Gastfreundschaft zu Ende gedacht

Interview: Vorsitzende Frauke Haar zum Welthospiztag über ein vielseitiges Ehrenamt

Frauke Haar, Vorsitzende der Hospizhilfe Achim, bei ihrem Besuch in der Redaktion des Achimer Kreisblatts.

Achim – Freitag ist Welthospiztag (vollständig: Welthospiz- und Palliative-Care-Tag): Ein Gedenktag, der auf das Wirken der 1976 von der englischen Ärztin und Krankenschwester Cicely Saunders begründeten, ehrenamtlichen Hospizbewegung aufmerksam machen soll. Die Hospizhilfe Achim bietet dazu am Freitag von 9 bis 12 Uhr auf dem Wochenmarkt einen Infostand an. Vorab sprach Redakteurin Lisa Duncan mit der Vorsitzenden Frauke Haar unter anderem über das Kümmern als Teil des weiblichen Rollenbilds und Hospiz in den sozialen Medien.

Seit vielen Jahren leisten Sie Vorstandsarbeit in der Hospizhilfe Achim und sind als Sterbe- und Trauerbegleiterin aktiv. Damit sind Sie typisch: Laut einer Studie ist „ehrenamtliche Hospizarbeit nach wie vor weiblich und mittelschichtsbasiert und wird überwiegend von Frauen in der späten Erwerbs- beziehungsweise Nacherwerbsphase getragen“. Wie erklären Sie sich das?

Frauen kümmern sich in unserer Gesellschaft traditionell immer noch um andere Menschen, angefangen bei den Kindern, Partnern, Eltern. Trotz Emanzipation ist es halt immer noch das gelebte Rollenbild. In den meisten Familien, ist es halt noch so, dass wahrscheinlich – wenn es die klassische Ehe ist – der männliche Partner wahrscheinlich den Beruf hat, mit dem er mehr Geld verdient. Und wenn die Kinder kommen, ist es immer noch klassischerweise die Frau, die entweder ganz aufhört zu arbeiten oder auf Teilzeit geht. Es gibt natürlich Ausnahmen, aber es ist immer noch der Regelfall. Vom Alter her ist es auch klar. Vorher sind die Kinder immer noch präsent, es ist der Beruf, die Mehrfachbelastung, die es den Frauen auch nicht erlaubt, da schon früher einzusteigen. Ich glaube, bei Vielen ist es auch so – ich will das jetzt nicht diskreditieren – , dass ein Ersatz gesucht wird. Die Kinder sind aus dem Haus und jetzt brauche ich irgendwas anderes, wo ich mich kümmern kann. Ich glaube, das ist bei vielen so – nicht bei allen, definitiv nicht.

Frauen kommen aber auch häufiger mit dem Thema Sterben in Beziehung. Sie pflegen häufig die Eltern oder die Schwiegereltern, sodass man da schon aus dieser Erfahrung heraus sagt: „Ich war da so allein, ich möchte nicht, dass andere auch so allein dastehen.“ Also, diese Notwendigkeit wird eher gesehen, dass da Beistand und Begleitung sein muss.

Wenn ich mir meine Mitstreiterinnen angucke, dann sehe ich, dass die letztlich alle selber eine heftige Trauererfahrung hatten. Und da neu anzufangen und zu gucken: Wie kann ich diese Erfahrung nutzbringend für mich und andere einsetzen? Ich glaube, das ist für viele Frauen ein Punkt zu sagen: Da kann ich anderen, aber immer auch mir selber, was Gutes tun.

Also steckt da auch eine Sinnsuche dahinter?

Auf jeden Fall.

Wir haben ja auch Männer, zwar wenige, aber das ist bei denen nicht der Auslöser, sich im Hospiz zu engagieren. Männer trauern ja auch anders. Die „ver-arbeiten“ vieles, denke ich, indem sie sich wirklich mit Arbeit zuschütten und sehr beschäftigt sind und das damit nicht so zulassen. Denn Trauer ist ja immer auch erstmal eine extreme Erfahrung, die einem selber klar macht, dass man nicht so unbesiegbar und unangreifbar ist. Das können Männer oft nicht so gut aushalten.

