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„Freiheitliche, bunte Gesellschaft stärken“

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Von: Michael Mix

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Der zwölfte Jahrgang des Gymnasiums am Markt versammelte sich im großen Kasch-Saal. „Schuld“ daran war Lehrerin Mirjam Phillips (vorne links), hier neben Schulleiter Dirk Stelling.
Der zwölfte Jahrgang des Gymnasiums am Markt versammelte sich im großen Kasch-Saal. „Schuld“ daran war Lehrerin Mirjam Phillips (vorne links), hier neben Schulleiter Dirk Stelling. © Mix

Achim – Wer bekommt schon brandaktuellen Politikunterricht und eine Lektion in Sachen Demokratie von einem ehemaligen Bundespräsidenten? Der zwölfte Jahrgang des Gymnasiums am Markt (Gamma) lauschte am Donnerstag zwei Schulstunden lang den Worten von Christian Wulff. Der Altbundespräsident hielt im großen Saal des Kasch im Zeichen des Kriegs von Russland in der Ukraine ein flammendes Plädoyer für eine freiheitliche, bunte Gesellschaft.

Schulleiter Dirk Stelling freute sich, den Oberstufenschülerinnen und -schülern solch einen prominenten Gast bieten zu können. Lehrerin Mirjam Phillips sei von einer Lesung Wulffs in Bremen derart begeistert gewesen, dass sie ihn dort spontan gefragt habe, ob er nicht mal nach Achim ans Gamma kommen wolle. Das frühere Staatsoberhaupt, selbst Vater von drei Kindern im Schulalter, sagte zu und fesselte zumindest einen Teil des jungen Publikums mit einem lebendigen Vortrag.

„Die offene Gesellschaft wird immer mehr von Autokraten und Dikatatoren bedroht“, legte Wulff sogleich den Finger in eine in Europa frisch schmerzende Wunde. Außer der Frage von Krieg und Frieden gelte es aber noch weitere große Probleme wie die Klima- und die Migrationskrise in der Welt zu lösen. Das könne nur mit einem „fairen Ausgleich von Interessen“ gelingen.

„Aber Nationalismus und Imperialismus sind offenbar schwer auszublenden“, wie Putins Waffengang jetzt zeige. Allerdings gebe es Abschottungstendenzen auch anderswo, etwa in Polen und Ungarn, „und auch US-Präsident Trump war Nationalist“. Meinungs-, Presse- und Reisefreiheit wie wir sie kennen gefährdeten die Macht und das Repressionssystem von Autokraten. Dass nicht Lukaschenko, sondern eine Demokratin eigentlich als Siegerin aus der Wahl in Weißrussland hervorgegangen sei, habe wohl bei Putin alle Alarmsirenen schrillen lassen und womöglich den Anstoß zum Überfall der ebenfalls nach Freiheit, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit strebenden Ukraine gegeben.

Solch ein Krieg, „nur 1 700 Kilometer von uns entfernt“, sei auch für ihn bis vor Kurzem noch undenkbar gewesen. Denn das von den Nazis angezettelte Inferno liege ja schon lange zurück. „Ich werde dieses Jahr 63, habe in Frieden und Freiheit gelebt, die deutsche und die europäische Einheit erlebt.“

Doch frühere Generationen hätten mitunter sogar zwei Weltkriege durchleiden müssen. „Meine Sorge ist, dass die Menschheit nicht aus der Geschichte gelernt hat“, sagte Christian Wulff. Mal auf eine Demo für Frieden und Freiheit zu gehen oder bei einer Hilfsaktion, wie jetzt beispielsweise für die notleidende ukrainische Bevölkerung, mitzumischen, reiche nicht aus. Der CDU-Politiker, der einst auch Ministerpräsident von Niedersachsen war, ermunterte die jungen Leute, sich in demokratischen Parteien zu engagieren. Jeder Einzelne werde gebraucht, damit die Weltordnung in dieser „Zeitenwende“, von der Kanzler Olaf Scholz jetzt zu Recht gesprochen habe, nicht vollends aus den Fugen gerate. Wulff mahnte: „Demokratie klingelt nicht, wenn sie geht. Sie ist aufeinmal weg.“

Die junge Generation erlebe ja eine „rasante Digitalisierung“ vieler Lebensbereiche. Den einfachen Zugang zu Informationen und Unterhaltungsformaten sowie den unkomplizierten Austausch über alle Grenzen hinweg erachteten viele als Vorteil, aber die neue Technik sei nicht nur ein Segen. „Avatare können Stimmen erkennen und schon bald Sätze aus dem Zusammenhang reißen und in Inhalt verfälschender Weise neu zusammenstellen“, skizzierte der 62-Jährige ein Szenario, das nicht mehr allzu fern sei „und uns sicherlich noch große Probleme bereiten wird“.

Vor diesem Hintergrund forderte Wulff die Jugendlichen auf, sich aus unabhängigen Quellen zu informieren, öffentlich-rechtlichen Rundfunk zu bevorzugen und anerkannte Zeitungen zu lesen, „wenn nicht auf Papier, dann doch zumindest auf dem Tablet“. Guter Journalismus habe freilich seinen Preis. Jeder und jede sollte auf den Prüfstand stellen, für was er oder sie Geld ausgebe und für was nicht. Quintessenz sollte sein: „Ich zahle für Qualitätsmedien.“

Christian Wulff hielt einen lebendigen Vortrag.
Christian Wulff hielt einen lebendigen Vortrag. © -

In der anschließenden Fragerunde beklagte ein Schüler, dass die öffentlich-rechtlichen Sender oft einseitig berichteten, überwiegend links-alternativ eingestellt seien. „Und die Positionen der AfD werden meist totgeschwiegen.“ Wulff vertrat dazu einen klaren Standpunkt: „Von der AfD müssen wir uns alle abgrenzen.“ Denn diese Partei stehe für Intoleranz und Fremdenfeindlichkeit. AfD-Funktionäre diffamierten freiheitliche Berichterstattung als „Lügenpresse“ und bedrohten Journalisten. Dabei sei das Gegenteil der Fall: „Im weltweiten Vergleich haben wir eine sehr gute Medienlandschaft.“

Was den Schüler zu einer Nachfrage veranlasste: „Sie haben doch unter Journalisten gelitten!?“ Erzkonservative Medienhäuser, wie der Springer-Verlag, hätten eine „üble Hetzjagd“ gegen ihn veranstaltet, „weil ich denen zu tolerant, zu islamfreundlich war“, antwortete Wulff, der von 2010 bis 2012 Bundespräsident war und vorzeitig von seinem Amt zurücktrat. Vom über Medien lancierten Vorwurf der Vorteilsnahme wurde er später gerichtlich freigesprochen. Wulff zeigte bei seinem Auftritt im Kasch keinen Groll, sondern legte den Zwölftklässlern sogar nahe, Journalist oder Journalistin zu werden. „Das ist neben Lehrer mit der wichtigste Beruf.“ Abschließend zu dem Thema merkte er noch an: „Mein Fall hat sich nicht wiederholt und ist von den Medien kritisch aufgearbeitet worden.“

Schließlich wollte ein Schüler noch wissen, ob Wulff mal Putin begegnet sei. Ja, er habe ihn bei einem Staatsbesuch in Moskau erlebt. Und dabei sei ihm klar geworden: „Putin lehnt unsere Art von Vielfalt und Buntheit ab.“

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