Dieser müsse sich als Bürgermeister etliche Fehler ankreiden lassen. „Achim-West“, führte Puls ein Beispiel an, „hätte ohne Bremen auf kleinerer Fläche verwirklicht werden können, wenn der Landkreis viel eher ins Boot geholt worden wäre.“

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