Heute ist Welthospiztag. Wie würden Sie jemandem, der noch nie von der Hospizbewegung gehört hat, erklären, was Sie da machen?

Die Begrifflichkeit hat ja einen Ursprung. Da liegt die wahre Bedeutung drin. Hospize waren ursprünglich die Gasthäuser, die an den Straßen und Wegen lagen. Heute fahren wir, wenn wir Glück haben, und kein Stau ist, in einer Stunde nach Hamburg. Früher dauerte das ein bisschen länger. Da musste man halt auch mal Rast machen und da waren die Straßen auch nicht so sicher. Das heißt, man brauchte Orte, wo man irgendwo mal ausruhen konnte, wo man sein Vieh versorgen konnte, wo man was zu essen und zu trinken bekam, einigermaßen Sicherheit hatte, aber auch Informationen bekam. Welche Brücke ist zusammengebrochen oder in welchem Wald sind wieder Räuber? Ein Ort, wo man Austausch und, ja, auch Fröhlichkeit und Entspannung hatte. Und im Grunde ist das, was Hospiz eigentlich will. Es will das ganze Leben darstellen und wirklich ganzheitlich einem Menschen Unterstützung anbieten. Nicht nur für den Körper, nicht nur für den Geist, nicht nur für die Seele und nicht nur für den Menschen als soziales Wesen, sondern für den ganzen Menschen.

Das diesjährige Motto lautet „Buntes Ehrenamt Hospiz“. Unter anderem hat die Deutsche Hospizbewegung den Aktionstag 2019 zum Anlass genommen, auf Instagram aktiv zu werden. Welche Chance sehen Sie darin, die sozialen Medien zu nutzen? Hat das auch eine Kehrseite?

Eine Chance auf jeden Fall, vielleicht auch mal jüngere Menschen anzusprechen. Denn ich glaube, das ist nun mal für die jüngere Generation das alltägliche Miteinander.

Wir dürfen nur nicht die Älteren wieder abhängen. Ich finde es schwierig, wenn der Fokus zu sehr darauf liegt. Wenn ich mir meinen Schwiegervater angucke, der ist 96, der ist noch sehr fit, auch körperlich. Aber der hat noch nicht mal ein Mobiltelefon. Und der ist von vielen Dingen heute schon abgeschnitten. Gucken wir uns mal eine ganz normale Nachrichtensendung im Fernsehen an. Es wird immer eingeblendet: Näheres unter www ... Und da ist der schon abgehängt. Solange wir noch Menschen haben, die diesen (nicht mehr so) Neuen Medien noch skeptisch gegenüberstehen, muss man da aufpassen. Wir haben das im Verein gerade gemerkt: Als wir den Vorstand neu übernommen haben, haben wir gesagt, wir müssen jetzt ein paar Sachen anders machen. Also, Kommunikation verbessern. Wir haben nun den Google-Kalender, um intern Termine zu kommunizieren, aber die Hälfte unserer aktiven Mitglieder kriegt das noch nicht auf die Reihe. Das wird sicher noch ein Weilchen dauern, bis alle darin den Nutzen für sich erkennen.

Dass man das als zusätzliche Ebene für Informationen nutzt, ist wunderbar, wenn man sich nicht zu sehr darauf fokussiert. Zum Beispiel: Da geht ein Pärchen Essen und jeder ist erst mal mit seinem Smartphone beschäftigt. Das darf bei der Hospizbewegung nicht so werden.

Über welche Charaktereigenschaften sollte man als ehrenamtlicher Hospizhelfer verfügen?

