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Interview: Achimer Schulsprecher zur Online-Petition gegen Corona-Schulpolitik

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Über die Schulsprecher-Petition „#WirWerdenLaut“ sprach das Achimer Kreisblatt mit Jule Voß (Cato, im Bildschirm), Petje Preuß und Niels Schulte (beide Gamma) sowie Branko Brockmüller (Cato).
Über die Schulsprecher-Petition „#WirWerdenLaut“ sprach das Achimer Kreisblatt mit Jule Voß (Cato, im Bildschirm), Petje Preuß und Niels Schulte (beide Gamma) sowie Branko Brockmüller (Cato). © Bartz

Achim – Unter dem Stichwort „#WirWerdenLaut“ haben Schülervertretungen eine bundesweite Online-Petition gestartet. Die Initiatoren äußern sich kritisch über die Corona-Schulpolitik, sprechen von einem „Durchseuchungsplan“ für Schulen und fordern unter anderem, die Präsenzpflicht auszusetzen. Seit ihrem Start im Januar haben inzwischen knapp 140 000 Personen unterschrieben. Was denken die Abiturienten von morgen darüber? Das Achimer Kreisblatt sprach dazu mit Schulsprechern des Gymnasiums am Markt (Gamma) und des Cato-Bontjes-van-Beek-Gymnasiums im dortigen Raum der Schülervertretung. Die Fragen stellte Redakteurin Lisa Duncan an Petje Preuss und Niels Schulte vom Gamma sowie Branko Brockmüller und Jule Voß vom „Cato“. Weil Letztere kurz zuvor positiv auf Corona getestet wurde, nahm sie virtuell am Gespräch teil.

Aktuell gehen in Niedersachsen mehr als 17 000 Schüler wegen positiver PCR-Tests nicht in die Schule. Das sind knapp achtmal so viele wie vor einem Monat. Sind die Schulen sichere Lernorte? Oder sollte man wieder ins Distanzlernen wechseln?

Branko Brockmüller: Ich würde sagen, dass man sich auf jeden Fall in der Schule anstecken kann und die Gefahr besteht. Ob daraus dann resultieren würde, dass man die Präsenzpflicht abstellen soll, würde ich nicht genau so unterschreiben. Das war auch der Grund, wieso ich bei der Petition nicht unterschrieben habe. Weil wir in den Homeschoolings gemerkt haben, dass man dabei große Probleme haben kann und dass es dort auch starke Lernrückstände untereinander gibt.

Trifft das auch bei euch Gymnasiasten zu?

Brockmüller: Definitiv.
Petje Preuß: Es gibt natürlich auch die Lernrückstände dadurch, dass viele Leute nach der 10. oder der 11. Klasse auf die Schule gewechselt sind und von den Gesamtschulen oder der Realschule kommen, um ihr Abitur zu machen. Und wenn man dann das halbe Schuljahr im Homeschooling war, dann fällt einem das natürlich schwer, an dieses Niveau vom Gymnasium anzuknüpften. Deswegen, glaube ich, gibt es auf jeden Fall Lernrückstände. Für diese Schüler ist es natürlich total schwer, wenn man wieder zu Hause ist, vor allem, weil es jetzt aufs Abitur zugeht, dranzubleiben. Aber an allen Schulen ist es ja so, dass wir uns täglich testen müssen und dass man überall, außer draußen, Masken tragen muss. Aber in der Cafeteria, da ist es megavoll. Und wenn da die Masken abgenommen werden und da gegessen wird, glaube ich schon, dass das Risiko besteht, sich anzustecken.
Niels Schulte: ... gerade weil die Cafeteria der einzige Ort ist, an dem man momentan essen darf. Auf den Fluren oder Gängen ist das Essen untersagt, sonst muss man rausgehen. Und bei zwei Grad ist das nicht das Gelbe vom Ei.

Wie gut sind die Schulen denn ausgestattet, zum Beispiel mit FFP2-Masken oder Luftfiltern ...?

