Die Jahreswende 1915/1916 im Kreisblatt

Von Butterwucher und Nagelungen

Achim - Von Karlheinz Gerhold. Vor 100 Jahren: Der Jahreswechsel 1915/1916 stand klar im Zeichen des Ersten Weltkrieges. Von Butterwucher und Fichtenrinde ist zu lesen. Der Achimer Stadtarchivar Karlheinz Gerhold hat Berichte in der Lokalzeitung von damals studiert und das Interessanteste für das Achimer Kreisblatt von heute zusammengestellt:

Mit der Kriegserklärung an Rußland war das Deutsche Kaiserreich am 1. August 1914 ins Kriegsgeschehen eingetreten. Die anfängliche Euphorie war längst verflogen. Die harte Realität sah anders aus: Der Krieg hatte sich eingegraben. Sinnloser verlustreicher Stellungskampf um minimale Geländegewinne war längst an die Stelle von Offensive und Gegenoffensive getreten. Die Opfer stiegen auf allen Seiten ins Unermessliche: Der Krieg hatte sich zur Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts entwickelt, wie ihn später Historiker nennen sollten.

Aber auch in der „Heimat“ waren die Folgen allgegenwärtig und überlagerten alles, was in Friedenszeiten wichtig erschien. Das Achimer Kreisblatt vom 31. 12. 1915 vermeldet: „Betrifft Anmeldung zur Stammrolle. Sämtliche im Kreise ansässigen 1896, 1895, 1894 und früher geborenen Militärpflichtigen haben sich, sofern sie eine gültige Entscheidung über ihre Tauglichkeit zum Militärdienst noch nicht erhalten haben, ungesäumt, spätestens aber bis zum 30. dieses Monats im hiesigen Landratsamt - Zimmer 5 - zur Stammrolle anzumelden.“ Dann folgt: „Auszeichnung. Dem Konditor, jetzigen Unteroffizier Paulus von hier, wurde am Weihnachts-Heiligabend das Hamburger Hanseatenkreuz verliehen. Wir gratulieren.“

Auf Butterwucher stand Gefängnisstrafe: „Empfindliche Strafen wurden in Straßburg im Elsaß gegen mehrere Händlerinnen verhängt, die auf dortigen Wochenmärkten für Butter höhere Preise als die von der Marktkommission festgesetzten verlangt hatten. So erhielt eine Händlerin aus Hüttendorf, die 2,30 Mark für Butter statt der festgesetzten 2 Mark verlangt hatte, eine Gefängnisstrafe von einem Monat.“ Das sollte sicherlich den Achimer Marktbeschickern eine Lehre und Warnung sein.

Die Mangelwirtschaft, da die Kriegsproduktion allem vorging, nahm zu. Kriegerwitwen und Waisen galt es zu versorgen. Zu diesem Zweck wurden in etlichen Städten und Orten Nagelungen eingeführt: Spender für die Kriegswitwen und Waisen konnten Nägel erwerben und in Holzrahmen einschlagen. In Bremen gab es den Eisernen Roland, in Verden das Eiserne Buch, in Achim das Eiserne Kreuz.

Zur letzten Nagelung wurde im Kreisblatt zum Jahreswechsel aufgerufen: Am Neujahrstage sollte sie stattfinden. Das Nageln in Achim brachte 3245 Mark. Das Eiserne Kreuz hängt heute im Treppenhaus des Hauses Clüver.

Natürlich durfte zum Jahreswechsel 1915/1916 ein patriotisches Gedicht des als kaisertreu und militaristisch bekannten Uphuser Lehrers Friedrich Seebode nicht fehlen:

„Gott, nimm in deine Hand Treu unser Vaterland,

Sei unsres Reiches Wehr,

Hilf unserm tapf'ren Heer!

Schütz' uns're Brüder drauß'

Im blutigen Völkerstrauß,

Gib ihnen Kraft und Mut,

Schirme ihr treues Blut!

Brich uns'rer Feinde Macht,

Daß nicht die Lüge lacht,

Laß die Wahrhaftigkeit

Siegen in diesem Streit!

Schütz' uns im neuen Jahr, Vor aller Not und Fahr,

Gib, dir zu Preis und Ehr,

Frieden vom Himmel her!“

Passend dazu wurde die „letzte amtliche Verlustliste“ veröffentlicht. Todesannoncen für Gefallene nehmen deutlich zu. Der Krieg ist allgegenwärtig.

Rubriklistenbild: © dpa

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