Gelebte Solidarität 113 Jahre lang

Ortsstelle Achim des Bahn-Sozialwerks schließt

Eine besinnlich-fröhliche Weihnachtsfeier gibt es dieses Jahr nicht mehr beim Bahn-Sozialwerk Achim.
+
Eine besinnlich-fröhliche Weihnachtsfeier gibt es dieses Jahr nicht mehr. archiv

Nach 113 Jahren löst sich die Achimer Ortsstelle des Bahn-Sozialwerks (BSW) zum Jahresende auf. Zuletzt kamen immer weniger Ratsuchende in die Sprechstunde.

  • Immer weniger Besucher und kein Nachfolger für Ortsstellenleiter Heinz Olliges
  • Die 230 Mitglieder werden auf andere Ortsstellen verteilt
  • Knippessen und Ausflüge gehören seit jeher zum Programm

Achim – Mindestlohn und Sozialleistungen wie heute gab es im Kaiserreich nicht. Weite Teile der Bevölkerung waren arm, hatten bei harter Arbeit kaum ihr Auskommen. Das galt auch und gerade für die „Malocher“, die dazu beitrugen, dass Güter- und Personenzüge fahrplanmäßig über das Schienennetz des Deutschen Reiches dampften, und zu Hause oft zahlreiche Familienmitglieder mit zu versorgen hatten. So gründeten am 23. März 1907 17 Reichsbahner von Etelsen bis Sebaldsbrück den in den eigenen Reihen wohltätigen und Zusammenhalt bietenden Eisenbahnerverein Achim, der nur wenige Monate danach im Kameradschaftswerk der Reichsbahn aufging. Jetzt, 113 Jahre später, endet diese lange Geschichte der gelebten Solidarität. Die Achimer Ortsstelle des Bahn-Sozialwerks (BSW), wie es sich heute nennt, wird am 31. Dezember aufgelöst. Was aber nichts mit der Corona-Pandemie zu tun hat.

Büros im Achimer Bahnhof bereits 2019 aufgegeben

„Zu den zweimal im Monat angebotenen Sprechstunden kamen zuletzt immer weniger Besucher, die Rat in Rentenfragen und anderen sozialen Angelegenheiten suchten“, berichtet Heinz Olliges, seit 20 Jahren Vorsitzender der Ortsstelle. Deshalb habe der Verein die im Achimer Bahnhofsgebäude angemieteten zwei Büroräume bereits 2019 aufgegeben. „Außerdem fand ich unter den rund 230 Mitgliedern keinen Nachfolger für die Ortsstellen-Leitung“, erzählt Olliges, der im März 80 Jahre alt wird.

Der gelernte Elektriker gehört seit 1963 dem Sozialwerk an. Seinerzeit wechselte er von einer Firma zur Bundesbahn, arbeitete dort im Signaldienst und schlug nach dem Besuch einer Abendschule die gehobene Laufbahn ein. Als Technischer Bundesbahn-Amtsrat war Olliges bis zu seiner Pensionierung im Jahr 2000 für den Ober- und Gleisbau im Bereich Verden, Nienburg und Rotenburg zuständig.

Um 1900, zu Zeiten von Kaiser Wilhelm II., herrschte trotz der Bismarckschen Sozialgesetzgebung in vielen Familien bittere Not. Da sei Solidarität in der Gesellschaft oder zumindest innerhalb eines Berufsstandes gefragt gewesen. „Eisenbahner verdienten damals sehr wenig. Gerade wenn sie mehrere Kinder hatten und krank wurden, sollten sie unterstützt werden“, erklärt Heinz Olliges den Sinn und Zweck des Sozialwerks. Im Todesfall werde bis heute auch den Witwen und Waisen finanziell unter die Arme gegriffen und menschlicher Kontakt zu ihnen gepflegt.

