Jochen Malmsheimer im Kulturhaus / Noch schneller als Hans-Dieter Hüsch

Brillantes Spiel mit Sprache erfordert genaues Hinhören

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Jochen Malmsheimer, ein guter alter Bekannter im Achimer Kulturhaus, hier bei seinem bereits sechsten Auftritt in Achim.

Achim - Von Bernd Hägermann. Wenn Jochen Malmsheimer auf die Bühne und dort ans Mikrofon tritt, müssen sich nicht nur jene warm anziehen, die ohnehin mit kaltem Herzen durchs Leben schreiten, sondern auch alle, hinter deren sanftmütiger Fassade brutale Züge schimmern. Und erst recht auf der Hut sein müssen Phrasendrescher. Bei Malmsheimer lohnt das genaue Hinhören. Er ist ein Sucher des Unsinnhaften, der zwar auch auf schnelle Lacher zielt, aber nicht nur. Vielmehr vertraut er auf die Sprengkraft und Langzeitwirkung sprachlicher Brillanz.

So wie am Mittwochabend in der Veranstaltungsreihe „Statt ins Bett ins Kabarett“ im Kulturhaus „Alter Schützenhof“ (Kasch), wo Malmsheimer im großen Saal vor voll besetzten Rängen auf frühherbstliche Weise in allzu behagliche Ecken Frischluft blies und Platitüden aufwirbelte.

Verpackt war das Ganze in einem Programm mit ungewöhnlichem Titel: „Ermpftschnuggn trødå - hinterm Staunen kauert die Frappanz“. Malmsheimer-Fans wundert dieser Titel nicht. Hießen doch vorige Programme „Ich bin kein Tag für eine Nacht“, „Flieg Fisch, lies und gesunde“, aber auch: „Wenn Worte reden könnten oder: Vierzehn Tage im Leben einer Stunde“.

Malmsheimers surreale Wortfindungen haben einen engen Bezug zur Realität. Das ist leicht verstörend und witzig zugleich. Seit 2002 war Malmsheimer bereits sechsmal im Kasch. Die Freude war diesmal umso größer, weil sich das Kulturhaus noch in seinem Jubiläumsjahr befindet.

Eines der Vorbilder Malmsheimers ist Hanns-Dieter Hüsch. Noch so ein kabarettistischer Wortakrobat und Buchstabenverdreher, der dabei noch musizierte. Das tut Malmsheimer nicht. Die Finger hätten vermutlich auch Schwierigkeiten, dem rasanten Mundwerk des Ruhrpottlers zu folgen. Malmsheimer spricht doppelt so schnell wie Hüsch, der schon nicht langsam war. Seine Mission Sprache duldet kein behäbiges Tempo.

Immerhin gibt es mitzuteilen, dass die Deutschen aussterben, „aber nicht sofort“. Schuld daran ist auch Malmsheimer selbst. Er hat mit seiner Frau Söhne in die Welt gesetzt und wundert sich nun über Verben ohne Vokale und den Würgegriff der Körperlichkeit. Gemeint ist die Pubertät des Nachwuchses, die Eltern zu ganz neuen Erlebnissen verhilft: „Ihr arbeitet an einem Referat? Warum nackt?“

Nächstes Problem - die englische Sprache. Wichtig für die Zukunft der Kinder. Aber wo sie erlernen? In England? Unmöglich. Zuviel „fuck you“. Das amerikanische Englisch kommt auch nicht in Frage, weil Malmsheimer den Amis das „Niveau einer Urnenqualle“ attestiert. Dann doch lieber zu unseren Antipoden nach Neuseeland. Doch auch von dort erreichen Vater Malmsheimer beunruhigende Nachrichten: „Da unten ist alles anders. Getaucht wird mit Delfinen und Orcas. Und die jungen Leute genießen während der Schulzeit ihr Leben.“

Im deutschen Wertekodex ist für sowas kein Platz. Schon gar nicht neben einem Kleinstprofessor wie Lucke, der ganz Großes plant, nachdem er die AFD verlassen hat. Über die Alternative für Deutschland hat Jochen Malmsheimer keine gute Meinung: „Sie ist wie eine lästige Hautkrankheit.“

Der Kabarettist lästert im Zuge seiner Missverständnisrecherche über Frauen als Irrwege und Männer als Sackgassen, erfindet einen Psalm auf die Hose - die rutschende Hose übrigens ist der Untergang, zumindest der aktueller Mode und ihrer Träger -, der mit Amen endet, streift kurz das hirnverrückte Deutsch der Werbeschaffenden, weiß, dass Männer auch ohne Implantate dick werden und das Publikum in der ersten Reihe fast allen Bühnenkünstlern als Heimsuchung gilt. Die Mischung aus Anbetung und demonstrativer Langeweile ist für die meisten Kreativen schwer erträglich. Und das Kabarett-Publikum? „Will immer etwas mit nach Hause nehmen“, sagt Malmsheimer, der beim Tiefsinn-Tauchen gute Laune produziert.

Ein Hanns-Dieter Hüsch jedenfalls hätte sich nicht in seinem Grab umgedreht, sondern einfach nur die Ohren gespitzt.

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