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Im Kreisblatt vor 100 Jahren: Kampf um die Demokratie in großer Not

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Von: Manfred Brodt

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Auch der damalige Landkreis Achim gab Notgeld aus. Repro: Brodt
Auch der damalige Landkreis Achim gab Notgeld aus. Repro: Brodt © -

Achim – Auch schon vor 100 Jahren, im Sommer 1922, berichteten Redakteure des Achimer Kreisblatts über Aktuelles aus der Stadt und die Geschehnisse im Landkreis Verden. Was waren die Themen der damaligen Zeit? Was bewegte die Menschen im Bereich der Weltpolitik und unmittelbar vor der Haustür. Ein Blick ins Archiv gewährt spannende Einblicke.

Der nach der Niederlage im Ersten Weltkrieg und dem Sturz der kaiserlichen Monarchie noch junge demokratische Staat in Deutschland ist in der damaligen Zeit gefährdet durch die Feinde dieser Republik, durch Hunger und Not.

Zwei Repräsentanten des neuen demokratischen Deutschlands waren von Rechtsextremisten ermordet worden, 1921 Matthias Erzberger, Unterzeichner des Waffenstillstandes und Reichsfinanzminister, und im Juni 1922 Außenminister Walther Rathenau, der auch als Jude und „Vertreter des Weltjudentums“ Zielscheibe für die Mörder war.

Am 4. Juli 1922 findet deshalb auf dem Achimer Marktplatz eine stark besuchte Kundgebung des Gewerkschaftskartells und der sozialistischen Parteien statt für das „Gesetz zum Schutze der Republik“. Redner Spendler aus Bremen, Beamter des Holzarbeiterverbandes, hält eine Ansprache, in der er die Abscheu der sozialistischen Parteien gegen den politischen Mord und speziell an Minister Rathenau zum Ausdruck bringt und ein „scharfes Vorgehen gegen die reaktionären Organisationen“ fordert. Das Kreisblatt schreibt dazu: „Er bezeichnete es an der Zeit, dass die Arbeiter ihre Geschicke selbst in die Hand nehmen müssten, und brachte eine Entschließung zur Verlesung, die an Reichstag und die deutsche Reichsregierung gerichtet wird, in welcher die deutschen Gewerkschaften und die drei sozialistischen Parteien ein Gesetz zum Schutz der Republik fordern. In diesem Entwurf wird unter anderem gefordert, sofortiges Verbot und strenge Bestrafung jeder monarchistischen und antirepublikanischen Agitation in Wort, Bild und Schrift, Verbot und sofortige Auflösung aller monarchistischen und antirepublikanischen Verbindungen, Verbot monarchistischer Fahnen und Farben, strenge Vorschriften zur Säuberung der Regierungsstellen und Behörden von allen antirepublikanischen Elementen, Einsetzung eines außerordentlichen Gerichtshofs in Berlin.“

Anschließend zog die Menge vom Marktplatz zum Achimer Bürgerpark und überreichte dem Landrat eine Petition. „Die ganze Demonstration verlief ruhig“, meldete das Kreisblatt.

Im ganzen Reich liefen solche Kundgebungen, und so wurde ein solches „Gesetz zum Schutz der Republik“ auch im Juli vom Reichstag verabschiedet. Die Demokratie konnte es dennoch nicht retten, wie man gut zehn Jahre später feststellen musste.

Noch konnte im Juli der sozialistische Wahlverein Achim im demokratischen Rahmen sein 30-jähriges Bestehen feiern. Der gemäßigte Redner Räker lehnte die Monarchie ebenso wie die bolschewistische Rätediktatur ab.

Die Lebenshaltungskosten insgesamt waren gegenüber 1914 um das 23-fache gestiegen. Die günstigste Zigarette war für 2,50 Mark zu haben, die billigste Zigarre kostete acht bis zehn Mark.

