Mangel verschärft sich weiter

Gynäkologen protestieren gegen TSV-Gesetz - Ein Interview mit Inga Shaw

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„Heute geschlossen“ heißt es für die Praxen von Inga Shaw, Kay Gottschewsky und Tammo Kunst. In dringenden Notfällen vertreten die Bremer Gynäkologinnen Helge Rommerscheid, Telefon 0421/341126, und Michaela Fehling in der Praxis Beushausen, Telefon 0421/3469664, ihre Achimer Kollegen. 

Heute bleiben die Praxen der drei Achimer Gynäkologen Inga Shaw, Dr. Tammo Kunst und Kay Gottschewsky geschlossen. Die Mediziner fahren nach Hannover, um dort mit vielen Kollegen gegen das Terminservice- und Verordnungsgesetz (TSVG) von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn zu protestieren. Über die Kritik sprach Redakteurin Katrin Preuß mit Inga Shaw.

Achim - „Schnellere Termine, mehr Sprechstunden, bessere Angebote für gesetzlich Versicherte“, damit wirbt das Ministerium für das TSVG. Die Ärzteschaft widerspricht dem - und sieht in dem Gesetz zudem einen Eingriff in ihre Selbstverwaltung.

Frau Shaw, das TSVG sieht ein Mindestsprechstundenangebot von 25 Stunden/Woche bei niedergelassenen Ärzten vor, statt bisher 20. Das klingt doch nach einer Verbesserung für die Patienten, oder?

Richtig, das hört sich gut an. Allerdings müssen nur die Ärzte ihre Sprechzeiten erhöhen, die derzeit nur 25 Stunden pro Woche und weniger anbieten. Wer kennt so eine Praxis? Ich nicht. Das Gesundheitsministerium hat auch bis dato nicht untersucht, auf wie viele Praxen das zutreffen könnte. Meine beiden Fachkollegen und ich haben diese 25 Stunden am Mittwochmittag beziehungsweise Donnerstagmorgen erreicht. Was auch wichtig ist: Die Herausnahme der Sprechstundenvereinbarung aus dem Bundesmantelvertrag für Ärzte (BMVÄ) und Überführung in ein Gesetz ist ein Schritt in Richtung Staatsmedizin. Welche Versorgungsqualität das beinhaltet, kann man am National Health Service (NHS) in Großbritannien sehen. Dort beneidet man uns um kurze Wartezeiten und den direkten Zugang zum Facharzt.

Und wie verhält es sich mit den fünf Stunden offene Sprechzeit bei Augen-, HNO- oder auch Frauenärzten, zu denen Menschen ohne Termin kommen können?

Diese Zwangsverpflichtung halten wir nicht für notwendig und lehnen das „Hineinregieren“ in unsere Sprechstunden ab. Für wirkliche Notfälle und akute Beschwerden stehen in allen Praxen kurzfristige Termine zur Verfügung. Das sind aber keine Wunschtermine! Das Terminmanagement ist eine schwierige Aufgabe und wird von unseren erfahrenen MFA professionell umgesetzt. Dabei werden Dringlichkeit und individuelle Bedürfnisse soweit als möglich berücksichtigt. Aber lassen wir uns mal auf die offene Sprechstunde ein: Ich wandle also fünf Stunden meiner jetzt schon 25 Wochenstunden überschreitende Sprechzeiten in eine offene Sprechstunde um. Fünf Stunden in meinem Terminkalender bleiben weiß! Habe ich dann pro Woche mehr Termine für Anfragen zur Verfügung? Wohl kaum! Und wie gehen wir damit um, wenn in der offenen Sprechstunde mehr Patienten erscheinen, als in dieser Zeit medizinisch verantwortlich zu bewältigen sind? Oder wenn nur sehr wenige kommen. Dann hätten wir wertvolle Termine vergeudet.

Ärzte sollen für die Mehrarbeit und für die Aufnahme neuer Patienten vergütet werden. Ein Allgemeinmediziner, der seinem Patienten einen Termin beim Facharzt vermittelt, erhält fünf Euro dafür. Ist das kein Anreiz?

Das hört sich für Patienten - und Wähler - wirklich erst mal gut an. Um den Pferdefuß zu erkennen, muss man ein paar Dinge über die kassenärztliche Vergütung wissen. Wenn von „extrabudgetärer Vergütung“ die Rede ist, bedeutet das nicht „Extrageld von den Kassen“. Die Krankenkassen stellen die so genannte Gesamtvergütung zur Verfügung, die in einen Budgettopf und einen extrabudgetären Topf unterteilt wird. Wenn nun von den extrabudgetären Geldern etwas zusätzlich bezahlt werden soll, muss es bei budgetären Leistungen weggenommen werden. Die erwähnte Mehrvergütung wird also woanders einbehalten. Unterm Strich wird sich nicht viel ändern, zumal die angebotenen Beträge den bürokratischen Mehraufwand nicht im Mindesten widerspiegeln.

Ein Kritikpunkt Ihres Berufsstandes am TSVG ist, dass es das Arzt-Patienten-Verhältnis störe. Was ist damit gemeint?

Wenn Gesetze Patientenströme leiten sollen, wenn Neupatienten der bestehenden Klientel und chronisch Kranken vorgezogen werden (sollen), wenn die Behandlung von Schwerkranken aus Budgetgründen zum Risiko wird, dann steht das zwischen Arzt und Patient.

Ärztemangel, Landflucht, langes Warten auf einen Termin beim Spezialisten: Dass das Gesundheitssystem in Deutschland verbesserungswürdig ist, darüber herrscht sicher Konsens. Wenn aber das TSVG nicht der große Heilsbringer ist, was ist es dann?

Der Exodus deutscher Ärzte ins europäische Umland oder die USA ist Folge zunehmender Gängelei, Bürokratie und drohender Sanktionen. Das lässt sich mit noch mehr Eingriffen in den Praxisablauf wirklich nicht verbessern. Einen Heilsbringer kennen wir auch nicht, aber eine Beendigung der Budgetierung wäre ein Schritt in die richtige Richtung. Diese wurde unter anderem deshalb eingeführt, weil man die unnötige Ausweitung kassenärztlicher Tätigkeiten unterbinden wollte. Nun Mehrarbeit zu fordern, widerspricht dem ursprünglichen Ansatz. Es wäre aber auch hilfreich, wenn weniger vereinbarte Arzttermine ungenutzt verstreichen würden. Die Zahl der sogenannten „no-shows“ beläuft sich zeitweise auf sieben bis zehn pro Woche. Bei rechtzeitiger Absage könnten diese zeitnah der medizinischen Versorgung zur Verfügung gestellt werden. Wir wollen mit unserer Aktion Aufmerksamkeit darauf lenken. Wenn uns nicht gelingt, eine deutliche Entschärfung und Nachbesserung des TSVG-Entwurfs zu erreichen, könnte ich mir vorstellen, dass ältere Kollegen unter den sich abzeichnenden Umständen auch zwei bis drei Jahre früher in den Ruhestand gehen. Was den Mangel noch weiter verschärfen dürfte.

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