Die Zollhausboys im Gymnasium

Fluchtdrama und Multikulti in mitreißenden Präsentationen

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Bei den Zollhausboys geht regelmäßig die Post ab.

Achim - Von Manfred Brodt. „Das ist Aleppo, da komm ich her, 1000 Jahre alt, ausgebombt, das lässt keinen kalt.“ Die „Zollhausboys“ behandelten Freitag Morgen in einer zweieinhalbstündigen mitreißenden Multikultishow vor den oberen Jahrgängen des Cato- und Markt-Gymnasiums in der proppevollen Cato-Aula das nicht neue, aber hochaktuelle Thema Flucht.

„Zollhausboys“ nennen sie sich nicht, weil sie sich mit Ländern, Grenzen und Zöllen befassen, sondern weil Pago Balke aus Thedinghausen und Gerhard Stengert aus Dinslaken die anderen vier Bandmitglieder in einer Bremer Flüchtlingsunterkunft namens Zollhaus kennengelernt hatten.

Für die zwei Deutschen und die anderen, die dem Unglück entflohen waren, ein Glücksfall. Voller Wehmut und Sehnsucht singen die Flüchtlinge von Schmetterlingen im Bauch, wenn sie an die weit entfernte Liebste denken, vom sternenklaren Himmel, der plötzlich mit Bomben und Granaten aufgerissen wurde. Der Dunst und Duft weniger Regentropfen nach langer Trockenheit erinnern sie hier an ihr geliebtes von Krieg, Terror und Diktatur geschändetes Heimatland.

Die Zollhausboys vermitteln das mit Musik aus den verschiedenen Kulturen, die Herz, Hirn und Beine erfasst und auch die jungen Gymnasiasten begeistert, die mitgehen und mitsingen, aber den Einbürgerungstest in Deutsch nicht bestehen, als sie „Fischers Fritz fischt frische Fische“ nicht nachsprechen können. Pago Balke: „Wohl nur Afghanen hier.“

Volles Haus und ein begeisterungsfähiges, junges Publikum in der Cato-Aula.

Die Show lebt nicht nur von Musik und Folklore, sondern ebenso von Kabarettistischem, Parodie, Pantomime und Tanz. Multikulti nicht als Problem, sondern in seiner schönsten Präsentation.

Klasse, als Balke unglaubliche Originalzitate von den „Deutschland-Alternativen“ verliest und der Syrer daneben das pantomimisch, fast wie in Gebärdensprache interpretiert.

Auch Balkes gereimtes Zwiegespräch mit der in die Schweiz geflohenen Angela Merkel ist ein Genuss.

Die auf vielfache Weise vermittelte Botschaft, dass die vielleicht urgermanische Angst und Fremdenfeindlichkeit bescheuert ist und dass wir doch alle eine Welt unter dem gleichen Himmel haben, kommt an, wie es sonst selten im Unterricht gelingt.

Auftritt passt zu Integrationsbemühungen

„Ihr seid ein klasse Publikum“, freut sich Pago Balke nach Riesenapplaus und mehreren Zugaben. Einige Klassen „dürfen“ dann noch in einer weiteren Schulstunde die Show inhaltlich nachbereiten.

Der Auftritt passt zu den Integrationsbemühungen der Achimer Schulen, den Sprachlernklassen für junge Flüchtlinge, die schon Gymnasialniveau erreicht haben, und zum Cato-Etikett „Schule ohne Rassismus, Schule mit Courage“, wie Ulrike Kompch, Pädagogin und Cheforganisatorin unterstreicht.

Die „Zollhausboys“, die die Woche erst vor dem Bundespräsidenten in Bremen auftraten, kann man schon wieder am Abend des Sonntags, 18. März, bei ihrem Auftritt im Kulturhaus Alter Schützenhof sehen. Prädikat: „Äußerst empfehlenswert.“

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