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Geschichtswerkstatt Achim: Menschen wollen den persönlichen Blick

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Von: Manfred Brodt

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Helmut Köhler weiß: Persönliche Geschichte interessiert besonders.
Helmut Köhler weiß: Persönliche Geschichte interessiert besonders. © Brodt

Achim – Welche Schätze schlummern im Archiv von Helmut Köhler, dem Vorsitzenden der Geschichtswerkstatt Achim? Um dieser Frage nachzugehen, hat sich das Achimer Kreisblatt in den Räumen dieses gemeinnützigen Vereins umgesehen – und natürlich auch mit Köhler gesprochen. „Schätze haben wir keine“, sagt er. Kein Gold und Silber oder wertvolle Gemälde. Aber jede Menge Literatur und Dokumente aus und zu den verschiedenen Epochen, zur Heimatgeschichte wie zur deutschen Geschichte.

Die Schreckenszeit des Nationalsozialismus bildet einen Schwerpunkt unter anderem mit Veröffentlichungen über die Liquidation des jüdischen Friedhofs in Thedinghausen und die vergessenen Juden in Thedinghausen, ihre Verfolgung und Verschleppung in Achim, mit einer Publikation der Familie der ermordeten Widerstandskämpferin Cato Bontjes van Beek „Verbrennt die Briefe“. Aber nicht nur zu diesem düsteren Kapitel deutscher Geschichte findet sich hier viel Lesenswertes. Mit Freudenthal kann der Leser hoch interessant und unterhaltsam durch die Heide fahren, zur Deichgeschichte kann er viel erfahren, die Windmühlen im Gohgericht Achim haben im Archiv des Clüverhauses ihren Platz ebenso wie die vielen schon wissenschaftlichen Bände des Stadtarchivars Horst Korte zur Achimer Geschichte. Wer etwas zum Kampf um das Frauenwahlrecht, über die Zigarrenmacher in Achim als Kulturträger oder Deutsche in Übersee aus dem Elbe-Weser-Raum erfahren will, wird hier fündig.

Auch die gescheiterte Novemberrevolution 1918 nach dem Ende des Ersten Weltkriegs in den heimischen Breiten ist hier unter der plattdeutschen Parole „Lewer dod as Slaw“ festgehalten. Natürlich sind auch die immer zum Jahresende erscheinenden Achimer Geschichtshefte der Geschichtswerkstatt, mittlerweile 26 an der Zahl, mit ihrer breiten Themenpalette komplett vorhanden.

Auch Festschriften, Chroniken, Bänder und Fahnen zu Jubiläen von Ortschaften, Vereinen und Verbänden haben hier ihren Platz.

Achims Ehrenbürgermeister Christoph Rippich hat jetzt der Geschichtswerkstatt etliche Kisten seines Schrifttums vermacht. Die Mitglieder des Vereins sind nun dabei, das Material des schreibfreudigen Achimer Alt-Bürgermeisters, dessen Amtsantritt bald 40 Jahre zurückliegt, zu sichten. Auch auf Interna, unter anderem alles andere als freundliche Mitteilungen an den früheren Verwaltungschef und Stadtdirektor in den 80er-Jahren, darf man gespannt sein.

Es sind wohl weit über 1000 Publikationen, die im Archiv lagern, deren Titel und genauer Standort im Clüverhaus in zwei Broschüren festgehalten ist, sodass keine lange Sucherei einsetzen muss. Eine Arbeitsgruppe der Geschichtswerkstatt ist jetzt dabei, in mühsamer Kleinarbeit diese Übersicht ins digitale Zeitalter zu übertragen.

Gegenstände im Archiv der Geschichtswerkstatt Achim wecken Erinnerungen an die manchmal gar nicht so gute alte Zeit.
Gegenstände im Archiv der Geschichtswerkstatt Achim wecken Erinnerungen an die manchmal gar nicht so gute alte Zeit. © -

Es sind allerdings oft nicht die großen Fragen und Linien der Geschichte, die die nachfragenden Menschen interessieren, weiß Helmut Köhler zu berichten. Viele wollten von der Geschichtswerkstatt etwas erfahren über ihre Familie, ihr Haus, ihre Schule, über ihre ganz persönliche Vergangenheit und die Veränderungen im Laufe der Jahrhunderte oder Jahrzehnte. Auch da kann die Geschichtswerkstatt schon einmal helfen, denn sie besitzt auch persönliche Nachlässe und eine ganz besondere Kostbarkeit: Mehrere Ordner mit alten Ansichtskarten von Achim und seinen heutigen Ortsteilen, die in den meisten Fällen früher verschickt, verschenkt, verkauft und erworben worden sind. Das alte Dorf Achim mit Pferdefuhrwerken auf der Obernstraße, später mit der Tankstelle bei Gieschen, dem Marktplatz mit Bushaltestelle und Imbiss, aber ohne Rathaus werden wie vieles andere lebendig und Erinnerungen wecken. Der Ausdruck „Ansichtskarten“ ist hier allerdings wörtlich zu nehmen. Sie dürfen nur angesehen, nicht ausgeliehen werden. „Sonst ist die Gefahr, dass sie verloren gehen und wir sie nicht zurückbekommen zu groß“, sagt Helmut Köhler.

Neben Literatur und Ansichtskarten lagern im Dachgeschoss der Geschichstwerkstatt auch noch etliche handfeste Gegenstände aus der manchmal gar nicht so guten alten Zeit. Bügeleisen, Kaffeemühlen, eine Blechkiste mit Pfeiffer-Dillers-Kaffeeersatz für die Zeit des Zweiten Weltkriegs, Spinnrad oder Kinderwagen wecken auch rührselige Erinnerungen und füllen eine lange Regalwand. Auf der Rückseite dieser Regelwand sind ähnliche Utensilien des Heimatvereins Achim gelagert, mit dem die Geschichtswerkstatt nach früherem Zwist um die Zeit der Nazi-Diktatur inzwischen ein gutes Verhältnis pflegt.

Die vielen Gegenstände aus früheren Zeiten wären bestimmt ein guter Grundstock für ein Achimer Heimatmuseum. Doch das ist nach jahrzehntelangen Kämpfen trotz geeigneter Häuser von den politischen Akteuren in Achim nicht ermöglicht worden. Also auch Achimer Geschichte.

Wer mehr über die „kleinen Schätze“ der Geschichtswerkstatt erfahren möchte, kann zu den regelmäßigen Treffen immer am letzten Sonntag im Monat ab 10.30 Uhr ins Clüverhaus kommen oder separate Termine vereinbaren.

Weitere Info im Internet

www.geschichtswerkstatt-achim.de

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