Flüchtlingsfamilien in Embsen lernen eifrig Deutsch / Erste ziehen in Wohnungen um / Viele Helfer unterstützen Integration

„Guten Morgen! Wie haben Sie geschlafen?“

+
Engagieren sich in Sprachkursen für die Syrer und Afghanen in Embsen: (von links) Ruth Heldt, Paul Brandt, Susanne Hügen und Rolf Grewing mit Lehrmaterial vor dem Dorfgemeinschaftshaus.

Embsen - Von Michael Mix. Kaum hatten die Syrer und Afghanen die ersten Brocken Deutsch im Sprachkurs gelernt, schallte den „eingeborenen“ Embsern auf der Straße zum Jahreswechsel ein freundliches „Guten Rutsch“ entgegen. „Die Bürgerinnen und Bürger hier waren begeistert, als sie das hörten“, berichtet Paul Brandt. Er zählt zu der Helferschar, die sich vor Ort um die Flüchtlingsfamilien kümmert und sich über deren „gut vorankommende“ Integration freut.

Auf die Vorkommnisse in Köln und Hamburg in der Silvesternacht hätten die Syrer und Afghanen in Embsen im Übrigen mit Scham reagiert, hat Brandt beobachtet. „Was dort an Übergriffen durch Migranten passierte, ist ihnen ziemlich peinlich.“ Anders als in manchen Großstädten vertragen sich Krieg, Terror, Not und Elend Entkommene und Einheimische auf dem „platten Land“ offenbar.

Seit dem Eintreffen von 55 Männern, Frauen und Kindern aus Afghanistan und Syrien am 28. Oktober in dem Achimer Ortsteil, wo sie nach einem sogenannten Amtshilfeersuchen des Landes Niedersachsen vom Landkreis Verden in der Sporthalle untergebracht worden sind, habe es im Dorf „eine Welle der Hilfsbereitschaft“ gegeben, betont Paul Brandt. Der TSV Embsen weiche mit seinen Sportangeboten ohne großes Murren auf andere Hallen in Achim aus, der Schützenverein stelle sein Heim für Sprachkurse, Hausaufgabenhilfe für Flüchtlingskinder und Helfertreffen zur Verfügung, das Kinderhaus „Alte Schule“ sei ebenfalls mit im Boot. Der 64-Jährige lobt auch den privaten Wachdienst, den Johanniter-Bund und die Cateringfirma Tuncel für ihre „hervorragenden, unkomplizierten, flexiblen“ Dienste zum Wohle der 55 Flüchtlinge.

Seit Dezember hätten die nun einen „neuen Status“. Die Syrer und Afghanen seien dem Landkreis mittlerweile vom Land als „Residenten“ zugewiesen worden, wodurch sie aus der Sammelunterkunft ausziehen könnten und sich im Asylverfahren befänden, informiert Brandt. Und neben der Verpflegung und dem Willkommenscafé gebe es jetzt im Dorfgemeinschaftshaus auch von der Bundesagentur für Arbeit geförderte Sprachkurse. Die Vita-Akademie aus Cloppenburg biete jeden Tag vier Unterrichtsstunden für Erwachsene an.

Die Dozenten würden dabei von ehrenamtlichen Helfern aus dem Ortsteil und dem weiteren Stadtgebiet unterstützt. „So ist differenzierte Kleingruppenarbeit möglich“, erklärt Paul Brandt, der bei den Sprachkursen den Einsatz der Ehrenamtlichen koordiniert. Die Verständigung geschehe auf Deutsch, Englisch, Arabisch und dem afghanischen Farsi. Vormittags büffelten vorwiegend Väter, nachmittags dann die Mütter, „damit sie sich wechselweise um die Kinder kümmern können“. Da werde partnerschaftlich miteinander umgegangen, stellt Brandt zufrieden fest.

Und noch eines erfüllt den Helfer mit Genugtuung: „In den Deutsch-Kursen herrscht eine unheimliche Disziplin, die Erwachsenen sind begeistert bei der Sache.“ Schon nach knapp einer Woche Unterricht bekämen viele eine „saubere Begrüßung“ hin. So habe er zuletzt schon mehrfach gehört: „Guten Morgen! Wie haben Sie geschlafen?“

Aber auch der Nachwuchs aus den Flüchtlingsfamilien lernt eifrig. Sechs Kinder besuchen nach Angaben von Brandt die Sprachförderklasse an der Grundschule am Paulsberg und drei jene am Cato-Bontjes-van-Beek-Gymnasium. 13 Mädchen und Jungen warteten auf einen freien Platz im Kindergarten.

Unterdessen verlasse die erste Familie die provisorische Massenunterkunft in der Sporthalle und ziehe in eine Mietwohnung in Embsen. „Das ist auch nötig, denn die Geburt des vierten Kindes steht in diesen Tagen bevor“, sagt Brandt. Möbel für die Wohnung seien von Dorfbewohnern spendiert worden.

Für weitere Familien aus Syrien und Afghanistan werde noch Wohnraum gesucht. Interessierte Eigentümer sollten sich mit Axel Eggers, Flüchtlingsbetreuer bei der Stadt Achim, unter Telefon 0174/3303276 in Verbindung setzen. „Den Wohnungen beziehenden Familien werden übrigens ehrenamtliche Paten zur Seite gestellt, die auch als Ansprechpartner für die Vermieter dienen können“, fügt Brandt noch an. Und: Er hoffe, dass die Feldbetten bald entbehrlich seien und die Halle spätestens im Sommer wieder für den Sportbetrieb genutzt werden könne.

Zusammen mit seiner Frau Bettina, Susanne Hügen, „die hier in Embsen ganz viel für die Flüchtlinge angeschoben hat“, und gut 20 weiteren Helferinnen und Helfern legt er sich auch für dieses Ziel ins Zeug. Mit vereinten Kräften, ist Brandt überzeugt, kann viel gelingen. „Wenn Leute an einem Strang ziehen, kommt richtig was bei raus.“

Mehr zum Thema:

Germanwings-Absturz: Gutachten verärgert Hinterbliebene

Germanwings-Absturz: Gutachten verärgert Hinterbliebene

Ermittler rätseln über Motiv des London-Attentäters

Ermittler rätseln über Motiv des London-Attentäters

Trotz Tragödien im Mittelmeer wächst Kritik an den Rettern

Trotz Tragödien im Mittelmeer wächst Kritik an den Rettern

Riesige Open-Air-Ausstellung: València ist Feuer und Flamme

Riesige Open-Air-Ausstellung: València ist Feuer und Flamme

Meistgelesene Artikel

Mehrere Verletzte bei Unfall auf der A27

Mehrere Verletzte bei Unfall auf der A27

Schlussstrich unter angebliche Sexaffäre

Schlussstrich unter angebliche Sexaffäre

Erst Stromausfall, dann kein Wasser

Erst Stromausfall, dann kein Wasser

Glockenspiel: Zwei Jahre Pause beendet

Glockenspiel: Zwei Jahre Pause beendet

Kommentare