Harte Arbeit, schwere Last

Sechstklässler an Realschule tauchen ins Mittelalter ein

Schülerinnen und Schüler tauchen hier Stoffe in eine geruchsintensive „Brühe“, um schöne bunte Seidentücher zu erhalten.

Achim - „Puh, das stinkt“, entfährt es einem Jungen, der Stofffetzen in einen großen Topf taucht. In der dunklen Brühe schwimmen Zwiebelschalen und Möhrengrün, die triste Seidentücher nach und nach gelb färben. Beim Mittelalter-Projekt für die fünf sechsten Klassen an der Realschule rümpft der eine oder andere Jugendliche zwar die Nase, aber letztlich sind alle begeistert bei der Sache.

Denn für die letzten Schultage vor den Weihnachtsferien haben sich Lehrerin Andrea Mickley, die aus Franken stammt, und Philipp Bohlmann, der an der Universität Bamberg Archäologie und Geschichte studiert, eine Menge einfallen lassen. Statt des üblichen Unterrichts haben sie für das Projekt in dieser Woche „Lernlandschaften“ aufgebaut, die aus verschiedenen Stationen bestehen und von den Sechstklässlern klassenübergreifend in Gruppen besucht werden.

Das eingangs erwähnte Stoffe färben gehört ebenso dazu wie das Nähen von Umhängetaschen aus Leinen oder das Schreiben mit Federn, die zwischendurch immer wieder ins Tintenfass eingetaucht werden müssen. Was für die Schüler gar nicht so einfach war. „Man musste aufpassen, dass die Gänsefeder nicht abbricht“, berichtet Amina Haliti, die sich in der mittelalterlichen Kunst der Kalligraphie übte. „Schreiben konnten damals aber nur die Geistlichen und Adlige“, macht Bohlmann deutlich.

Praxisnahe Lernstationen

Beim Kochen probierten die Sechstklässler zwei angelsächsische Rezepte aus. Hühnersuppe mit Erbsen und Knoblauch wurde zubereitet und Roggenbrot mit Leinsamen gebacken. „Der Brotteig war ziemlich klebrig“, merkt Lara-Sophie Lewandowski an.

Philipp Bohlmann präsentiert den Schülern das „Mittelalter zum Anfassen“ und geht dabei mit bestem Beispiel voran. Der Student ist in der Projektwoche in typische Kleidung jener Zeit gewandet; die bis zu den Knien reichende Ledertunika, Beinwickel und Lederschuhe hat er selbst angefertigt. „Die Frauen trugen über einem Untergewand, das meist aus Leinen war, knöchellange Wollkleider“, weiß der Fachmann.

Krieger trugen im Mittelalter eine bis zu 40 Kilogramm schwere Kampfausrüstung. Hier hilft Student Philipp Bohlmann – selbst in eine Tunika gewandet – Lisa Krahn aus der 6b dabei, ein Kettenhemd überzuziehen. - Fotos: Mix

Unglaublich schwer zu tragen hatten die Krieger im Mittelalter. Die vollständige Kampfausrüstung eines Fußsoldaten wog laut Bohlmann 40 Kilo und bestand aus einem Gamleson, worunter ein mantelartiger Wams zu verstehen ist, Dichlinge genannten Oberschenkel-Knie-Polsterungen, einem Plattenrock, der Leder mit eingenähten Stahlplatten enthielt, einem Kettenhemd und einer Kettenhaube für den Kopf sowie Schwert und Schild.

Heute soll die Smartphone-Generation in Rollenspielen noch die gesellschaftlichen Aspekte dieses Zeitalters vermittelt bekommen. Bohlmann: „Von 500 bis 1500 gab es eine stark hierarchisch geprägte Ständegesellschaft, individuelle Freiheiten genossen nur sehr wenige.“

Lehrerin Mickley freut sich, dass das Projekt in den kommenden Tagen auch noch Personen außerhalb der Schule Freude bereiten wird: „Schülerinnen und Schüler haben mir erzählt, dass sie mit den gefärbten Seidentüchern schöne Weihnachtsgeschenke mit nach Hause nehmen können.“ 

 mm

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