Jugendtreff bietet offene Gruppe speziell für männliche Heranwachsende an

Damit Jungs nicht durchs Raster fallen

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Teilnehmer des offenen Treffs, den der Verein Sofa im Rahmen der Jungenarbeit anbietet, bei einer gemeinsamen Bowling-Aktion.

Achim - Ob Kindergarten, Grundschule oder weiterführende Bildungseinrichtung – noch immer übernehmen überwiegend Frauen die pädagogische Arbeit. Studien zeigen, dass dieses System Jungen nicht richtig fördert. Als Lösungsansatz entstanden Einrichtungen wie das „Bremer Jungenbüro“. Ein Achimer Pendant bildet seit etwa einem Jahr der „Jungentag“ an der Langenstraße 1. Was hat die Jungenarbeit bisher bewirkt und wie geht es weiter? Jugendtreff-Leiter Achim Franz und Jan-Henning Göttsche, der zum vierköpfigen Betreuerteam gehört, ziehen Bilanz.

Dabei ist die Erwähnung des Bremer Jungenbüros nicht zufällig: Das Team des Vereins „Sozialpädagogische Familien- und Lebenshilfe“ (Sofa) holte sich Rat und Unterstützung aus der Nachbarstadt, bevor das Achimer Angebot startete. Das Jungenarbeiter-Team besteht aus den Kunstpädagogen Joahannes Graf und Sven Dankleff sowie Sozialarbeiter Julian Tewes und Diplom-Sozialökonom Jan-Henning Göttsche, die nach einer einjährigen Fortbildung sogar „Zertifizierte Jungenarbeiter“ sind.

Derzeit besteht die Achimer Jungenarbeit am Donnerstag um 16.30 Uhr in einem offenen Treff. Der soziale Austausch wird mit Aktivitäten wie Fußball, Skaten, Slackline, Hackysack oder Kickern unterstützt. Ebenso haben die Heranwachsenden Gelegenheit, sich mit Graffiti (auch auf dem Papier) künstlerisch auszudrücken. Neben einer Playstation oder Kartenspielen steht im Keller zum Austoben auch ein Boxsack zur Verfügung. Zum Miteinander gehöre eben ein etwas rauerer Umgangston – inklusive gelegentlichen Ringkämpfen „nach klaren Regeln“, wie Jan-Henning Göttsche betont. Dazu kommen Sonderaktionen wie Bowlen im Weserpark oder die Teilnahme an einem Kickerturnier in Scheeßel.

„Unser Ziel ist es, diesen offenen Treff zu einer festen Jungengruppe zu etablieren“, sagt Achim Franz. Dies ließe sich aber nicht forcieren, fügt Göttsche hinzu. „Wenn man ihnen etwas aufdrücken will, können Jungs störrisch sein wie Esel. Machen sie aber etwas, weil sie es wollen, können sie so motiviert sein wie das beste Rennpferd.“ Beispielsweise hätten sie sich mit Unterstützung der Jungenarbeiter im Mai ein eigenes Fußballturnier organisiert.

Warum aber braucht es Jungenarbeit? Göttsche: „Es ist eine gesellschaftliche Erkenntnis, dass Jungs mit überwiegend weiblichen Bezugspersonen in den Bildungseinrichtungen oft durchs Raster fallen.“ Darüber reagierten sie eher wütend als traurig, was sich in auffälligem Verhalten bis hin zu Drogenmissbrauch und Vandalismus äußern könne. Wenn Jungen unter sich sind und jemand ernsthaft auf sie eingehe, nehme das den Druck etwas weg: „Sie merken, dass sie nicht mehr die knallharten Typen spielen müssen“, so Franz.

Nach dem Prinzip „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr“ sei es sinnvoll, mit der Jungenarbeit so früh wie möglich anzusetzen. Bedarf bestehe genug. Göttsche: „Wir bekommen immer mehr Anfragen – auch von Grundschulen.“ Dass sich unter den Besuchern des „Jungentages“ viele Jungs mit Migrationsgeschichte befinden, sei natürlich auch immer wieder Thema. „Man muss sie annehmen, wie sie sind und ihnen ehrlich gegenübertreten“, so Göttsche. Auch Kindern aus Flüchtlingsfamilien wende sich die Achimer Jungenarbeit zu und heiße diese willkommen.

Der Erfolg der Arbeit sei auch durch die Mittel begrenzt, so Franz. Die dezentrale Jungenarbeit (im Jugendtreff und der „Jugendvilla“ am Lahof Baden) wird projektgebunden von der Stadt Achim finanziert. In Zusammenarbeit mit dem Landkreis Verden entstand im ersten Schulhalbjahr 2015 ein Pilotprojekt für Jungenarbeit an der Realschule, das weitergeführt werden soll. Für beides erstattet Sofa vierteljährlich Bericht.

Derzeit spricht der „Jungentag“ Jugendliche ab zwölf Jahre an. Doch die Jungenarbeiter würden den offenen Treff gern noch auf Jüngere ausdehnen. Es sei aber an der Langenstraße schwer überschaubar, wenn „Platzhirsche“ die Kleineren vom Hof schicken. In der „Villa“ sei dies wegen des begrenzten Raums einfacher zu steuern. Dort habe sich schon eine feste Gruppe zwischen acht und 18 Jahren etabliert.

Letztlich hält Jan-Henning Göttsche die Geschlechtertrennung aber nicht für den Königsweg: „Jungenarbeit ist gut, aber in Maßen.“ So sei es auch wichtig, den geschützten Rahmen gelegentlich aufzulockern – und etwa bei speziellen Events wie sportlichen Aktionen oder Partys auch Mädchen mit einzubeziehen.

Wer mehr über die Jungenarbeit erfahren möchte, kann sich unter Tel. 04202/639844 melden.

ldu

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