Preuß: Luftfilter haben wir zum Beispiel nicht an der Schule. Wir haben solche Ampeln ...
Schulte: ... Messgeräte, die zeigen dann den CO2-Wert an und der sollte zwischen 400 und 1000 sein. Meistens ist das nach 20 Minuten erreicht. Also gibt es 20 Minuten Unterricht, fünf Minuten Lüftungspause und danach geht der Unterricht weiter.
Preuß: Und daran halten sich dann an unserer Schule auch die meisten Lehrkräfte, also beim Unterricht schaffen wir das meistens, in dem Bereich zu bleiben. Eine FFP2-Maskenpflicht gibt es nicht bei uns an der Schule, medizinische Masken reichen aus.

Branco Brockmüller (18)
Branco Brockmüller (18) © Bartz

Würdet ihr euch mit Luftfiltern in den Klassenräumen sicherer fühlen?

Schulte: Ich bin der Meinung, es muss nicht in jedem Raum Luftfilter geben. Ich fände es aber wichtig an Orten, wo viele Leute sind, beispielsweise in der Cafeteria, wo alle essen, oder in Pausenbereichen, dass man dort Luftfilter aufstellt. Weil es da auch eine Vermischung zwischen den Klassen und Jahrgängen gibt.

Was könnte in Sachen Corona-Schutz an den Schulen noch besser laufen?

Preuß: Ein Punkt sind die Angebote für Notbetreuung. Falls es wieder so sein sollte, dass man im Homeschooling ist, dass man die Möglichkeit hat, seine Kinder teilweise weiter in die Schule zu schicken, damit sie da betreut werden können. Ich glaube, dass das ganz wichtig ist. Eine Hauptforderung der Petition ist ja, dass die Politik auf Schülerinnen und Schüler aufmerksam wird und dass man sie mit einbezieht. Ich glaube, dass die Schüler in den letzten zwei Jahren ein bisschen auf der Strecke geblieben sind, was politische Prozesse und die Corona-Maßnahmen angeht. Deswegen habe ich die Petition unterschrieben. Auch wenn ich nicht alle Punkte zu 100 Prozent unterstütze, finde ich, dass das ein wichtiger Schritt ist, um die Politik darauf aufmerksam zu machen, dass wir mit einbezogen werden möchten.

Was passiert, wenn jemand in der Lerngruppe infiziert ist? Welche Hebel werden in Gang gesetzt? Am „Cato“ hat es ja aktuell ausgerechnet die Schülervertretung getroffen.

Voß: Ich habe am Montag die Boosterimpfung bekommen und dann schon direkt Nebenwirkungen gehabt. Ich dachte: Okay, das ist jetzt die Impfung. Viele Jugendliche reagieren da heftiger drauf. Und ich bin dann auch direkt ab Dienstag zu Hause geblieben. Am Donnerstag waren die Schnelltests dann positiv. Da wurde es auch ein bisschen schlimmer. Am Freitag hatte ich den PCR-Test. Rein theoretisch hatte ich seitdem keinen Kontakt mehr mit Schülern. Mein Verdacht ist, dass ich mich vorher angesteckt haben muss. Deswegen kann ich es bei mir selber nicht so genau sagen, weil ich nicht wirklich Kontakt mit anderen hatte. So weit ich weiß, sind es die Sitznachbarn, die in Quarantäne müssen, aber das hängt, glaube ich, auch vom Impfstatus ab.

Petje Preuß (17)
Petje Preuß (17) © Bartz

Wie habt ihr das Distanzlernen erlebt oder von anderen mitbekommen?

Brockmüller: Wenn alle jetzt wieder ins Distanzlernen übergehen würden, dann hätten wir vermutlich wieder die Probleme, die wir am Anfang im Homeschooling hatten, dass der Unterricht nicht mehr so lehrreich ist wie in der Schule. Normalerweise hatte man eine Lehrkraft im Raum, die einem erklärt hat, wie man bestimmte Aufgaben löst, sondern man hat ne Seite im Buch bekommen und sollte die abarbeiten. Das hat für mich nichts mehr mit der Schule an sich zu tun. Jeder kann sich zu Hause hinsetzen und in irgendwas reinarbeiten, wenn man da Lust drauf hat.

