Interview mit Bürgermeister Rainer Ditzfeld, der heute ein Jahr im Amt ist

„Ich habe doch viele Dinge auf den Weg gebracht“

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Bürgermeister Rainer Ditzfeld vor einem Satellitenfoto seines „Reichs“.

Achim - Von Manfred Brodt. Vor einem Jahr am 1. November trat Rainer Ditzfeld (54) sein neues Amt als Achimer Bürgermeister an. Für den gelernten Kundendiensttechniker für Küchengroßgeräte und langjährigen ehrenamtlichen Kommunalpolitiker war es ein jäher Berufswechsel. Vor der Wahl hatte er sich zudem mit seiner Ex-Partei CDU überworfen, trat dann als unabhängiger Kandidat an und siegte haushoch. Gewählt ist er bis November 2021, und er ist nicht abgeneigt, dann noch einmal zu kandidieren. Wir befragten den Achimer Bürgermeister zu seinem ersten Amtsjahr.

Haben sich Ihre Vorstellungen von dem neuen Amt erfüllt?

Ditzfeld: Auf alle Fälle. Überrascht war ich von der Vielfalt der Aufgaben, wie schnell wir gerade im vergangen Jahr von vielen gravierenden Veränderungen eingeholt worden sind. Wenn ich meine knapp 20 Jahre als Kommunalpolitiker Revue passieren lasse, kann ich mich nicht an ein Jahr wie dieses erinnern: Log4Real, Lieken, Neubau von Kitas, Kitastreik, Zusammenlegung von Schulen, Standortwechsel der Sparkasse, Flüchtlinge, unsere ganzen Baugebiete, Innenstadt, Achim-West, Bibliothek - und das in allen Fachbereichen des Rathauses, die schon auf dem Zahnfleisch gehen.

Liegt das nicht daran, dass Sie früher nur die Außen- und nun die Innensicht haben?

Ditzfeld: Glaube ich nicht, auch wenn ich damals nicht den Informationsstand hatte wie heute als Bürgermeister.

Sie wollten präsidial regieren, besonders bei Außenterminen sich zeigen und die Arbeit im Rathaus überwiegend Ihrem Stellvertreter, Ihrem „Innenminister“ Kettenburg überlassen. Ist das so geschehen?

Ditzfeld: Nein, wir teilen uns die Sachgebiete auf, weil einer alleine die Zeit gar nicht hat, sich mit allen Gebieten intensivst zu beschäftigen, was wir besonders während der Urlaubszeit merken.

Wie ist bei Ihnen das Verhältnis zwischen Außenrepräsentanz und Innendienst?

Ditzfeld: Vorgänger Uwe Kellner hat einmal gesagt, und dem kann ich nach einem Jahr nur beipflichten: 90 Prozent Rathaus und 60 Prozent außen.

Aber rechnen können Sie?

Ditzfeld: Der eine kann rechnen, der andere schreiben. Aber Spaß beiseite: Am Mittwoch dieser Woche zum Beispiel hatte ich bis zum Feierabend um 1.30 Uhr am Donnerstag an der Flüchtlings-Turnhalle in Embsen etwa 20 Stunden auf der Uhr. Um 7 Uhr ging‘s dann morgens weiter. Das sind dann zum Beispiel die 150 Prozent.

Sie sind mit vielen in der Stadt und der Verwaltung per Du. Gefährdet das nicht Ihre Distanz und Neutralität?

Ditzfeld: Da ist nicht die Anrede entscheidend, sondern wie man zueinander steht und wie man damit umgeht. Das ist doch Blödsinn, jemandem jetzt das Du zu entziehen, den man schon etliche Jahre gut kennt. Im Rathaus gibt es keine Probleme damit.

Sie haben vor der Wahl viel versprochen, und viele haben sich versprochen, dass mit dem Bürgermeister Ditzfeld alles anders und besser wird. Gab es da nicht viele Enttäuschungen?

Ditzfeld: Viele haben sich Dinge versprochen, die wir in Achim gar nicht leisten können wie zum Beispiel mehr Lehrer an den Schulen. Sie sahen auch nicht, dass der Rat und damit die Politik vieles entscheidet. Einige haben auch gedacht, jetzt ist der Ditzfeld Bürgermeister, da krieg ich meinen vorher abgelehnten Anbau genehmigt, meinen Wintergarten oder die Fällung der Eiche auf dem Grundstück durch.

Wir kennen uns doch, mit dem läuft das dann schon. Meine Straße wird jetzt in Schuss gebracht, und meine Tochter wird schon eine Stelle bei der Stadt bekommen.

Das läuft natürlich alles so nicht, denn es gibt Gesetze, Bebauungspläne, eine Baumschutzsatzung, Stellenpläne, Bewerbungsverfahren und demokratisch geregelte Prozesse, an die sich alle halten müssen.

Enttäuscht sagen auch einige jetzt: Wir haben Rainer gewählt und dann setzt der uns die Flüchtlinge in die Turnhalle. Damit muss man umgehen, und dafür gibt es im Vorfeld oftmals sehr schwierige Entscheidungsprozesse. Ich war mir aber auch immer im klaren darüber, dass man es nicht allen recht machen kann.

