Mode- und Schuhbranche schlagen im langen Lockdown Alarm / „Geschenke für Abgeordnete“

„Hilflos, weil Lobby für den Handel fehlt“

Noch verwaister als sonst zeigt sich die Achimer Fußgängerzone in Zeiten des Lockdowns, in dem die allermeisten Geschäfte geschlossen bleiben müssen.
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Noch verwaister als sonst zeigt sich die Achimer Fußgängerzone in Zeiten des Lockdowns, in dem die allermeisten Geschäfte geschlossen bleiben müssen.

Achim – „Der stationäre Handel blutet. Die Innenstädte drohen zu veröden“, schlägt Mirja Hehenberger Alarm. Die 50-Jährige, zusammen mit ihrem Mann Lars Betreiberin des Schuhladens „Scarpovino“ an der Obernstraße 59 in Achim, empört der vorerst bis zum 31. Januar verlängerte Lockdown mit Schließung fast aller Geschäfte. In der anhaltenden Corona-Krise herrsche bei ihr „Hilflosigkeit, weil es keine Lobby für den Handel gibt“.

Dabei seien zumindest kleinere Läden „keine Virenverbreiter“, sagt Hehenberger. Abstandsregelungen könnten dort eingehalten werden, im Sommer und Herbst hätten bei ihr auch Kunden schon mal draußen gewartet. Ansteckungen mit dem Coronavirus erfolgten durch Menschenansammlungen „eher im privaten Bereich oder auch in Einkaufszentren“.

Mirja Hehenberger hält manche politischen Beschlüsse in der Pandemie für wenig durchdacht und verlangt an der einen oder anderen Stelle Korrekturen. Die Geschäftsfrau, die „nebenbei“ als Lehrerin an einer Bremer Schule Politik und Biologie für Garten- und Landschaftsbauer auf dem zweiten Bildungsweg unterrichtet, hat sich an der Weihnachtsaktion der Branchenverbände Textil, Schuhe und Lederwaren „Geschenke für Abgeordnete“ beteiligt. Andreas Mattfeldt (CDU) und Dr. Gero Hocker (FDP), die den heimischen Wahlkreis im Bundestag vertreten, haben von ihr jeweils ein Paar Schuhe samt Begleitschreiben zugeschickt bekommen. „Damit wollten wir darauf aufmerksam machen, dass wir diesen Artikel gerne noch im Laden verkauft hätten. Wir fordern, dass wir in der Schließzeit den Rohkostenertrag erstattet bekommen“, erläutert Hehenberger. Dabei handele es sich um die Differenz zwischen dem Wareneinsatz und dem Umsatz. Die bisher vom Bund zugesagte Überbrückungshilfe für Dezember, 70 Prozent der Betriebskosten den vielfach um ihre Existenz ringenden Einzelhändlern zu zahlen, sei „überhaupt nicht ausreichend“.

Mattfeldt und Hocker zeigen Verständnis für die Aktion. Gastronomen 75 Prozent des früheren Umsatzes zu erstatten, anderen Unternehmern dagegen kaum entgegenzukommen, erachtet der Christdemokrat als „wenig plausibel“. Mattfeldt könne das von der Mode- und Schuhbranche ersonnene Fixkostenmodell auf Basis des Rohertrags nachvollziehen, freut sich Hehenberger, allerdings verweise der CDU-Abgeordnete gleichzeitig darauf, dass die Bundesregierung über Corona-Restriktionen entscheide und nicht der Bundestag. Hocker kritisiert den „pauschalen Lockdown“ und fordert, sogenannte vulnerable Gruppen, also Senioren „und andere vorerkrankte Personen“, besser zu schützen. Eine „möglichst schnelle Rückkehr zu einem normalen Wirtschaftsleben“ hält der Liberale für „dringend geboten“. Sowohl Mattfeldt als auch Hocker haben die Schuhe an Hehenberger zurückgeschickt. Derlei Geschenke dürften sie nicht annehmen.

Auch Claudia Willhelm, Inhaberin von „Viva Damenmoden“, Am Schmiedeberg 19, spricht von einer „ganz schwierigen Situation. Wir haben jetzt sieben Wochen am Stück geschlossen. Uns fehlen die Umsätze.“ Selbst die zu Weihnachten beliebten Gutscheine oder Geldgeschenke für ein Kleidungsstück nach Wahl seien ja weggefallen. Über die Website erziele sie wohl gerade mal fünf Prozent des üblichen Umsatzes. „Denn Mode oder auch Schuhe bestellt man ja eher nicht über das Internet.“

Die Lage des Einzelhandels sei dramatischer als die der Gastronomie, sagt Willhelm. „Es muss was passieren.“ Sie schlägt „andere Lockdown-Modelle“ vor. „Man könnte ja vielleicht einen Kunden, eine Kundin pro Stunde in den Laden lassen.“

Rudi Knapp, Ehrenvorsitzender der Unternehmergemeinschaft Achim, hält die Mode- und Schuhbranche für „besonders gebeutelt, weil etwa 60 Prozent des Wareneingangs der Herbst- und Winterkollektion noch vorrätig sind. Und die erste Frühjahrsware ist sicherlich auch schon eingetroffen.“

Die Situation sei „sehr brenzlig“, sagt Knapp. „Die Politik muss sich was einfallen lassen und auch den Händlern ordentlich unter die Arme greifen, nicht nur den Gastronomen.“

Von Michael Mix

Händlerin Mirja Hehenberger fordert Hilfe von der Politik.

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