Ich glaube, das Wichtigste ist Offenheit. Offen sein für neue Erfahrungen, denn Hospizarbeit ist ganz viel Auseinandersetzung, die man erstmal, und dann immer wieder mit sich selber ausmacht. Auch wenn man in der Ausbildung ist, geht es immer darum, dass man sich selber mit seiner eigenen Sterblichkeit und Verletzbarkeit auseinandersetzt. Das heißt nicht, dass man Erfahrung haben muss mit Menschen, die im eigenen Umfeld gestorben sind. Aber diese Auseinandersetzung mit der Endlichkeit, das ist erst mal wichtig. Ich glaube, nur dann kann man auch echt sein. Wenn man zumindest mal versucht hat, das zu hinterfragen. Und tolerant sollte man sein. Denn wir sind als Hospizler nicht konfessionell oder ideologisch gebunden. Natürlich hat jeder privat seinen Glauben oder Nicht-Glauben, aber das hat in der Begleitung nur insofern was zu suchen, wenn Betroffene das anfordern. Ansonsten muss ich jemanden, der, meinetwegen, das goldene Efeublatt anbetet, erstmal so nehmen wie er ist und nicht gleich versuchen, zu intervenieren. Wir sind heute ja leicht so, dass wir immer gleich was tun müssen. „Sie sind jetzt traurig, das müssen wir mal ändern, dass Sie eben nicht mehr traurig sind.“ Und das ist Quatsch. Es geht eher um die drei Prinzipien: Aushalten, Innehalten und Abstand Halten.

Was tun Sie selbst, um ein Maß zwischen Distanz und Nähe zu finden?

Für mich ist das vielleicht ein bisschen leichter, weil ich auf der einen Seite auch Pflegefachkraft bin und das von der Profession her hoffentlich gelernt habe, diese Nähe-Distanz-Balance aufrecht zu erhalten. Aber ich glaube, das ist etwas, das jeder im Beruf, in der Familie, mal lernen muss, das Ganze mal aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Das sind die verschiedenen Aspekte des Lebens, die einem da den Ausgleich bieten.

Durch ein bestimmtes Hobby?

Was ich brauche, ist Beschäftigung in der Natur. Das kann eine Wanderung sein, das kann ein Spaziergang sein, das kann aber auch die Gartenarbeit sein. Da kann ich mich exzessiv reinstürzen. Es ist sicher Musik, es ist Lesen, viele Sachen. Seit die Kinder groß sind, reisen mein Mann und ich viel.

Für unsere aktiven Begleiter besteht übrigens die Verpflichtung, wenn sie begleiten, dass sie Supervision in Anspruch nehmen. Wir bieten regelmäßig Supervision mit einer externen Supervisorin an. Und das muss von den aktiven Begleitern auch genutzt werden. Psychohygiene wirklich als Pflichtprogramm. Manchmal merkt man es ja selber nicht, wenn man in so einen Sog gerät. Dann wird es spätestens da erkannt, und dann muss vielleicht auch mal eine Zwangspause verordnet werden. Aber ich erlebe unsere Mitglieder, die aktiv sind, als so reflektiert und erfahren, dass die selber schon sagen: Ich hab jetzt drei Begleitungen in einer ziemlich schnellen Folge gehabt, ich muss jetzt mal ein bisschen Abstand haben.

Wie steht es um ihr eigenes Verhältnis zu Sterben und Tod? Die meisten Menschen haben Angst davor, Sie auch?

Ich weiß nicht, ob sich mein Verhältnis dazu durch die Hospizarbeit verändert hat. Ich bin in der glücklichen Lage gewesen, schon als Kind mit Tod konfrontiert worden zu sein. Ich habe ganz eng das Sterben der Großeltern erlebt. Da gab es gelungene, und da gab es nicht so gelungene Geschichten. Ich war zum Beispiel bei einem Großvater wirklich ganz eng dabei und das hat, glaube ich, bei mir schon sehr früh die Angst genommen. Mir war irgendwie als Kind schon klar, dass das, was man dann am nächsten Tag bei uns mit dem Sarg abgeholt hat, mit meinem Opa nicht mehr viel zu tun hatte. Das war ein Körper. Und den konnten sie ruhig mitnehmen, das war okay. Ich hab’ das sehr intensiv empfunden, dass da irgendwas passiert, wenn ein Mensch stirbt. Und dass das nicht so furchtbar schrecklich und gut auszuhalten war.

