Fahrerflucht

Prozess: Frau schleudert über Haube, Fahrer braust davon

Achim - Von Michael Mix. Wildwest auf dem Achimer Parkweg: Auf der idyllischen Straße, die entlang des Parkfriedhofs führt, duellierten sich am 19. August 2015 Fußgänger und ein Autofahrer. Weil Erwachsene damals Kinder durch einen heranrauschenden Wagen gefährdet sahen, stellten sie sich ihm in den Weg. Der Fahrer stoppte kurz, gab dann aber Gas, verletzte eine Frau und brauste davon. Der 65-jährige Achimer musste sich am Mittwoch vor dem örtlichen Amtsgericht wegen fahrlässiger Körperverletzung verantworten.

Zusammen mit seinem Verteidiger Uwe Muth hatte er den nach der Tat ergangenen Strafbefehl von 35 Tagessätzen zu je 30 Euro Geldbuße sowie das ebenfalls verhängte zweimonatige Fahrverbot nicht hinnehmen wollen. Doch am Ende der Beweisaufnahme mitsamt der Anhörung von mehreren Zeugen des Geschehens drohte dem Angeklagten eine weit höhere Strafe, wie Richter Andreas Minge und Staatsanwalt Khenkhar gegenüber dem Beschuldigten und dessen Rechtsbeistand andeuteten.

Aber der Reihe nach. Der Angeklagte betonte vor Gericht, 45 Jahre lang unfallfrei gefahren zu sein. An dem besagten Nachmittag, als er den Parkweg von der Desmastraße aus in Richtung Obernstraße „in langsamem Tempo“ befuhr, seien plötzlich mehrere Personen vor seinen Wagen gesprungen. Diese hätten geschrien: „Halt an! Machen Sie die Tür auf!“ und mit Fäusten auf die Motorhaube und das Autodach eingeschlagen. Eine Frau habe sich an einem Außenspiegel festgehalten und diesen abgerissen. „Ich bin dann in panischer Angst weggefahren“, sagte der 65-Jährige und sprach von einer „bedrohlichen Situation“. Ein junger Mann sei dem Auto sogar hinterher gelaufen. „Ich war total fertig und geschockt. Dass eine Person verletzt wurde, war mir nicht bewusst“, behauptete der Achimer.

„Da waren keine Kinder"

Richter Minge hielt dem Beschuldigten entgegen, dass dieser bei der Vernehmung durch die Polizei angegeben habe, etwa 30 Stundenkilometer gefahren zu sein. „Erlaubt sind in der Spielstraße aber höchstens 10 Stundenkilometer. Und Sie sind an einer Gruppe von Kindern vorbeigefahren. Darauf haben die Erwachsenen reagiert.“ Der Angeklagte blieb bei seiner Aussage: „Da waren keine Kinder.“

Bei den Zeugen hörte sich das anders an. Das Unfallopfer, eine Anwohnerin, berichtete von zwei Mädchen, die mit Fahrrädern auf dem Parkweg, der keinen Fuß- oder Radweg hat, umher gekurvt seien, als der Wagen sich schnell genähert habe. „Da bin ich zusammen mit meinem erwachsenen Sohn und einem weiteren Mann auf die Straße getreten, um dem Fahrer zu bedeuten, das Tempo zu verringern.“ Doch dieser habe nach kurzem Anhalten plötzlich Gas gegeben und sei ihr über die Zehen eines Fußes gefahren. „Wenig später hing ich über der Motorhaube und lag auf der Straße.“ Außer blutigen Zehen habe sie infolge des Unfalls einen Ellenbogenbruch, Hüftprellungen und Schürfwunden erlitten, berichtete die 42-Jährige. Ihr Sohn sei dann noch hinter dem Auto hergelaufen und habe gerufen: „Sie haben meine Mutter angefahren!“

Der 18-Jährige äußerte sich ebenfalls als Zeuge vor Gericht. „Der Herr gab Gas, meine Mutter fiel um, und er ist einfach weitergefahren“, schilderte er und fügte an: „Das war vorne an seiner Seite, das hat er sehen müssen.“

Der Angeklagte sei mit überhöhter Geschwindigkeit angefahren gekommen und habe fast ein Kind erwischt, „das ist noch gerade rechtzeitig zur Seite gesprungen und dann gestürzt“, sagte ein 31-jähriger Zeuge aus. In dieser Situation habe er den Autofahrer zur Rede stellen wollen, „doch der hat die Scheiben geschlossen gelassen“. Aufs Auto habe niemand eingeschlagen, beteuerte dieser Zeuge genauso wie der junge Mann. Als die Anwohnerin hinzu getreten sei, sei der Beschuldigte losgefahren und sie sei über die Motorhaube geschleudert, führte der 31-Jährige weiter aus.

Für den Richter war am Ende klar: „Fahrlässige Körperverletzung? Eher mehr als das!“ Minge sprach von „grob rücksichtslosem Verhalten im Straßenverkehr“.

Woraufhin sich der Verteidiger und sein Mandant zur Beratung zurückzogen. Ergebnis: „Wir nehmen den Einspruch gegen den Strafbefehl zurück.“

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