Er hat sich nie auf eine bestimmte Ausdrucksform festlegen lassen

Günther Kressl ist Träger der besonderen Begabung Synästhesie

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Günther Kressl arbeitet leidenschaftlich in seinem Tiefdruckatelier. Gerade ist dort eine neue Monotypie entstanden: Farbradierung mit zwei übereinander gedruckten Platten.

Achim - Von Ingo Schmidt. Malerei, Musik, Grafik, Lyrik, Fotografie – Günther Kressl hat sich nie auf eine bestimmte Ausdrucksform festlegen wollen und das hat einen besonderen Grund: Es geht gar nicht, denn Idee und Ausdruck lassen sich weder fassen noch lenken. Visuelle Eindrücke inspirieren sein Gehör oder Lyrik seine Malerei. Günther Kressl ist Träger einer besonderen Begabung – der Synästhesie.

In ihm schlummert eine archaische Kraft, wie er sagt, die aus ihm heraus dränge, aber dabei nicht wisse, ob beispielsweise als Lyrik oder Malerei. Manchmal trete sie sogar parallel hervor. Kressl arbeitet in Zyklen, die er als Suiten bezeichnet. Weil er seine Gedanken nicht in einem Werk abbilden kann, müssen die Bilder und Texte einer Suit zusammenbleiben. „Wenn ich drucke, kommen Worte hinzu“, erklärt der Künstler. „Bild und Worte entstammen dann derselben kreativen Quelle und sie entstehen zweigleisig nebeneinander. Sie eint nur, dass sie aus derselben kreativen Quelle stammen.“ Das Wort sei keine Legende zum Bild, und das Bild nie Illustration zum Text.

Als Schüler wollte der gebürtige Ostfriese Komponist werden. Über viele Jahre nahm er privaten Klavierunterricht und lernte Geige. Schon bald aber seien ihm Zweifel gekommen, ob die Musik alleine reiche. Denn parallel schrieb er Gedichte und Kurzgeschichten, oder fertigte Zeichnungen an – Ideenreichtum und Ausdruckskraft erschienen ihm unermesslich. Noch jung an Jahren, wurde Kressl klar, dass er sich nicht festlegen dürfe, um sein kreatives Potenzial darzustellen. Sein Motto lautete fortan „Viva la liberta“ – es lebe die Freiheit! Statt Musik studierte er Medizin und ließ sich als Augenfacharzt in Achim nieder.

Bei aller Verantwortung für seine Patienten ließ ihn die Kunst jedoch niemals los. Um zu lernen, besuchte er an Wochenenden Spezialisten ihrer Kunstrichtungen und machte sich bald darauf selbst einen Namen in der Kunstszene: Seine Bilder und Lyrik-Bildbände waren bei internationalen Ausstellungen zu sehen und dort viel beachtet. Seit 1969 ist Günther Kressl Mitautor von über 100 Anthologien im deutschsprachigen Raum. Heute gilt er als Experte in Radierung und Tiefdruck. Sein Wissen über Kaltnadel, Aqua tinta, Reservage oder Vernis mou hat er als Mitbegründer und Dozent der Achimer Kunstschule über mehr als 30 Jahre weitergegeben. Dieses Engagement endet allerdings mit dem kommenden Semester. „Danach ist Schluss“, erklärt der 83-Jährige.

Gedanken entstehen im Kopf und treten gewendet hervor: Moorimpressionen in Mischtechnik.

Oft stellt Kressl seine Werke nicht mehr aus, zuletzt vor etwa zwei Jahren in der Villa Ichon in Bremen. Seine Bilder schlummern gut archiviert in Schubläden, Kartoneinbänden und Schränken oder finden sich in wilder „Petersburger Hängung“ in seinem Atelierhaus.

Leidenschaftlich befasst er sich immer noch mit neuen Techniken oder er experimentiert, schafft Collagen mit Radierungen in seinem Tiefdruckatelier. Inspiration findet er in sich selbst: „Ich muss nicht ins Moor, um Moorbilder zu malen, oder brauche Akt-Modelle, um Akte zu zeichnen“, erklärt der Facharzt im Ruhestand, „die Bilder sind bereits in mir vorhanden.“ Es gehe sowieso bei aller Kunst stets nur um die Metapher, und deshalb beschreiben die Titel seiner Werke auch nur das, was sie in ihm auslösen: „Der achte Tag“ oder „Überall ist Wunderland“. Seine Kunst fixiert, was Worte nicht erfassen: Die Bilder zeigen Landschaften oder Menschen, menschliche Extremitäten, oft nur abstrahiert dargestellt und manchmal mit erotischen oder humorigen Elementen. „Ernsthafte Kunst hat auch immer Raum für Skurriles und Komik“, sagt Kressl. Momentan komponiert er Melodien für eine Ausstellungseröffnung: „Ich habe die Skulpturen gesehen, und mir kamen sofort Töne in den Sinn.“ Aus diesem Grunde könne er sich auch nicht zur Ruhe setzen. Immer weiter drängen Ideen aus ihm heraus. „Das Schöne ist, das ich alles vor Ort machen kann, ich muss nie weit gehen und mir steht alles zur Verfügung.“ Seine Werke stehen für sich, sie sind sich selbst genug – und dabei sehr beeindruckend und schön.

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