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Jörg Pape radelt von Achim zum Nordkap

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Von: Lisa Duncan

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Endlich am Ziel! Der stilisierte Globus markiert den nördlichsten Punkt von Norwegen.
Endlich am Ziel! Der stilisierte Globus markiert den nördlichsten Punkt von Norwegen. © privat

Achim – Während andere im Urlaub Sonne, Strand und Nichtstun genießen, hat der Achimer Jörg Pape sich einen lang gehegten Traum erfüllt: Er hat sich aufs Fahrrad geschwungen und ist 35 Tage lang täglich etwa 100 Kilometer gen Norden gefahren. Nach 3333 Kilometern und 47 Etappen war er durch seine eigene Muskelkraft tatsächlich am Ziel angelangt: am Nordkap auf der norwegischen Insel Magerøya, rund 2100 Kilometer südlich des Nordpols.

Dazu sollte man erwähnen: Ein bisschen fahrradverrückt ist der 62-Jährige aus Achim schon länger. Vor etwa acht Jahren hatte er das erste Mal an einem 300-Kilometer-Radmarathon um die Müritz an der Mecklenburger Seenplatte teilgenommen – und dann jedes Jahr in Folge erneut. Eine Zwangspause musste er vor drei Jahren aufgrund eines Fahrradunfalls einlegen. Das entmutigte ihn jedoch keinesfalls. „Das kann doch nicht wahr sein, dass mir dadurch mein Lieblingshobby kaputtgemacht wird“, habe er sich im Krankenbett gedacht. So bereitete sich Jörg Pape gedanklich auf das Abenteuer seines Lebens vor: mit dem Fahrrad zum Nordkap zu fahren.

2021 sollte es eigentlich losgehen, doch die Corona-Lage erlaubte es nicht, denn die Grenzen zu Schweden und Norwegen waren geschlossen. Im Januar 2022 reichte Pape erneut Urlaub bei seinem Arbeitgeber ein. Und am 22. Mai machte er sich vor seiner Haustür in Bierden auf den Weg.

Mit der Radfahr- und Wander-App „komoot“ hatte er zuvor seine Route geplant. Unterwegs nutzte er sie auch zum Navigieren und führte darin regelmäßig Tagebuch. „Gen Norden“ betitelte er die Tour. Wichtig sei ihm dabei gewesen, „so wenig wie möglich öffentliche Verkehrsmittel zu nutzen“. Dieser Vorsatz galt auch für Schiffsfahrten, und so wählte er die kürzesten Fährverbindungen. „Es ist ja eine Radreise und der Schwerpunkt sollte auf der Fortbewegung mit dem Rad liegen“, sagt er. Kein E-Bike wohlgemerkt.

Außerdem wollte der Abenteurer größtenteils im Zelt übernachten und seine Mahlzeiten selbst zubereiten – so schleppte er auf seinem Tourenrad inklusive Werkzeug, Zelt und Kochgeschirr notgedrungen 15 bis 20 Kilogramm Gepäck mit. Um die Strecke in der durch den Urlaub begrenzten Zeit zu schaffen, war er fünf bis sechs Stunden täglich on the road. Dennoch ging es nicht nur spartanisch zu: Wenn er sich gerade nicht mitten in der Wildnis befand, gönnte sich Pape eine Pause mit Gebäck und Kuchen. „Mein Highlight am Tag“, sagt der Achimer.

Meist beschränkte er sich aufs Wildcampen, was in großen Teilen Skandinaviens erlaubt ist, oder schlug sein Zelt auf einem Campingplatz auf. Nur wenn er das Bedürfnis nach einer Dusche hatte, schlief er in einer von den Holzhütten, die auf skandinavischen Campingplätzen verbreitet sind. „Das war seltsam am Anfang, als 62-Jähriger sein Essen neben 25-jährigen Studenten zu kochen“, erzählt er. Doch bald hatte er sich daran gewöhnt und genoss die gelegentlichen Gespräche mit anderen Reisenden. In Südschweden traf er etwa einen 74-Jährigen Mann aus Groningen, der ebenfalls auf dem Fahrrad parallel mit ihm durch Schweden reiste. „Er hatte ein anderes Tempo als ich. Aber wir haben uns immer abends auf Campingplätzen wiedergetroffen“, so Pape. Oder die Schweizerin, die mit ihrem Rucksack 1500 Kilometer von Südschweden zum Nordkap wanderte.