Das setzt aber viel Eigeninitiative voraus und die Hilfe der Eltern spielt zum Teil eine Rolle.

Brockmüller: Bei vielen, auch in den unteren Jahrgängen, da arbeiten die Eltern und haben nicht immer Zeit für die Kinder. Und besonders in den unteren Jahrgängen wird ein Kind sich nicht selber aufrappeln können, Schule zu machen und denselben Lernstand zu erreichen, wie ein Kind, was in der Schule sein wird.
Voß: Beim Distanzlernen geht sehr viel verloren, besonders das Soziale. Meine Cousins beispielsweise sind beide noch klein, gehen in die Grundschule. Ihnen zu verklickern, dass sie jetzt Mathe machen müssen, ist sehr schwierig. Und auch Bekannte in unserem Alter haben zum Teil richtig starke Probleme. Ich kenne jemanden, der hat Probleme im Privaten. Er hat Angst, das Abitur nicht hinzukriegen, weil er im Distanzunterricht fast gar nichts gemacht hat. Weil ihn niemand abgeholt hat, das mit ihm zu machen, und er auch nicht die Kraft hatte. Das bedeutet eine psychische Belastung, die oft vergessen wird.
Preuß: Ich würde sagen, dass hier zwei Punkte von der Petition zusammenkommen: Dass Lehrkräfte, die keinen qualitativ hochwertigen Unterricht in der Schule geben, auch Distanzunterricht gar nicht ermöglichen können. Weil viele Lehrkräfte nicht gut genug ausgebildet oder vertraut sind mit der Technik. Dass der Unterricht darunter leidet, erklärt sich ja von selbst. Deswegen ist es wichtig, dass man auch Lehrkräfte mehr darauf vorbereitet und nicht einfach sagt: Ihr müsst das irgendwie wuppen. Andererseits wird auch gefordert, dass man die Schule mehr mit psychologisch geschultem Personal ausstattet. Ich habe auch mitbekommen, dass vielen Schülerinnen und Schülern der Distanzunterricht ganz schwergefallen ist. weil man vielleicht kein gesundes Umfeld zu Hause hat, sich da nicht gut konzentrieren kann. Vielleicht hat man auch nicht die technischen Geräte, um wirklich gut mitzukommen. Und für die war das natürlich auch eine mentale Belastung. Da können viele Schulen nicht richtig drauf eingehen, wenn man nicht das Fachpersonal dafür hat. Ich finde es wichtig, dass man nicht nur auf die Leistung guckt, sondern auch auf die mentale Verfassung der Schüler.
Schulte: Am Gamma haben wir gut ausgebautes Internet, seit geraumer Zeit mit Glasfaser, und relativ schnelle Server. Bei uns funktioniert das IServ-Modul, worüber die ganzen Aufgaben gestellt wurden, relativ gut. Das Problem war eher, was machen die Lehrer? Wie viel machen sie? Es gab welche, da kam wochenlang nichts, und dann kam wieder zwei Wochen lang was und dann wieder nichts. Jetzt im Unterricht fiel auf, dass wir manche Sachen gar nicht hatten, weil die im Homeschooling nicht dran kamen.

Wie sind eure Schulen mit Schulpsychologen ausgestattet?

Preuß: Bei uns gibt es eine Vertrauenslehrerin, die auch, glaube ich, extrem ausgelastet war nach dem letzten Mal, als wir wieder alle in die Schule gekommen sind. Aber meines Wissens haben wir nur eine, die neben dem Unterricht auf alle Schülerinnen und Schüler eingehen soll. Sie ist halt nicht nur Psychologin, sondern eine ganz normale Lehrerin, die das nebenbei macht.
Brockmüller: Ich meine, bei uns sind es vier Vertrauenslehrer, aber es ist genau dasselbe Konzept, dass die nebenbei noch was anderes machen. Klar ist es nett von ihnen, dass sie sich um uns kümmern wollen, aber ich glaube, dass der Bedarf an Schülern, die dahingehen wollen würden, so groß ist, dass es dann zu viel wäre.
Preuß: Ich glaube auch, dass es ein bisschen schwierig ist, wenn man zu Lehrkräften geht, weil man sie teilweise auch im Unterricht hat. Und wenn man dann mit der gleichen Person über Probleme spricht, da kann ich mir schon vorstellen, dass das unangenehm ist.

