Ralf-Wigand Usbeck vermietet Hühner

Tierhaltung auf Probe: Auf das Huhn gekommen

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Kinder der „Alpenwichtel“ in Baden beim Hühnerfüttern mit Erzieherin Maren Eggert. Die Kindertagespflegeeinrichtung hatte zwei Wochen lang ein Hühner-Komplett-Paket im Garten.

Achim - Von Lisa Duncan. Zaghaft nimmt die zweijährige Lara das Hühnerei von Ilka Godau entgegen und hält es in ihren kleinen Händen, den Blick staunend auf das weiß-glänzende Etwas gerichtet. „Das ist nicht echt, sondern ein Motivations-Ei. Es zeigt den Hühnern, wo sie die Eier hinlegen sollen“, sagt Godau.

Daneben liegen frisch gelegte Exemplare, die, je nach Hühnerrasse, hellbraun und glatt bis rau und gesprenkelt sind. Godau betreibt die private Kindertagespflege „Alpenwichtel“ in Baden. In deren Garten campiert gerade ein kleiner Hühnerstall mit fünf Hennen. Eigentümer ist Ralf-Wigand Usbeck. Der Borsteler vermietet seine Tiere an Kindergärten, Seniorenheime oder Privatpersonen.

„Miete ein Huhn“ ist jeweils auf zwei Wochen angelegt. Wer sich für die Tierhaltung auf Zeit entscheidet, bucht Usbecks „Rundum-Sorglos-Paket“. Das umfasst: fünf Legehennen, einen Hühnerstall mit elektrischem Pförtner und Dämmerungssensor, Einstreu, Futter, Futterautomat, Wassertränke, Sandbad, Einsteckzaun, alle gelegten Eier sowie Lieferung, Aufbau, Abbau, Abholung, Einführung und Endreinigung des Hühnerstalls.

Ralf-Wigand Usbeck mit einem seiner futuristisch anmutenden mobilen Hühnerställe und einer Henne bei ihrer täglichen Beschäftigung.

„Die Hühner passen perfekt in unsere spielzeugfreie Zeit“, erklärt Godau. Immer zu Beginn der Sommerferien kommt das Spielzeug auf den Speicher und die Eltern werden gebeten, ihren Kindern höchstens einfache Gegenstände wie Kuscheldecken mitzugeben. Plastikschüsseln dienen als Sandförmchen, statt Reizüberflutung gibt es naturnahe Erlebnisse, wie Picknick im Wald – oder eben Hühnerfüttern. Dabei bleiben die Kleinen – bei den „Alpenwichteln“ sind es täglich etwa zehn in wechselnden Gruppen – jenseits des Zauns. Nur einzeln darf ein Kind mal ins Gehege, um ein Tier zu streicheln oder Eier einzusammeln. „Die Hühnereier haben wir anschließend gekocht und zum Frühstück gegessen“, erzählt Ilka Godau.

Umzug ermöglicht Hühnerhaltung

Ralf-Wigand Usbeck ist eigentlich ein Stadtkind, geboren und aufgewachsen ist er in Bremen. Erst der Umzug nach Borstel vor etwa drei Jahren ermöglichte ihm die Hühnerhaltung. „Borstel ist ein Paradies mit seinen Höfen und alten Stallungen“, sagt er. Aber Usbeck war auch schon früh geprägt: Bereits sein Vater unterhielt als Nebenerwerb eine kleine Hühnerfarm mit etwa 30 Tieren.

Die dreijährige Lina streichelt ein Huhn, das Ilka Godau, Leiterin der „Alpenwichtel“, festhält.

