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„Habe beide Angeklagten noch nie gesehen“

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Zwei als Paketboten getarnte Täter sollen am 5. Juni 2018 einen Achimer überfallen und zwei Rolex-Uhren erbeutet haben. Dieses
Zwei als Paketboten getarnte Täter sollen am 5. Juni 2018 einen Achimer überfallen und zwei Rolex-Uhren erbeutet haben. Dieses © polizei

Achim/Verden – „Diese Augen werde ich nie vergessen“, sagte am Mittwoch voller Überzeugung am Landgericht Verden das 31 Jahre alte Opfer eines Raubüberfalls in Achim. Der Zeuge wurde daraufhin von dem Vorsitzenden Richter gebeten, sich die Angeklagten genau anzusehen. Seine Reaktion: „Ich kann ihnen zu hundert Prozent sagen: Ich habe beide Angeklagten noch nie gesehen.“

Zwei Täter in der Kleidung von DHL-Paketboten sollen den damals 27-Jährigen am späten Nachmittag des 5. Juni 2018 an seiner Wohnungstür mit einer Schusswaffe bedroht, geknebelt und beraubt haben. Laut Anklage erbeuteten sie zwei Rolex-Uhren im Wert von 18 000 und 18 500 Euro Bargeld.

Erst knapp vier Jahre später kommt es zum Prozess bei der 2. Großen Strafkammer. Der 28 Jahre alte Angeklagte schweigt. Sein mutmaßlicher Komplize bestreitet die Tat. „Niemals“ sei er an der Adresse in Achim gewesen. Vergebens habe er im Internet nach einem Foto des Opfers recherchiert, um nachvollziehen zu können, ob er dem Achimer schon mal begegnet ist. Gespannt schaute er zur Saaltür als der Geschädigte aufgerufen wurde.

Vorher regte einer der beiden Verteidiger noch an, dem Zeugen ein Aussageverweigerungsrecht einzuräumen. Dahingehend, dass er sich nicht selbst belasten muss. Der Verteidiger erhob Zweifel an dem in früheren Aussagen geschilderten Tatgeschehen. Von einer „Alibi-Verwüstung“, sprach der Jurist, und das als gestohlen gemeldete Rolex-Modell könne nicht, wie seinerzeit geschildert, nach der Fesselung vom Arm gezogen worden sein.

Die Kammer folgte dem nicht, allerdings fragte der Vorsitzende Richter Dr. Andreas Ortmann intensiv auch zu einem Ferrari nach, den der Geschädigte zum Tatzeitpunkt gefahren haben will. Schließlich war der Achimer damals nach eigenen Angaben noch Auszubildender, den Sportwagen habe er für 150 000 Euro in Belgien gekauft. Dass er über einen solch hohen Geldbetrag verfügen konnte, erklärte der Zeuge mit seiner Sparsamkeit und mit einer größeren Erbschaft. Er meinte, dass die Räuber den Schlüssel für den Wagen gesucht hätten.

Genervt wirkte der Zeuge von den vielen Detailfragen. „Es war nicht Heiligabend“, so der Zeuge zur Frage nach dem Wochentag. Er sprach von einer Rauferei im Hausflur, beschrieb es dann als Ringen, und sagte zuletzt, Fäuste seien eingesetzt worden. „Ich habe es versucht zu verdrängen“, erläuterte er. Schließlich sei es vier Jahre her. „Warum mein Nachbar das nicht gehört hat, frage ich mich bis heute.“

„Als ich auf dem Boden lag, hatte ich schon die Knarre im Gesicht.“ Da habe er sich „eigentlich“ nicht mehr gewehrt. Bei der Polizei soll der Achimer noch überzeugt gewesen sein, dass die Pistole echt war. Am Mittwoch vor Gericht nicht mehr.

Er sei dann von den Räubern in die Wohnung gezogen, gefesselt und geschlagen worden. Mit einer Machete oder einem unter seinem Bett liegenden Stock. Vor ihrem Verschwinden hätten die Täter die Fesselung wieder entfernt.

Später wurde nach den Angaben des Opfers ein Phantombild eines Angreifers gefertigt. Auf vorgelegten Fotos erkannte der Achimer keinen der Täter wieder. „Dann hat der Polizeibeamte gesagt, einer war es“, berichtete der Zeuge. Wegen gesicherter DNA-Spuren. Der Prozess wird fortgesetzt.

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