Heinz Kuhlmann hat als Kind und Jugendlicher den Nationalsozialismus erlebt und berichtet von seinen Erinnerungen

Für ihn wird es ein ganz kurzer Kriegseinsatz

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Heinz Kuhlmann (li.) berichtete von seiner Kindheit und Jugend im Nationalsozialismus; rechts Karlheinz Gerhold, Vorsitzender der Geschichtswerkstatt.

Baden - Von Manfred Brodt. Nur wenige werden sich heute vorstellen geschweige denn nachfühlen können, wie das Leben in der nationalsozialstischen Diktatur in Deutschland von 1933 bis 1945 unter ständiger Propagandaberieselung, Gewaltandrohung und Ausschaltung jeder Opposition und anderer Ideen war. Heinz Kuhlmann aus Baden, Jahrgang 1928, hat diese Zeit als Kind und Jugendlicher erlebt und jetzt auf einer Veranstaltung der Geschichtswerkstatt Achim im Restaurant „Weserterrassen am Badener Berg“ davon berichtet.

Seine Schulzeit an der Badener Volksschule von 1934 bis 1938 und anschließend an der Achimer Mittelschule am Markt war weniger spektakulär. Man befand sich im Sog der so genannten nationalen Erhebung nach der Niederlage im Ersten Weltkrieg, den folgenden Demütigungen durch die Siegermächte und der Beseitigung der ersten Demokratie in Deutschland, sang in der Schule auch kräftig nationalistische und antisemitische Lieder.

Dann ein gewaltiger Einschnitt: Als der Schüler morgens aufgestanden ist, sitzen schon die Eltern am Radio, genannt Volksempfänger, und sagen: „Die Schule ist aus. Es ist Krieg!“ Man schrieb den 1. September 1939 mit dem Überfall auf Polen, angeblich die Reaktion auf einen polnischen Angriff, den in Wahrheit SS-Einheiten simuliert hatten.

Flugüberwachungseinheiten auf der Hünenburg und am Badener Berg mit imposanten Scheinwerfern und Übungen auf der Weser als Vorbereitung auf den späteren Angriff gegen Dänemark sind sichtbare Kriegszeichen vor Ort. Man ist stolz, dass ein Luftangriff der Engländer auf Wilhelmshaven abgewehrt werden konnte, man ist als Kind und Jugendlicher auch stolz auf die Gefallenen und sammelt gerne Bombensplitter.

Der NS-Staat hat wie die meisten Diktaturen dafür Sorge getragen, dass alle Bürger möglichst lückenlos erfasst und angesprochen werden. Das fängt bei den Kleinsten an, und auch Heinz Kuhlmanns Weg führt mit zehn Jahren zum Jungvolk, wo die Pimpfprobe mit leichathletischen Übungen und Kenntnis zum Beispiel des Horst-Wessel-Liedes abzulegen ist, und später dann zur Hitlerjugend, die in der ehemaligen Molkerei an der Verdener Straße ihr Heim hat und auch in der Badener Schule Stammgast ist. Die Jugendlichen wollen zur Gemeinschaft gehören, keine Außenseiter sein, sind stolz auf ihre Abzeichen und Urkunden und werden mit das Gefühlsleben berührenden Angeboten wie Fußball, Boxen, römische Wagenrennen, Flug- und Motorradeinheiten, Wettkämpfen zum Beispiel zwischen Baden und Etelsen, Reiterkämpfen, Zeltlagern, Liederabenden und Lagerfeuer bestens angesprochen. Versteht sich, dass immer auch die menschenverachtende Ideologie der selbst ernannten Herrenmenschen einfließt.

Als Heinz Kuhlmann zur HJ kommt, am 20. April 1942, da hat auch der so genannte Führer Geburtstag. Keine zufällige Symbolik.

Aus den früheren Geländespielen bei den Kleinen werden nun Geländeübungen, vormilitärische Erziehung. Als am 20. Juli 1944 das Stauffenberg-Attentat auf Hitler scheitert, appelliert der NS-Staat an die Hitlerjungen, aus Solidarität mit dem braunen Diktator geschlossen in die Waffen-SS einzutreten. Wer es nicht macht, hat schikanöse Behandlung beziehungsweise Nachteile zu befürchten.

Die Militärmaschinerie hatte auch Heinz Kuhlmann erfasst. Der Hitlerjunge kommt zu einer Nordsee-Einheit nach Bremerhaven, durchläuft Wehrertüchtigungslager, erhält seine Einberufung nach Mähren als Unterführer für eine Volkssturmeinheit und wird kurz nach dem Lehrgangsende am 10. April von der Ausbildungseinheit in die Kampfeinheit für Böhmen und Mähren gesteckt. Die gesamte Einheit wurde ungefragt in die Waffen-SS übernommen.

Heinz Kuhlmann: „Da war für mich nach langer Zeit wieder eine Zigarette fällig.“

Der Kriegseinsatz des Jugendlichen sollte nicht lange dauern. Bereits am 17. April 1945 geht es für ihn nach einem Oberschenkeldurchschuss ins österreichische Lazarett. Dem Klinikaufenthalt folgte das US-Kriegsgefangenenlager,wo Heinz Kuhlmann als Holzfäller arbeiten musste. Die wahnwitzigen deutschen Verteidigungsversuche gegen die übermächtigen Engländer auch durch Kinder und Jugendliche zum Kriegsende in Baden musste er so nicht miterleben.

Am 29. November 1945, fast sieben Monate nach Ende des von Deutschland entfachten Weltenbrandes, kehrte Heinz Kuhlmann in sein geliebtes Baden zurück, dem er bis heute als Hobbyhistoriker dient und für das er viel erforschte und auch selbst erlebte Geschichte dokumentiert hat.

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