Ansonsten verbrachte er seine Reisetage oft allein. Aber gerade diese Ruhe gefiel Jörg Pape. „Und wenn man mit dem Fahrrad reist, hört man alles: den Wind, die Vögel, einen Wasserfall.“ Das Alleinsein bescherte ihm zuweilen auch außergewöhnliche Erlebnisse. Etwa die Mittsommernacht, die er, einem Tipp aus einem Online-Reisebericht folgend, am „Trollholmsmund“ (auf Deutsch in etwa „Trollbucht“) verbrachte. Um dorthin zu gelangen, habe er sein Fahrrad auf den letzten Metern geschoben. Am 24. Juni bleibt die Sonne nördlich des Polarkreises immer am Horizont. Pape genoss das atemberaubende Panorama mit Mitternachtssonne und blieb die halbe Nacht wach. „Da war kein Mensch“, schwärmt er.

Aber „wat den een sin Uul, is den annern sin Nachtigall“ – so merkte ein Freund an, als er ihm von der Reise erzählte: „Ich will nicht wissen, wie oft du auf deiner Fahrt geflucht hast.“ „Geflucht habe ich eigentlich nie. Ich habe das eher als Herausforderung gesehen, wenn es regnete, kalt war oder der Berg nicht enden wollte“, berichtet Pape.

Auf wenigstens zwei Reiseetappen verlief es nicht so glatt oder erfreulich. Auf einem Schotterweg im Wald von Südschweden hatte er plötzlich einen Nagel im Reifen. Glücklicherweise konnte er die Panne schnell beheben und der Rest war heil geblieben. Furchtbar fand Jörg Pape auch die Fahrt durch den düsteren Nordkaptunnel: „Da geht es erstmal sieben Kilometer bergab und die letzten drei Kilometer steil bergauf“, erzählt er. Wenn ein Lkw ihn überholte, schüttelte es ihn – nicht nur vor Angst. Reflektorweste und drei Lichtpunkten an Rad und Helm sollten ihn schützen. Das sei aber nichts gewesen gegen einen Tag mit Dauerregen von 12 bis 17 Uhr. Nach einer Nacht in der Holzhütte wollte sich wettertechnisch immer noch keine Besserung einstellen („Es waren 4 Grad und weiter Regen“), und um 11 Uhr musste Pape die Unterkunft verlassen. Durchnässt und entmutigt kam er nachmittags in einem Kulturzentrum der Samen, der schwedischen Ureinwohner, an. Pape nahm sich Zeit für eine sehr lange Kaffeepause, „und dann kam die Sonne ‘raus“.

Ein ganz besonderer Moment sei natürlich die Ankunft am Nordkap gewesen – und habe gezeigt, wie klein die Welt ist. Denn dort kam er mit drei deutschen Touristen ins Gespräch – und genehmigte sich mit den zwei Männern aus Sulingen und Diepholz sowie „Helga aus dem Hunsrück“ ein Gläschen Sekt. Die Krönung war der Moment, als er einen Tag später, an einem Sonntag im Juli, seine Frau Gabriela, die ihn mit dem Auto abholte, wieder in die Arme schloss.

Jörg Pape ist auf den Geschmack gekommen und würde es nach Worten seiner Frau „sofort wieder tun“. Und er selbst findet bei allen Strapazen: „Die Belohnung überwiegt, steht oben.“ Allen, die Ähnliches vorhaben, rät er: „Man muss einen festen Willen und ein Faible fürs Fahrrad haben.“ Wer sonst Vollpension gewöhnt ist, sollte sich zudem darüber klar sein, dass es „morgens nicht immer den frisch aufgebrühten Kaffee gibt“. Das führt Pape zu einem nicht zu unterschätzenden Reiseutensil: Teebeutel.

Von Lisa Duncan

An dieser absolut menschenleeren Bucht, genannt „Trollholmsmund“, schlug Jörg Pape sein Zelt zur Mittsommernacht auf.
An dieser absolut menschenleeren Bucht, genannt „Trollholmsmund“, schlug Jörg Pape sein Zelt zur Mittsommernacht auf. © privat
Es ging nicht nur spartanisch zu. Highlight an vielen Tagen war für Jörg Pape die Kaffee- und Kuchenpause.
Es ging nicht nur spartanisch zu. Highlight an vielen Tagen war für Jörg Pape die Kaffee- und Kuchenpause. © privat

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