René Sydow beeindruckt mit rhetorischer Brillanz und ehrlicher Leidenschaft

„Flüsse in China zeigen Trendfarben an“

Kabarettist René Sydow liefert mit „Die Bürde des weisen Mannes“ herausragende Politsatire. Foto: schmidt

Achim - Von Ingo Schmidt. Wortgewaltig, schonungslos und brillant auf die Bühne gebracht – diese Vokabeln beschreiben das Kabarett-Spektakel, das René Sydow am Sonntagabend im Kulturhaus Alter Schützenhof (Kasch) vor ausverkauften Rängen im Blauen Saal abfackelte. Mit seinem dritten Programm „Die Bürde des weisen Mannes“ fordert er dazu auf, nach neuen Perspektiven zu suchen und vor allem darüber zu reden. Ein Scheitern, Zögern, Irren dürfe sich jeder dabei zugestehen, aber am Ende müsse eine Frage klar beantwortet werden: Wofür will ich eigentlich leben? Die Themen Konsum, Bildung und gesellschaftliche Folgen einer voranschreitenden digitalen Technisierung stehen im Mittelpunkt seiner rasanten Bühnen-Performance, die das Publikum mit gewaltigem Applaus feierte.

Politiker würden beklagen, dass immer weniger Wähler an eine europäische Einheit glauben. „Aber nein, nicht die Wähler“, entgegnet Sydow, „die Nationalstaaten glauben nicht mehr daran.“ Stattdessen hätten sie Europa zu einem Kaufhaus gemacht, das Reiche immer reicher werden lasse und Arme immer ärmer. Die Politik verspreche den Bedürftigen, dass es ihnen bald besser gehe, aber sie verspreche damit Dinge, die sie nicht halten könne. So sei die Vollbeschäftigung für Arbeitnehmer eine irrige Illusion: Oxford-Wissenschaftler hätten errechnet, dass bald die Hälfte der EU-Bürger arbeitslos sei. „Wenn Sie ihre berufliche Tätigkeit in nur zwei Sätzen beschreiben können, haben Sie ihren Job in 20 Jahren an einen Roboter verloren“, warnt Sydow und fordert: „Eine europäische Politik muss sich dem Sozialen verpflichten.“

Scharf kritisiert er den hemmungslosen Konsumwahn, den Handelskonzerne via geschickt platzierter Logarithmen immer weiter befeuern: „Wir beuten uns selbst aus, im Glauben, uns zu verwirklichen“, beobachtet der 39-Jährige. „Aber wer möchte schon hören, dass 20 Kleider weniger glücklicher machen als zwei?“ Dabei kenne der Geldfluss nur eine Richtung: Zu mehr, mehr, mehr. Das gehe alles zu Lasten der Umwelt und der Menschenwürde. „Wissen Sie, woran Sie schon jetzt die Trendfarben der kommenden zwei Jahre von Primark, Kik und H&M erkennen können?“, fragt Sydow. „Ganz einfach an der Farbe der Flüsse in China.“

Moderne Technik mache uns darüber hinaus vollkommen weltfremd: In Deutschland werden 2,8 Milliarden Euro pro Jahr in die Digitalisierung der Schulen gesteckt, während das Essen in der Mensa Tierfutter gleiche. Nicht die digitale Ausstattung sei das Problem, sondern der Putz, der asbestverseucht von der Decke rieselt. Gleichzeitig erwachse just die erste Generation, die immer mehr Wissen verliere. Das „Netz“ werde einfach nur dazu benutzt, Urbedürfnisse zu befriedigen wie Pornos oder Urlaubsbilder anschauen. Eine fehlende Kompetenz liege aber nicht beim Schüler, sondern in einem Bildungssystem, das die Kinder auf eine Leistungsgesellschaft vorbereiten will. „Aber wer bewundert schon Leistung“, fragt Sydow lapidar und korrigiert: „Wir bewundern Erfolg.“ Millionen Menschen schauen neidvoll auf Stars wie Heidi Klum oder Kim Kardashian, die einfach nur Fotos von ihren Hintern posten und dafür enorm hohe Klick-Raten ernten. „Die Zukunft hat uns überholt und rennt uns voraus“, warnt Sydow.

Frei nach dem Motto „Kultur muss die Menschen fordern“ liefert der Mann aus Witten an der Ruhr keine Unterleibs-Komik, sondern ein handgemachtes und perfekt inszeniertes gesellschaftspolitisches Kabarett auf hohem Niveau. René Sydow pflegt nicht nur die gewachsene Tradition des politischen Kabaretts nach Georg Schramm oder Arnulf Rating, sondern er lebt sie auch und arbeitet an deren Weiterentwicklung. Themen, die ihm besonders wichtig sind, verpackt der Schauspieler und Regisseur in eigene dramaturgische Sequenzen.

Einmal in der Rolle eines durchgeknallten Nachbarn, einem Karrieristen, der sich per Fitness-Tracker überwachen und Algorithmen sein Leben bestimmen lässt: „Die Welt besteht bald nur noch aus Einsen und Nullen. Fragen Sie sich, was Sie sein wollen, Herr Sydow!“ Oder aber als Satan, der süffisant bemerkt, dass Kriege nie in seinem Namen geführt wurden und Gott seit Ende der Inquisition nur schleppend mit der Überzeugungsarbeit vorankomme. Natürlich sei das Böse erst durch den Sündenfall zum Laster geworden, aber der sei genauso alt wie die Dummheit. „Jeder habe die Möglichkeit frei und selbstbestimmt zu entscheiden und oft ist eine böse Tat nur das Scheitern einer Möglichkeit“, weiß Sydows dunkles Alter ego. Zur Tyrannei brauche der Mensch Systeme wie die Konsumreligion.

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