Wenn Bürger protestieren und sich zum Beispiel zu Achim-West eine Bürgerinitiative gründet, ist das gut, denn dann hat die Stadt nur einen, zwei oder drei Ansprechpartner und kann dann sehr konstruktiv mit ihnen zusammenarbeiten.

Sind die Wunden nach Ihrer Schlacht mit der CDU verheilt?

Ditzfeld: Im Gegensatz zum Anfang läuft es jetzt sehr gut. Es freut mich, dass wir viele Entscheidungen mit ganz großen Mehrheiten getroffen haben. Nur beim Lieken-Projekt sind wir noch auseinander, aber das ist Demokratie.

Haben Sie eigentlich immer mit der SPD gestimmt?

Ditzfeld: Nein, das nicht. Es geht mir immer um die Sache. Umgedreht wird ein Schuh draus: Die SPD und auch die anderen Parteien haben für die Vorlagen der Verwaltung gestimmt. Dafür bin ich als Bürgermeister auch allen sehr dankbar. Es sollte zum Wohle unserer schönen Stadt immer um die Sache gehen und nicht um persönliche Befindlichkeiten.

Werden Sie noch einmal in eine Partei eintreten?

Ditzfeld: Definitiv nein, das scheidet für mich aus. Ich möchte auch weiterhin als neutraler Bürgermeister viel für die Menschen in Achim erreichen. Ich bin zwar gewarnt worden, Du wirst es wie Uwe Kellner ohne Partei im Hintergrund sehr schwer haben, aber ich habe doch in den ersten zwölf Monaten viele Dinge angeschoben und auf den Weg gebracht.

Sie sprachen vom zarten Pflänzchen Innenstadt. Ich sehe es nicht.

Ditzfeld: Ich schon. Im Frühjahr wird das Restaurant „Alte Feuerwache“ im ehemaligen Bibliotheksgebäude eröffnet, die neue Sparkasse mit Einzelhandelsgeschäften am Schmiedeberg kommt. Im Januar geht‘s an den Bebauungsplan. Am versteigerten ehemaligen Textilhaus am Bibliotheksplatz entsteht Neues. Wir haben mit Grundstückseigentümern und Einzelhändlern der Innenstadt offen gesprochen. Sie konnten sich einmal so richtig „auskotzen“ ohne Presse, Politiker und Interessenverbände. Das waren wirklich aufschlussreiche, ehrliche und unverblümte Gespräche.

Die Parkzeiten in der City sind viel kundenfreundlicher geregelt worden mit drei Stunden, freiem Parken ab 16 Uhr und nun auch mit der Brötchentaste.

Im nächsten Jahr wollen wir zum Beispiel leer stehende Ladenflächen ab einem einheitlichen Zeitpunkt für zunächst kurze Zeit zu einheitlichen, niedrigen Mieten an Interessierte nach dem Modell „Pop Up-Stores“ vergeben. Das wird mit Unterstützung der Eigentümer kommen.

Warum gönnen Sie den Achimern und ihren Nachbarn kein attraktives Einkaufszentrum auf dem Lieken-Gelände?

Ditzfeld: Ich bin felsenfest der Ansicht, dass das zarte Pflänzchen Innenstadt und die Nahversorgung in den Ortsteilen mit dem Kaufhausmagneten geschädigt würden. Rewe hat knallhart gesagt: Wenn das Einkaufszentrum bei Lieken kommt, gehen wir aus der Marktpassage weg. Und dann wäre ohne Lebensmittler die Marktpassage tot.

Sie haben jetzt mit dem Bremer Bürgermeister Carsten Sieling wieder gesprochen. Wie viel Geld für das Verkehrsprojekt Achim-West hat er Ihnen denn gegeben?

Ditzfeld: Ich habe mehrmals mit ihm gesprochen. Die Achimer Politiker und ich werden darauf bestehen, dass wir nächste Woche schriftlich mitgeteilt bekommen, mit welcher Summe sich Bremen an den Planungskosten von 2,3 Millionen Euro beteiligen wird. Keine Lippenbekenntnisse ohne Zahlen. Mit 10 000 Euro ist es da sicher nicht getan. Ohne diese Zusage wird es sehr schwer, das Projekt zu realisieren. Die Brücke über die A1 zum Beispiel können und werden wir nicht alleine bezahlen.

Nach der Planungsphase muss dann in zwei Jahren Klarheit über die Finanzierung der übrigen gut 90 Millionen Euro bestehen. Sonst wird das Projekt noch gestoppt.

Ich erhoffe mir als Bürgermeister vom Stadtrat am nächsten Donnerstag große Unterstützung für das Achimer Zukunftsprojekt.

Mein Wunsch wäre mindestens eine Zwei-Drittel-Mehrheit. Bitte kein 20:19, bei dem dann die Stimme des Bürgermeisters entscheidet. Wenn es gut zehn Monate vor den Kommunalwahlen im September 2016 so ein enges Ergebnis geben würde, dann sollten wir Achim-West besser beerdigen.

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