Bauern sehen durch das geplante Gewerbegebiet „Achim-West“ ihre Existenz gefährdet

„Ist Landwirtschaft für Stadt noch wichtig?“

Seinen Acker im Uphuser Bruch will Andree Behnken nicht hergeben. Das Land zählt für ihn zur Existenzgrundlage.
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Seinen Acker im Uphuser Bruch will Andree Behnken nicht hergeben. Das Land zählt für ihn zur Existenzgrundlage.

Achim – „Achim-West“ – wenn Andree Behnken, Jürgen Ditzfeld und andere heimische Landwirte diesen Begriff lesen oder hören, schrillen bei ihnen die Alarmglocken. Mit Riesensorge blicken sie auf das geplante 90 Hektar große Gewerbegebiet südlich des Bremer Kreuzes, machen sie im Gespräch mit dem Achimer Kreisblatt deutlich. Denn Bauern droht im Uphusener, Bierdener und Achimer Bruch der Verlust von wertvollen Acker-, Weide- und Wiesenflächen, sie sehen dadurch sogar ihre Existenz gefährdet.

Klar, für die Stadt Achim sei das ein wichtiges Infrastrukturprojekt, sagt Alexander Kasten, Justiziar des Landvolk-Kreisverbands Rotenburg-Verden, den Behnken und Ditzfeld um Hilfe gebeten und zum Gespräch mit der Zeitung hinzugezogen haben. „Aber man sollte auch mal die andere Seite sehen: Es geht um das Schicksal eines Berufsstandes. Wo kann ich in Achim noch Landwirt sein?“, erläutert Kasten beim Ortstermin im Gasthaus Gerken, bei dem er auch von seiner für die Öffentlichkeitsarbeit des Verbands zuständigen Kollegin Wanja Sievers begleitet wird.

Immerhin elf größere Betriebe, die jeweils über mehr als 20 Hektar Ackerfläche verfügten, aber auch Kleinbauern seien von dem Vorhaben betroffen, informiert Ditzfeld, dessen Vater Johann jahrzehntelang für die CDU im Stadtrat saß. Manche hätten mehr als die Hälfte ihres Lands im nun von der Kommune begehrten Gebiet.

„Ich bewirtschafte im Uphuser Bruch gut zehn Hektar, dazu kommen noch 16 Hektar im Achimer Bruch, wo die Stadt Ausgleichsflächen für die am Bremer Kreuz verloren gehende Natur schaffen will“, berichtet Behnken. Ditzfeld beackert nach eigenen Angaben ebenfalls 16 Hektar im Achimer Bruch, die zum Teil gepachtet seien. „Wir wollen nichts abgeben“, betonen beide.

Ein Verkauf der Flächen an die Stadt würde einen „erheblichen Einkommensverlust“ für sie bedeuten. „Was hilft uns Geld, wenn wir keine Ackerfläche mehr haben?!“ Denn in erreichbarer Nähe sei nichts zu finden, merkt Andree Behnken an. „Mit Trecker und Mähdrescher können wir ja nicht bis in den Kreis Rotenburg fahren.“

Jürgen Ditzfeld zeigt noch ein anderes mögliches Problem auf. Im Achimer Bruch baue er Futterpflanzen für seine Nutztiere an. Sollten diese Flächen von der Stadt angekauft und vernässt werden, sähe er sich gezwungen, das Viehfutter an anderer Stelle anzupflanzen. Was nach Meinung von Ditzfeld zur Folge haben könnte, dass das „bisher unbelastete“ Trinkwassergebiet am Wittkoppenberg eine erhöhte, ungute Konzentration von Nitraten aufweist.

Darüber hinaus liefe die vorgesehene großflächige Versiegelung des Grünlands im Uphuser Bruch natürlich dem Arten- und Klimaschutz zuwider, wirft Alexander Kasten ein. Was durchaus Anliegen des Landvolks seien.

Aber sind die umkämpften Flächen südwestlich der Autobahn 27 überhaupt auch ökologisch von Wert? „Das können wir nicht beurteilen“, sagen die Landwirte. „Da wächst Raps, Mais und anderes Getreide, es gibt dort Wiesen und Weiden“, zeigt Andree Behnken die Nutzung auf. „Es ist weithin Moorboden“, fügt er hinzu.

Das Moor sei dort vielfach ein bis zwei Meter tief, weiß Jürgen Ditzfeld. Für die Erschließung des Gewerbegebiets müssten die Stadt und Investoren also gewaltige Erdmassen bewegen.

Ein Großteil des „Sumpfs“, und das ist für Behnken, Ditzfeld und Mitstreiter der große Haken an der Sache, befindet sich allerdings gar nicht im Besitz von Landwirten. „Viele der mehr als 100 Eigentümer haben die Flächen irgendwann geerbt und wohnen gar nicht mehr hier“, berichten die Borsteler. „Die hängen da nicht dran und sind dann eher verkaufsbereit.“

Vor diesem Hintergrund geben sich Behnken und Ditzfeld realistisch: „Wir wenigen Landwirte werden das Projekt wohl kaum verhindern können.“ Landvolk-Justiziar Kasten erhebt gleichwohl mahnend den Finger: „Die Maßnahme darf nicht zu Lasten der Bauern gehen.“ Wanja Sievers drückt es so aus: „Welchen Stellenwert hat die Landwirtschaft für die Stadt noch?“

Bei einem landwirtschaftlichen Gutachten zu „Achim-West“ werde das Landvolk Stellung zu dem Vorhaben nehmen, kündigte Alexander Kasten an. Aufgrund der noch vielen ungeklärten Fragen dabei gehe er vorerst nicht davon aus, dass die Stadt nach dem nur in Ausnahmefällen erlaubten scharfen Schwert der Enteignung von Flächen greifen werde, antwortete der Justiziar auf Nachfrage und bekräftigte: „Wir stehen hinter unseren Mitgliedern, sollte es zu juristischen Auseinandersetzungen kommen.“

Von Michael Mix

Die Flächen nahe des Bremer Kreuzes sind begehrt, wissen Alexander Kasten, Wanja Sievers, Behnken und Jürgen Ditzfeld.

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