Gewaltopfer Christoph Rickels berührt Schüler der Liesel-Anspacher-Schule

Echter Schicksalsschlag bringt zum Nachdenken

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Behinderung ist noch lange kein Hinderungsgrund, demonstrierte Christoph Rickels (l.) in der Liesel-Anspacher-Schule.

Achim - Von Lisa Duncan. Gewaltprävention verfolgt zwar hehre Ziele, krankt aber allzu häufig am erhobenen moralischen Zeigefinger. Dem setzte die Liesel-Anspacher-Schule Achim gestern eine wahre und berührende Geschichte entgegen: Die Geschichte von Christoph Rickels. Vor neun Jahren streckte ihn ein Angreifer mit einem einzigen gezielten Schlag auf die Schläfe zu Boden. Rickels fiel ins Koma und ist seither halbseitig gelähmt. Aufgrund seiner Behinderung ist er arbeitsunfähig, der alte Freundeskreis wendete sich von ihm ab.

Aber statt sein Schicksal still schweigend hinzunehmen, geht der 29-Jährige unter Menschen und spricht mit Jugendlichen über Zivilcourage. „Ich nutze das Negative, was mir passiert ist, weil ich damit emotional bewegen kann“, sagt er. Rund 40 Schulen besucht er pro Jahr. Kontaktbeamtin Katja Brammer hatte ihn vor drei Jahren erstmals nach Achim geholt. Nach einer Kooperation mit dem Präventionsrat 2015 lud diesmal Schulsozialarbeiterin Erika Wutz-Reessing den Referenten ein und Brammer bot begleitend ein Selbstbehauptungstraining an. Heute kommt Rickels nochmal in die Realschule.

Rückblende: Mit 20 war Christoph Rickels ein gut aussehender Sonnyboy mit vielen Interessen: musikalisch, sportlich, politisch aktiv. „Ich war früher der coole Macker“, teilt er den Siebtklässlern mit. Da sich sein Berufswunsch Polizist mangels Abitur nicht realisieren ließ, zog es ihn zu den Feldjägern der Bundeswehr. Daraus wurde nichts.

Nur aus Erzählungen und Überwachungsvideos kann er rekonstruieren, wie der Täter, ein geübter Handballer, auf ihn zusprang und ihn bewusstlos schlug. Als er nach vier Monaten Koma erwachte, war er zu 80 Prozent schwerbehindert. Vieles, auch das Sprechen, musste er von Grund auf wieder lernen. „Ich schaue in den Spiegel und der Mensch, der ich mal war, ist von dieser Sekunde an nicht mehr da“, so die Worte eines Rapsongs, den er nur eine Woche vor der Gewaltattacke aufnahm. Für Rickels mehr als Zufall, eine Ironie des Schicksals.

Der Täter entschuldigte sich nie, verurteilt wurde er lediglich zu zwei Jahren auf Bewährung. Bis heute klagt Rickels auf Schmerzensgeld.

Aus dem Ereignis, das sein Leben komplett veränderte, hat Christoph Rickels eine wichtige Lehre gezogen: „Es ist verdammt nochmal nicht cool, sich rumzuboxen.“ Auch Rapper Bushido mit seinen Gewalt verherrlichenden Texten missfällt ihm heute. Stattdessen hält er Werte wie Freundschaft und Liebe hoch.

„First Togetherness“ (Gemeinschaft zuerst) nennt Rickels daher auch sein Projekt, mit dem er Jugendliche aufrütteln will. Ausgehend von diesem Gemeinschaftsgedanken, wirbt er nicht nur für Zivilcourage in gewalttätig aufgeladenen Situationen. Er warnt auch vor Drogenkonsum, der leicht in die Sucht führen könne: „Lasst lieber gleich die Finger davon.“ Und er ermutigt Jugendliche, sich für eigene Projekte zu engagieren, Sport zu treiben, Musik zu machen, kurz: ihre Möglichkeiten zu nutzen.

2012 zeichnete ihn dafür Niedersachsens Innenminister Uwe Schünemann für Zivilcourage aus. 2015 ernannte ihn Bundesinnenminister Thomas De Maizière zum Botschafter für Demokratie und Toleranz. Mit Jörg Pilawa dreht er bald ein Video zum Thema Integration und Inklusion. „Es sind die Erfolge, die mich schubsen“, sagt Rickels.

Dann wirft der junge Mann seine eigene Willenskraft in die Waagschale: „Wer hat Lust, gegen einen Behinderten anzutreten?“, fragt er und begibt sich mit einem Schüler in einen Liegestütz-Wettkampf. Der 13-jährige Abdullah muss bei Nummer 34 aufgeben. Ein Grund, mal nachzudenken, bevor man das nächste mal sagt: „Alter, bist du behindert“, so Rickels.

„Respekt“, meint dazu Abdullah. „Das ist der Hammer, was er durchzieht“, findet die 13-jährige Chantal, die zugibt, zeitweise den Tränen nahe gewesen zu sein. Ähnlich ging es Alondra: „Musik war sein Leben. Ich finde es heftig, dass der Täter sich nicht mal entschuldigt hat.“

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