Sie ist Trauerrednerin

Christiane Ohlwein: „Ich bin da, wenn Menschen gehen“

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Christiane Ohlwein spricht bei Trauerfeiern, Hochzeiten und Kinderwillkommensfesten. Sie hat sich 2018 als Freie Rednerin selbstständig gemacht.

Achim - Ein Mensch ist verstorben und die Angehörigen möchten in der Trauerfeier so an den Toten erinnern, wie sie ihn kannten. Christiane Ohlwein weiß, wie man die richtigen Worte dafür findet – nicht nur im Trauerfall, sondern auch bei Hochzeiten oder Kinderwillkommensfesten als Alternative zur Taufe. Die Achimerin ist Freie Rednerin, selbstständig und von der Industrie- und Handelskammer (IHK) zertifiziert. Am Dienstag, 4. Februar, berichtet Ohlwein, die auch im Hospizverein Achim aktiv ist, aus ihrem Leben als Trauerrednerin. Schauplatz ist ab 19 Uhr der Clubraum im Kulturhaus Alter Schützenhof (Kasch). Veranstalter ist der Hospizverein Achim.

Nicht nur Konfessionslose engagieren Ohlwein für ihre Trauerfeier. „Manche sagen, der Verstorbene ist zwar in der Kirche gewesen, aber selten zum Gottesdienst gegangen, sodass keine persönliche Beziehung zu der Pastorin oder dem Pastor besteht“, erzählt die 51-Jährige.

Trauerreden halten sieht Ohlwein als Berufung an. Ihr Lebensmotto: „Ich bin da, wenn Menschen gehen.“ Ihre Aufträge erhält Ohlwein, die seit Mitte 2018 als Freie Rednerin tätig ist, überwiegend von Bestattungsunternehmen. Ihr Aktionsradius umfasst bisher Achim, Bremen, Lilienthal und Stuhr.

Nicht ungewöhnlich ist ein Leerlauf von mehreren Wochen zwischen den Einsätzen: „Man weiß ja nicht vorher, wann gestorben wird.“ Grundsätzlich sei die Auftragslage mit durchschnittlich zehn bis zwölf Reden im Monat aber gut. Eine Trauerrede kann zwischen 20 und 35 Minuten lang sein, jedoch steckt Ohlwein etwa acht bis zehn Stunden in die Vorbereitung. Nach dem Anruf des Bestattungsunternehmens vereinbart sie zunächst einen Gesprächstermin mit den Angehörigen, um herauszufinden, was für eine Art Mensch der Verstorbene war.

Dabei streift Ohlwein diverse Themen: die berühmten „Letzten Worte“, Schulbildung, beruflicher Werdegang, Hobbys, Reisen und weitere gemeinsame Erlebnisse bis hin zu charakterlichen Eigenarten des Toten. „Wenn’s gut läuft, erzählen die Angehörigen mir etwas über den Verstorbenen.“ Doch nicht immer sei es einfach, ihnen die wesentlichen Auskünfte zu entlocken: „Es kommt vor, dass Menschen nichts über den Angehörigen wissen, weil sie in den letzten Jahren keinen Kontakt hatten.“ Auch wenn bei lange verheirateten Ehepaaren einer verstirbt, komme das Erzählen manchmal nur zögerlich. „Manche sind noch im Schockzustand oder haben den Partner bis zum Schluss gepflegt“, erzählt Ohlwein. So habe eine Frau auf die Frage nach gemeinsamen Urlauben nur eine einzige Reise nennen können. Erst beim Blick ins Familienalbum habe sich herausgestellt, dass die beiden noch sehr viel häufiger gemeinsam gereist waren. „Man braucht manchmal auch Geduld, weil Menschen erst mal weinen wollen.“

Dass sie sich für diesen Berufsweg entschieden hat, hing für Christiane Ohlwein eng mit dem Tod ihrer Mutter 2017 zusammen, deren Sterbeprozess sie begleitet hatte. Ein Wendepunkt für die Achimerin: „Meine Mutter starb in Wut. Sie war mit ihrem Leben nicht einverstanden. Ich dachte, wenn ich nichts ändere, werde ich genauso.“

Ohlwein, die 1968 in Bremen geboren wurde, ist gelernte Fernmeldeinstallateurin und Fachinformatikerin. Von 2004 bis 2017 arbeitete sie in einem Elektronikgroßfachhandel im technischen Support. Als Betriebsratsvorsitzende war ihre Stelle gut abgesichert, jedoch entschied sie sich für den Karrierewechsel: Sie ließ sich zur Heilpraktikerin für Psychotherapie und Telefonseelsorgerin ausbilden. Vier Jahre lang arbeitete sie ehrenamtlich bei der Deutschen Telefonseelsorge. Dann fand sie über das Buch „The Big Five for Life“ von John Strelecky Schritt für Schritt zu ihrer Berufung. Das Sachbuch geht der Frage nach einem gelungenen Leben nach. Es fordert den Leser auf, fünf Dinge zu benennen, die er am Ende seiner Tage getan haben will. Einer von Ohlweins Wünschen war es, Reden vor Publikum zu halten, ein weiterer, Menschen ein Stück in ihrem Leben zu begleiten. Bei den „Bremer Toastmasters“ erprobte sie ihre rhetorischen Fähigkeiten. Zudem gründete sie in Bremen einen „Big Five for Life“-Stammtisch. Sie nahm Kontakt zu einer Trauerrednerin auf und erkannte im Gespräch mit ihr, dass sie genau das machen wollte, und auch warum: „Ich mache das nicht, um im Mittelpunkt zu stehen, sondern um Lebensgeschichten zu erzählen“, erklärt Ohlwein.

Mit ihrer Rede möchte Christiane Ohlwein die oder den Verstorbenen möglichst authentisch darstellen. „Die Familie soll ihn wiedererkennen.“ Ein weiterer Grundsatz lautet: „Ich versuche, sachlich zu formulieren, und ich drücke nicht auf die Tränendrüse.“ Wie das Leben selbst könne eine Trauerrede auch Gelegenheit zum Lächeln geben. Ohlwein legt Wert darauf, charakterliche Schwächen, wie etwa eine Sucht, zu benennen, aber nicht zu werten. Dass sie auch vermeintlich negative Aspekte nicht ausblendet, komme bei den Familien sehr gut an. Manchmal erfordere es allerdings Überzeugungsarbeit, denn „dass man nicht schlecht über Tote spricht, ist immer noch in den Köpfen drin“.

Auch die Musikauswahl für die Trauerfeier bespricht sie mit den Hinterbliebenen. In Ohlweins Augen gibt es keine unangemessene Klangkulisse: „Es kommt ganz darauf an, was sie gemeinsam gehört haben. Ich hab’ auch schon mit Rammstein beerdigt“, erzählt sie. Gern genommen würden allerdings Titel wie „Niemals geht man so ganz“ oder „Einmal sehen wir uns wieder“.

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