Die Teuerung macht auch vor der Zeitung nicht Halt. Das Kreisblatt kostet nun 45 Mark gegenüber zwei Mark vor dem Krieg, und ist dann für sagenhafte 360 Mark im Vierteljahr zu haben. Nach 157 Zeitungen im Februar sollten bis zum Jahresende 4000 Zeitungen ihr Erscheinen einstellen.

Explodiert war auch der Brotpreis, jetzt um 80 Prozent. In der Saison der Schützenfeste wurde der Bierpreis um 50 Prozent erhöht.

Die Reichsbank hatte zwar schon früh riesige Mengen von 10 000- und 1000-Mark-Scheinen mit kleineren Beträgen in Umlauf gebracht, aber wegen des Rohstoffmangels fehlte es an Noten und Münzen für kleinere Beträge.

So hatte das Notgeld Konjunktur, das von Kreisen, Gemeinden oder auch Firmen ausgegeben worden war. Damit sollte jetzt aber Schluss sein. Der Kreis verfügte, dass die Notgeldscheine für 50- und 25-Pfennige bis zum 30. Juli abgegeben werden müssen und dann ihren Wert verlieren. Dahinter stand ein entsprechendes Reichsgesetz.

Das Notgeld ließ sich nicht dauerhaft ausrotten und kam in kommenden Jahren der Hyperinflation mit anderen Beträgen bis zu Billionen und Trillionen wieder zurück.

Trotz der elenden Bedingungen ging das normale Leben weiter. Ein Zauberwort hieß „Hansa-Kanal“. Ein Kanal, der vom Mittellandkanal in Bramsche zur Weser in Uesen durch die Achimer Marsch bis zur Elbe bei Stade führen und so eine Verbindung schaffen sollte von der Region Rhein und Ruhr zu den Seehäfen Bremen und Hamburg und dem ganzen Norden. In Achim referierte der Ideengeber dieses Großprojekts, der Bremer Wasserbau-Ingenieur Ludwig Plate, darüber. Der neue Kanal mit der Verbindung zum Ruhrgebiet, seinen Industrien, seinen Kohlevorkommen, versprach Deutschland wirtschaftlichen Aufstieg und mehr Unabhängigkeit vom Ausland. 1932 ließ der zwar untadelige, aber wegen seiner Sparpolitik umstrittene Reichskanzler Brüning das Projekt fallen. Allerdings feierte die Kanalidee in den 1950er-Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg eine Wiederauferstehung, um dann doch bald wegen der florierenden Beförderung der Güter mit Bahn und Lkw beerdigt zu werden.

Auch oder gerade in der armen Zeit gab das Vereinsleben den Menschen Kraft und Halt. In der aufstrebenden Siedlung Badenermoor hatte sich ein Sportverein gegründet, der sich nach dem Vater dieser Siedlung „Sportklub Roedenbeck“ nannte. Bei schönstem Wetter feierte der „Weserstrand Bollen“ sein erstes Stiftungsfest mit Gesang, Musik und Festumzug. Im sonst so ruhigen Weserdorf war mächtig was los, berichtet das Kreisblatt.

Zum Fest auf den Badener Berg hatten der Fußballverein FC Weser Achim und der Gesangverein Thalia eingeladen, der schon sein 68. Stiftungsfest feierte. Und in der angeblich „guten alten Zeit“ gab es auch alles Unschöne, worüber auch heute noch geklagt wird. Im Achimer Gemeindeausschuss wurde kritisiert, dass Bewohner der Obernstraße Jauche in die Gosse der Straße kippen. Den bekannten Umweltsündern wurde Strafverfolgung angekündigt. Hatte das Kreisblatt schon mehrfach berichtet, dass Erwachsene Kinder mit Leckereien zum Einsteigen in ein Auto bewegen wollten, musste die Zeitung Ende Juli die Vergewaltigung eines elfjährigen Mädchens in Bollen vermelden. Jungs hatten noch versucht, den erwachsenen Täter abzuhalten, der dann später mit dem Fahrrad türmte.

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