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„Immaterielles Kulturerbe“ auch in Achim in Gefahr

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Marie-Luise Friedrich vor der Bierdener Schießsportanlage, die der Uphuser Verein als Mitmieter nutzt, nachdem er sein Domizil auf dem Gelände von Haberkamps Hotel aufgeben musste. Die an gehobener Stelle in einer großen Bremer Firma des Nahrungsmittelhandels tätige 60-Jährige ist zugleich Vorsitzende des Kreisschützenverbands Achim und der rund 75 Uphuser Schützinnen und Schützen.
Marie-Luise Friedrich vor der Bierdener Schießsportanlage, die der Uphuser Verein als Mitmieter nutzt, nachdem er sein Domizil auf dem Gelände von Haberkamps Hotel aufgeben musste. Die an gehobener Stelle in einer großen Bremer Firma des Nahrungsmittelhandels tätige 60-Jährige ist zugleich Vorsitzende des Kreisschützenverbands Achim und der rund 75 Uphuser Schützinnen und Schützen. © Laue

Achim – Die gute Nachricht: Alle 20 im Kreisschützenverband Achim vertretenen Vereine haben nach zwei Jahren Corona-Pause wieder Schützenfest gefeiert. Weniger schön: Es geschieht häufig in immer kleinerem Rahmen. Die Zeiten des Schwofens zur Musik von Blaskapellen in gut gefüllten großen Zelten bis frühmorgens waren mal. Ein Trend, den auch die Verbandsvorsitzende Marie-Luise Friedrich aus Uphusen bedauert. Zelte anzumieten, lohnt sich für viele Vereine nicht mehr. Und so stieg auch das Uphuser Fest samt Ball im Saal des Gasthauses Gerken.

Dem Ausbau des Hotels Haberkamp hatte vor Jahren das dortige Schützendomizil weichen müssen, und heute nutzen Uphuser und Bierdener Verein gemeinsam die moderne Bierdener Schießanlage In den Bergen. Entgegen anderslautender Gerüchte hätten sich beide Seiten über den Auszug vom Haberkamp-Gelände friedlich geeinigt, betont Marie-Luise Friedrich noch einmal. Für Schützenfeste und Dorfgemeinschaftsfest stehe Haberkamps Saal ebenfalls nicht mehr zur Verfügung. Dort gehen nun vor allem Hochzeitsfeiern und andere größere gesellige Veranstaltungen vonstatten.

Einen neuen Schützenhaus-Standort muss sich auch der Uesener Verein suchen. Allerdings sei der Vertrag mit dem Eigentümer des Grundstücks an der großen Kreuzung um ein Jahr bis zum 30. Juni 2023 verlängert worden, berichtet die Kreisverbandsvorsitzende. Der Zeitdruck bei der Suche ist damit etwas abgemildert. Das Ortsbild im Bereich der Kreuzung dürfte sich durch deren geplante Erweiterung und andere Bauvorhaben ohnehin deutlich verändern.

Uesen ist ein besonders drastisches Beispiel für Abwärts-Entwicklungen im Schützenwesen. Ältere kennen noch Zeiten, als sich viele Arbeitnehmer aus dem Ortsteil am Festmontag zum Mitfeiern frei nahmen und der Festplatz samt Zelt sozusagen wegen der vielen Besucher überquoll.

Immerhin verzeichnet der Kreisschützenverband Achim noch um die 2 800 Mitglieder, und der Uphuser Verein hatte während der Coronapause zwar einen an der Pandemie Gestorbenen, aber keine Austritte zu beklagen. Marie-Luise Friedrich, auch Vorsitzende in Uphusen, freut sich, dass alle „bei der Fahne blieben“ und sich nach dem Schützenfest sogar Neueintritte andeuten. Sie weist zudem darauf hin, dass etwa in Baden das Schützenfest sich weiter großer Beliebtheit erfreut, dass etliche Vereine wie der Bierdener ihre Schießanlagen modernisiert und elektronisch auf den neuesten Stand gebracht haben oder bringen.

Der relativ mitgliederstarke Achimer Verein freue sich auf die Übernahme der Dartgruppe aus Oyten, und das attraktive, hochmoderne Angebot im Achimer Schützenhaus habe sich weithin herumgesprochen. Sehr gut laufen im Verband auch nach wie vor die Senioren-Schießwettbewerbe mit jeweils etwa 250 bis 280 Teilnehmerinnen und Teilnehmern im Alter ab 60 Jahren.

Der Oytener Verein musste sein Schützenhaus wegen anderweitiger Pläne der Gemeinde aufgeben, schloss sich mit den Schaphuser Schützen zusammen, und gemeinsam wird nun die dortige Mühlentor-Halle genutzt. Ähnliche Übereinkommen deuten sich laut Marie-Luise Friedrich zwischen Schützengilde und Schützenkorps in Ottersberg an.

Die Vereine aus Sagehorn, Etelsen, Cluvenhagen, Morsum, Wulmstorf, Beppen, Einste und Intschede sind ebenfalls im Kreisschützenverband Achim vertreten. Im ländlichen Bereich spielen das Schützenwesen samt Festen in der Regel noch eine bedeutendere Rolle in der örtlichen Gemeinschaft.

Sorgen bereitet der Kreisverbandsvorsitzenden nach wie vor der fehlende Nachwuchs. Sie selber ist eben 60 Jahre alt geworden und zählt damit noch zu den jüngeren Aktiven. „Wenn die Älteren irgendwann wegsterben“, könnte es in einigen Vereinen finster aussehen, befürchtet sie. Dabei ist das „Schützenwesen in Deutschland“ als „immaterielles Kulturerbe“ eingestuft und in das entsprechende bundesweite Verzeichnis aufgenommen worden.

Schön wäre es schon, wenn große Schießwettkämpfe nach Vorbild der Dart-Meisterschaften häufiger im Fernsehen übertragen würden, um bei jungen Leute verstärkt Interesse zu wecken, fällt Marie-Luise Friedrich unter anderem spontan als eines der Mittel zur Nachwuchswerbung ein.

Von Heinrich Laue

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