Niels Schulte (16)
Niels Schulte (16) © Bartz

Wie ist das mit dem verpassten Lernstoff fürs Abitur? Was müsste man tun, um zu entlasten?

Brockmüller: Die Angst besteht, dass das Abitur schlechter ausfällt, weil man viele Lücken hatte in den letzten Jahren. Aber es gibt jetzt Entlastungen fürs Abitur, sowohl für den Jahrgang, der jetzt abschließt, als auch für den kommenden. Zum Beispiel sind bei uns im zweiten Halbjahr bis auf die Prüfungskurse keine Klassenarbeiten mehr zu schreiben. Dazu fällt das Meinungsbild zweigeteilt aus, weil viele Schüler in den Klassenarbeiten gute Noten hatten und somit schlechtergestellt werden. Ich glaube, dass man da vielleicht an der falschen Stelle angepackt hat. Stattdessen hätte man Module entfernen können, sodass man weniger Stoff hat. Preuß: Es bringt nichts, Klausuren zu streichen. So lernen wir nicht, wie man Klausuren schreibt, und müssen sie im Abitur trotzdem schreiben. Wir erachten es als sinnvoller, die Wahlmodule zu streichen, sodass man nur noch die Kernmodule in den Prüfungsfächern hat oder den Stoff reduziert.

Was brennt euch sonst auf den Nägeln beim Thema Corona-Schulpolitik? Du meintest ja zum Beispiel, dass du die Petition nicht unterschrieben hast.

Brockmüller: Ich hätte sie unterschrieben, wenn es hauptsächlich darum gegangen wäre, dass die Politik auch auf die Schüler hört und nicht nur über uns geredet wird, sondern mit uns. Das ist zur Zeit die allergrößte Problematik: Nicht, dass man was Falsches macht – Fehler macht man nun mal – sondern, dass man Fehler macht, weil man nicht zuhören will.
Preuß: Ich hab genau aus dem Grund unterschrieben, weil ich es als wichtig erachte, sich als Schülerschaft zusammenzuschließen und auf sich aufmerksam zu machen. Und dafür ist ja eine Petition genau gut. Wir können nicht im Bundestag sitzen, die Gesetze noch nicht selber entscheiden. Und deshalb ist es super, dadurch auf sich aufmerksam zu machen. Und je mehr Leute mitmachen, desto größer wird die Aktion. Letztlich geht es um das Schülerwohl. Und als Schülersprecherin ist es meine Aufgabe, das zu unterstützen.
Schulte: Ich habe unterschrieben, bin aber auch nicht mit allen Punkten einverstanden, beispielsweise finde ich, das Aussetzen der Präsenzpflicht muss nicht sein, weil durch Homeschooling Lernrückstände entstehen können. Aber ich finde den Rest wichtig: FFP2-Masken, Luftfilter, die Quarantänemaßnahmen und Weiterbildung von Lehrern. Ich finde es auch wichtig, dass die Schüler auf sich aufmerksam machen.
Voß: Ich finde, es ist ein Anfang. Ich hab das meiner Mutter geschickt, und andere Eltern haben es auch unterschrieben, weil viele sich im Stich gelassen fühlen – über zwei Jahre hinweg. Und auch mit dem Plan der Durchseuchung: Ich selber kann sagen, dass ich Corona aus der Schule habe. Ich finde es unverantwortlich und unsolidarisch, weil wir uns als Kinder und Jugendliche zwei Jahre lang zurückgehalten haben, ein Stück Lebensqualität verloren haben, um auch die Älteren zu schützen und jetzt „geht“ es wieder und wir werden vergessen. Da kann und muss noch sehr viel mehr passieren.

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