Finanzielle Unterstützung für ehemalige Eisenbahner

Die Mitglieder dieses Hilfsverbunds zahlen laut Olliges aktuell einen monatlichen Beitrag von drei Euro. Den Löwenanteil der Unterstützungsleistungen steuert die Stiftung Bahn-Sozialwerk bei. „Das ist heutzutage ein Millionenbetrag, um in Not geratenen Eisenbahnern, suchtkranken Kollegen, Alleinerziehenden oder Senioren mit kleiner Rente zu helfen“, erläutert der gebürtige Emsländer, der schon lange in Achim-Uphusen heimisch geworden ist. „In großen Städten wie München und Frankfurt betreibt das BSW sogar eigene Kindergärten.“ Hotels in attraktiver Lage von der Nord- und Ostsee bis zum Berchtesgadener Land, in denen die Mitglieder günstig Urlaub machen können, zählen ebenfalls zum Angebot.

Seit seiner Pensionierung engagiert sich Heinz Olliges ehrenamtlich in dem Verein und rückte dort gleich an die Spitze. Unterstützt von seinem Stellvertreter und Kassenwart Heinz-Jürgen Kaup (Mahndorf) sowie Theodor Tanski (Hemelingen), hielt der Witwer das BSW zwei Jahrzehnte lang vor Ort am Laufen. Neben den Beratungsstunden in Räumen des Achimer Bahnhofs, in denen zuletzt ein Bäckereishop betrieben wurde, stand die Pflege der Geselligkeit obenan. Einmal pro Jahr unternahmen die Bahner und Angehörige unter der Regie von Olliges Tagesausflüge, die zum Beispiel nach Sögel und Schloss Clemenswerth, „meine alte Heimat“, oder nach Walsrode mit dem berühmten Vogelpark führten. Spaß hatten die Vereinsmitglieder auch bei Wandertouren mit anschließendem Knipp- oder Kohlessen. Und jedes Jahr gab es eine Weihnachtsfeier – die für 2020 fällt nun allerdings coronabedingt aus.

Schon in gut zwei Wochen ist der BSW-Standort Achim-Sebaldsbrück Geschichte. „Die 230 Mitglieder, wohl zu 90 Prozent Rentner, werden dann auf die Ortsstellen Verden und Bremen aufgeteilt“, informiert der scheidende Vorsitzende. Ganz beenden wird Heinz Olliges seinen Einsatz für den Zusammenhalt der Bahner-Familie dennoch nicht. „Ich werde weiterhin, wie schon seit 20 Jahren, die Geburtstagskinder im Raum Achim besuchen.“

Von Michael Mix

Das Büro des Sozialwerks im Bahnhof ist geschlossen, nun geht auch Heinz Olliges.
Ihr 100. Jubiläum feierte die BSW-Ortsstelle Achim 2007 mit vielen Gästen bei „Meyer-Bierden“. archiv

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

Fünf wirklich außergewöhnliche Erlebnistouren

Fünf wirklich außergewöhnliche Erlebnistouren

Dominikanische Republik: Der bunte Hund von Cabarete

Dominikanische Republik: Der bunte Hund von Cabarete

So fährt es sich im Ford Mach-E

So fährt es sich im Ford Mach-E

Desserts mit Gemüse zubereiten

Desserts mit Gemüse zubereiten

Meistgelesene Artikel

Barmer Geisterauto kommt jetzt weg

Barmer Geisterauto kommt jetzt weg

Barmer Geisterauto kommt jetzt weg
Schöner wohnen mit Gebrauchtmöbeln

Schöner wohnen mit Gebrauchtmöbeln

Schöner wohnen mit Gebrauchtmöbeln
Landkreis Verden: Dienstag erstmals seit langem null Neuinfektionen

Landkreis Verden: Dienstag erstmals seit langem null Neuinfektionen

Landkreis Verden: Dienstag erstmals seit langem null Neuinfektionen
Trinkwasser: Plötzlich Zeitdruck

Trinkwasser: Plötzlich Zeitdruck

Trinkwasser: Plötzlich Zeitdruck

Kommentare