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„Höchste Zeit, dass sich Kirche erneuert“

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Von: Michael Mix

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In den Sonntagsmessen in St. Matthias spricht Pfarrer Matthias Ziemens den Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche offen an und fordert Reformen.
In den Sonntagsmessen in St. Matthias spricht Pfarrer Matthias Ziemens den Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche offen an und fordert Reformen. © Mix

Achim – „Es ist höchste Zeit, dass nicht nur geredet wird, sondern dass endlich etwas passiert“, sagt Matthias Ziemens mit Blick auf die vor allem wegen des Missbrauchsskandals taumelnde katholische Kirche in Deutschland. „Sonst laufen uns noch mehr Leute weg.“ Der Pfarrer der St.-Matthias-Gemeinde in Achim begrüßt die Ergebnisse der jüngsten Synodalversammlung in Frankfurt am Main, wo die Mehrzahl der Bischöfe und das aus Laien bestehende Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) für grundlegende Reformen gestimmt hat.

Ziemens, der auch Propst von St. Josef in Verden ist, fordert schon lange „weitgehenden Wandel“ bei seinem Arbeitgeber. Der 57-Jährige unterstützt die Ziele des sogenannten Synodalen Wegs. „Ich trete dafür ein, dass Priester heiraten dürfen und damit die Zölibatspflicht abgeschafft wird, Gläubige bei der Bischofswahl ein Mitspracherecht besitzen und homosexuelle Paare mindestens den Segen der katholischen Kirche bekommen.“ Frauen sollten nicht nur als Diakoninnen zugelassen werden, „ich bin für Frauen im Priesteramt“, bekennt der Geistliche auf Nachfrage dieser Zeitung.

„Das Leben ist Veränderung, auch in der Kirche“, unterstreicht Ziemens. Es mache keinen Sinn, bestimmte jahrhundertealte Traditionen beizubehalten. Die am 20. Januar in München veröffentlichte neue Missbrauchsstudie habe „Fassungslosigkeit und Empörung ausgelöst – wieder einmal“. Erst recht, nachdem der emeritierte Papst Benedikt XVI. eingeräumt habe, als früherer Kardinal Josef Ratzinger Täter gedeckt zu haben. „Und auch seine Nachfolger haben pädophile Priester weiterarbeiten lassen. Um die Opfer hat sich kein Mensch gekümmert.“

Matthias Ziemens scheut sich nicht, das brisante Thema, das die jahrtausendealte Institution hierzulande in ihren Grundfesten erschüttert, in Gottesdiensten und Gemeindebriefen offen anzusprechen. „Die katholische Kirche“, stellte der Pfarrer bei seiner Predigt in der Sonntagsmesse am 23. Januar in St. Matthias fest, „schaut in einen Abgrund, den viele viel zu lange nicht wahrhaben oder verdrängen wollten“. Aber nicht jeder mag das hören. Aus einer Kirchenbank sei ein Murmeln zu vernehmen gewesen: „Muss das denn sein?“ Der vorne am Altar stehende Ziemens bekräftigte daraufhin seine klare Haltung: „Ja, es muss sein.“

Die am Samstag zu Ende gegangene Synodalversammlung mit ihrer von manch einem Beobachter kaum noch für möglich gehaltenen Botschaft durchzog dann auch den Gottesdienst am vorigen Sonntag an der Meislahnstraße in Achim. „Es wäre ein gutes Zeichen, wenn wir Müde und Frustierte wieder für die Kirche begeistern und Aufbruchstimmung erzeugen könnten“, sagte Pfarrer Ziemens. Denn in jüngster Zeit habe es eine „hohe Zahl“ an Austritten gegeben, räumte er später auf Nachfrage ein. „Die Statistik für 2021 liegt aber noch nicht vor.“ Viele, selbst „treue Seelen“, wendeten sich nach immer neuen Skandalmeldungen und mangelndem Fortschritt in Reformfragen schockiert und enttäuscht ab. Eine Frau, die vor Kurzem aus der katholischen Kirche ausgetreten sei, habe ihm geschrieben: „Das Fass ist übergelaufen!“

Manfred Raba, Mitglied der St.-Matthias-Gemeinde, befürwortet den Reformprozess. „Ich unterstütze das komplett“, antwortet der 82-Jährige auf Nachfrage. Er sei allerdings „skeptisch, ob davon viel durchkommt“. Der Vatikan habe sich schon immer als Bremser in der katholischen Kirche erwiesen. Dabei besteht aus Sicht von Raba dringend Handlungsbedarf. „Wenn sich da nicht bald etwas tut, dann...“ Nein, ein Kirchenaustritt sei für ihn selbst keine Option, stellt er klar. Aber etliche Katholiken, das wisse er, trügen sich mit diesem Gedanken. Manfred Raba hat dabei einen unverrückbaren Standpunkt: „Ich habe schon immer zwischen dem christlichen Glauben und der Institution Kirche unterschieden.“

Doch nicht jeder Katholik klatscht Beifall für das, was die Deutsche Bischofskonferenz und das ZdK jetzt beschlossen haben. Die Ergebnisse der Synodalversammlung in den vier Foren Macht und Gewaltenteilung, Rolle der Frauen, Sexualmoral und Priestertum lehnt Rüdiger Dürr rundweg ab. „Das ist alles gegen Kirchenrecht“, sagt das Mitglied der katholischen Gemeinde in Achim. „Am deutschen Wesen soll alles genesen“, stichelt Dürr und geißelt die „Selbstsäkularisierung“ der katholischen Kirche hierzulande. Aber entscheidend in all diesen Fragen sei ja einzig und allein der Vatikan. „Und Rom sagt Nein“, prophezeit Dürr, der als Pressesprecher für die St.-Matthias-Gemeinde tätig ist und dort auch Musikveranstaltungen organisiert.

Der Träger des Bundesverdienstkreuzes, der rund 30 Jahre lang Vorsitzender der Achimer CDU war und noch immer dem Stadtrat angehört, befürchtet eine Kirchenspaltung. „Wenn es auf ein Schisma hinausläuft, wäre das tragisch.“ Dann gäbe es in Deutschland „vielleicht drei Bistümer, die römisch-katholisch sind, und den großen Rest, der deutsch-katholisch ist“.

Der Reformeifer ist Rüdiger Dürr zuwider, er bemängelt eine „Glaubensverdunstung“. Gott und Christus spielten in der Kirche doch kaum noch eine Rolle. „Ich wünsche mir, dass viel stärker über die christliche Botschaft gesprochen wird.“

Den Opfern von sexuellem Missbrauch durch Priester müsse natürlich geholfen werden, sagt Dürr auf Nachfrage. Aber Reformbedarf habe die katholische Kirche nicht. „Hier wird Missbrauch mit Missbrauch betrieben.“

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