Als Usbeck gerade frisch aufs Dorf gezogen war, sah er mit seiner Familie einen Fernsehbeitrag über einen hessischen Hühnervermieter. „Papa, das wär' doch was für dich“, witzelte sein Sohn prompt. „Da haben wir erstmal alle herzlich gelacht – und ich hab nachts wachgelegen“, erzählt Usbeck. Der 59-Jährige, der hauptberuflich im Marketingbereich einer Softwarefirma in Achim tätig ist, wollte die Idee unbedingt verwirklichen. Drei Hühner waren es, als er im Januar 2016 begann – mittlerweile verfügt er über acht mobile Ställe mit je fünf Hühnern. Neben einem nostalgischen Holz-Exemplar schwört er übrigens auf ein futuristisch gestaltetes Kunststoffhäuschen, ein britisches Fabrikat. Das sei leichter zu reinigen, nicht so anfällig für Parasiten und somit für die Hühner auch gesünder.

Das Angebot „Miete ein Huhn“ werde nicht nur von Kindergärten, sondern vielfach auch von Privatpersonen wahrgenommen. „Einige mieten, um auszuprobieren, ob die Hühnerhaltung etwas für sie ist.“ Rund 50 Prozent seiner Kunden würden dabei „auf den Geschmack kommen“. Apropos: Im Kochtopf

landet keines der Hühner von Ralf-Wigand Usbeck. Dafür wachsen ihm die Tiere zu sehr ans Herz. „Zu einem Kunden fahre ich auch höchstens eineinhalb Stunden, alles andere ist Tierquälerei.“

Qualitätskontrolle durch Veterinäramt

Sprich: Nach Bremen oder Hannover ist okay, eine Anfrage aus Köln – Usbeck sollte mit Hühnerstall für einen Bettenfirma-Werbeclip vor der Kamera stehen – habe er schon abgelehnt.

Überhaupt unterliegt die Hühnervermietung strengen Qualitätskontrollen durch das Veterinäramt Verden. Usbeck muss ein Bestandsbuch führen und beispielsweise Impfungen durchführen. Auch die gesetzlich vorgeschriebene Einweisung geschehe gewissenhaft.

So muss beispielsweise sichergestellt sein, dass Betreuungspersonen den Umgang mit dem Huhn begleiten. Auf Demenzkranke übt die Konfrontation mit der Hühnerschar oft eine Faszination aus: „Viele hatten früher Hühner und erinnern sich, fangen dann an, zu erzählen.“ Usbeck betont generell die therapeutische Wirkung der Hühnerhaltung: „Hühner strahlen Ruhe aus, sie bewegen sich langsam und machen ruhige Geräusche. Das Ei steht nicht im Vordergrund, es ist aber ein angenehmer Nebeneffekt.“ Er erzählt von einem Arzt-Ehepaar, das es während der Hühnerstall-Miete genoss, morgens vom Gegacker der Tiere geweckt zu werden. Ganz anders der lärmende männliche Gegenpart: „Hähne vermiete ich nicht.“

Lara (2) schaut das Ei erstaunt an.

Auch habe er zahlreiche Anfragen für andere Tierarten erhalten, die er aber abblocken musste, denn er will sich auf die Hühnervermietung beschränken. Die Palette der Vorschläge reichte von Bienen über Laufenten, Kaninchen bis hin zu Hochzeitstauben. Wenn Usbeck erzählt, wie Hühner trotz gestutzter Flügel Zäune überwinden oder Farben auseinanderhalten können, merkt man, welche Faszination diese Tiere auf ihn ausüben.

Der Hobby-Tierhalter achtet, wie auch viele seiner Kunden, auf bewusste Ernährung, die ethische Gesichtspunkte einbezieht. „Warum darf die Industrie eigentlich männliche Hühnerküken töten?“, fragt er. Auch die großen Legebatterien mit tausenden von Hühnern bedeuteten doch nur eine Qual für diese Lebewesen. Um so mehr hofft Usbeck, dass seine Mieter von klein auf eine Wertschätzung für die Natur entwickeln: „Wenn ein Kind sieht, wie es ist, ein warmes Ei in der Hand zu halten, kommt hoffentlich ein anderes Verständnis dabei heraus.“

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