1. Startseite
  2. Lokales
  3. Landkreis Verden
  4. Achim

Gebietsreform vor 50 Jahren: „Milchkuh“ Uesen wollte von Achim gut gefüttert werden

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Michael Mix

Kommentare

Eitel Sonnenschein rief die Reform nicht hervor.
Eitel Sonnenschein rief die Reform nicht hervor. © Mix

Achim – „Wir machen keinen Hehl daraus, dass wir nicht mit fliegenden Fahnen nach Achim kommen“, sagte Uesens Bürgermeister Heinz Meyer (SPD) am 29. Mai 1972 bei der Unterzeichnung des Gebietsänderungsvertrags mit der Stadt Achim und den anderen benachbarten Dörfern. Er selbst und sämtliche Ratsherren der Gemeinde hatten sich schwarze Krawatten umgebunden.

Und dann überreichte Meyer Achims Bürgermeister Christoph Rippich (SPD), der die Versammlung in der Pausenhalle der Realschule leitete, unter schallendem Gelächter auch noch ein Stofftier. „Milchkuh Gemeinde Uesen. Bitte gut füttern!“ stand da drauf.

„Wir waren dank der Desma, die über 1 000 Mitarbeiter hatte, die reichste Gemeinde weit und breit“, erklärt Manfred Winsemann, einer der schwarzen Schlipsträger von damals und heute 83 Jahre alt. Der Schuhmaschinenhersteller sei ein „Riesensteuerzahler“ gewesen. „Ich erinnere mich, dass wir eine freie Spitze von vier Millionen DM hatten. Das war ganz gewaltig“, sagt der frühere SPD-Ratsherr.

Uesen schwamm geradezu im Geld. „Die Gemeindestraßen waren alle ausgebaut“, blickt Winsemann zurück. Und anders als in Achim mit seiner 90-Prozent-Regelung hätten die Anlieger in Uesen auch nur 60 Prozent der Herstellungskosten beisteuern müssen. In den letzten Jahren vor der Mitte 1972 in Kraft tretenden Gebietsreform habe die Gemeinde außerdem das Rathaus und den Kindergarten an der Heinrich-Laakmann-Straße errichtet. „Und ganz zum Schluss haben wir uns auch noch ein Lehrschwimmbecken neben der Schule gegönnt.“

Weil Uesen so gut aufgestellt gewesen sei, verzichtete die Gemeinde im Gegensatz zu den anderen Dörfern rings um Achim laut dem Zeitzeugen und Mitentscheider praktisch auch auf einen Forderungskatalog. Lediglich „Bestandsschutz“ habe der scheidende Rat verlangt.

„Vor allem die älteren Einwohner hatten Angst, dass die Uesener in der Stadt untergebuttert werden“, weiß Winsemann. Das habe sich jedoch nicht bewahrheitet. „Allerdings war Uesen in den ersten zehn Jahren nach der Eingemeindung stiefmütterlich dran“, schränkt er ein.

Ähnlich wie in Bierden gab es aber schon immer eine enge Verbindung mit Achim. „Hier gab es ja nur wenige Läden. Einkaufsmäßig waren die Uesener Richtung Achim orientiert.“

Manfred Winsemann war 1972 Ratsherr in Uesen.
Manfred Winsemann war 1972 Ratsherr in Uesen. © Mix

Doch gerade für Jugendliche glich der Weg in die nahe Stadt mitunter einem Spießrutenlauf. „Wenn wir nach Achim ins Kino wollten, mussten wir unterwegs zahlen“, hat Winsemann nicht vergessen. Denn beim „Grenzübertritt“ nahe der Windmühle hätten Mitglieder einer Großfamilie gelauert. „Wer das Wegegeld – wohl ein, zwei Groschen – nicht bezahlen wollte oder konnte, bekam Dresche.“

Aber auch auf der anderen Seite der Gemeindegrenze trieb die gegenseitige innige Abneigung seltsame Blüten. „Wenn ein Uesener bei Pape ein Badener Mädchen zum Tanz aufforderte, musste er Lösegeld zahlen.“

Bürgermeister Heinz Meyer mit Milchkuh.
Bürgermeister Heinz Meyer mit Milchkuh. © Mix

Bei Veranstaltungen im eigenen Dorf drehten die einheimischen jungen Leute den Spieß um. „Bei Ernte- und Schützenfesten im Gasthaus Schäfer oder an der Weser herrschte oft Randale. Wir waren auch keine Kinder von Traurigkeit“, räumt der 83-jährige Witwer mit einem Lächeln ein.

Aber selbst Erwachsene pflegten die Feindbilder und gaben diese an den Nachwuchs weiter. „Unsere Kinder durften nicht mit den Kindern aus Achim auf der anderen Seite des Uesener Mühlenwegs spielen“, erzählte eine betagte Anwohnerin. Es waren ganz andere Zeiten.

Die Gebietsreform habe sich im Nachhinein als richtig erwiesen, betont Manfred Winsemann, der sich von 1986 bis 2006 im Stadtrat engagierte. „Als die Sowjetunion zusammenbrach und die Desma deshalb in eine große Krise stürzte, war ich froh, dass Uesen nicht mehr eigenständig war, sondern zu Achim gehörte. Das hätte die Gemeinde finanziell nicht überlebt.“

Auch interessant

Kommentare