Sie machen ja auch Kindertrauerbegleitung.

Ich habe selber zwei behinderte Kinder und auch viele Freunde mit Kindern mit Behinderung und auch Kindern, die schon leider verstorben sind. Das Thema Tod hat einen so auch immer begleitet. Auch die Angst bei den eigenen Kindern. Bei mir hat es den Eindruck nochmal ein bisschen verstärkt, dass wir alle dieses Tabu Tod nicht kennen, auch unsere Kinder nicht. Ich weiß noch, irgendwann saßen wir mit Bekannten zusammen am Tisch und eine unserer Töchter dann plötzlich so mitten rein: „Also, ich möchte aber nicht verbrannt werden!“ (lacht). Das sind eben Sachen, die bei uns völlig normal auf den Tisch kamen, immer. Der Tod ist ja auch immer da. Das klingt jetzt vielleicht makaber, aber ich geh’ mal davon aus, dass wir in der Familie relativ genau wissen, was der andere möchte oder nicht möchte. Und das ist in vielen Familien nicht der Fall. Dann meinen die Eltern, sie tun den Kindern etwas Gutes, weil sie sich für eine anonyme Bestattung entscheiden. Und die Kinder sind dann hinterher todunglücklich, weil sie keinen Ort haben, wo sie trauern können. Man hätte mal drüber reden sollen.

Ich glaube, dass der Weg zur Hospizarbeit durch mein Leben schon fast vorgezeichnet war. Irgendwann hat mich eine Bekannte angesprochen und gesagt: „Da fängt jetzt so ein Kurs an für ehrenamtliche Hospizarbeit. Das wäre doch auch was für dich.“ Dann bin ich da hingegangen und so war das.

Ist der Tod das Ende oder kommt noch etwas danach?

Ich weiß nicht was, aber ich bin sicher. Weil die Natur nicht verschwenderisch ist. Sie wird das, was sie da mühsam hat wachsen lassen, nicht einfach verschwenden. Da geh ich einfach von aus. Es wird alles wieder gebraucht. Es gibt so etwas wie ein kollektives Bewusstsein, das glaube ich schon, und dass man da irgendwie ein kleines bisschen zu beiträgt.

Hospizhilfe Achim – Möglichkeiten der Unterstützung und Mitarbeit

Mit rund 60 Mitgliedern – davon acht ausgebildete Trauerbegleiter – setzt sich der Verein Hospizhilfe Achim unter anderem dafür ein, die Themen Krankheit, Alter, Sterben und Tod zu enttabuisieren, sie als wichtigen Teil des Lebens ins öffentliche Bewusstsein zu heben. Die Ehrenamtlichen helfen dabei, dass schwerkranke Menschen ihren letzten Lebensabschnitt bewusst und sinnvoll erleben können. Durch Zeit zum Reden und zum Schweigen sind sie in dieser Phase, und bei Bedarf in der Zeit danach, auch für Angehörige da. Die Sterbe- und Trauerbegleiter arbeiten ehrenamtlich und kostenlos und unterliegen der Schweigepflicht. Alle aktiven Begleiter der Hospizhilfe haben eine anerkannte Ausbildung (Umfang etwa 120 Stunden) bei Kooperationspartnern (etwa bei der Hospizhilfe Bremen-Nord) absolviert. Mitglieder der Hospizhilfe erhalten diese Ausbildung kostenfrei. „Man sollte dann allerdings bereit sein, zwei bis drei Jahre bei uns mitzuarbeiten“, sagt Frauke Haar. Das ist auch im rein organisatorischen Bereich möglich. Unterstützen kann man den Verein zudem über Spenden oder eine passive Mitgliedschaft.

Mehr über die Hospizhilfe Achim

www.hospizhilfe-achim.de oder per E-Mail kontakt@hospizhilfe-achim.de

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